Der neue Spaß am gedruckten Bild

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Noch nie wurde so viel fotografiert, aber so wenig ausgedruckt. Für die Berlinerinnen Ul Vohrer und Annette Berr liegen die Ursachen dieses Phänomens auch in der Unkenntnis der Prozesse des Fotodrucks. Mit ihrer Druckwerkstatt wollen sie Kreative für die vielfältigen Möglichkeiten des Fine Art Prints begeistern und Wissenslücken schließen.

Nie war es einfacher, sich selbst fotografisch auszudrücken. Smartphones und Apps wie Instagram haben die Schwelle, selbst auf den Auslöser zu drücken oder Bilder zu bearbeiten, auf ein Minimum gesenkt. Aber auch Kompaktkameras und digitale Spiegelreflexkameras sind so günstig wie nie. Entsprechend sind die deutschen Haushalte ausgestattet. Mehr als jeder zweite Bürger in Deutschland verfügte 2014 über eine Digitalkamera, jeder zehnte sogar über eine digitale Spiegelreflexkamera.

Während hierzulande aber immer häufiger auf den Auslöser gedrückt wird, wird auch immer weniger gedruckt. Mit dem Interesse an der eigenen Fotografie steigt auch das Desinteresse an der nicht-digitalen Weiterverarbeitung des Datenmaterials. Mit der Verdrängung der analogen Fotografie durch die digitale Technik wachsen somit auch die Wissenslücken. Die meisten Hobbyfotografen geben ihre Daten in Supermärkten und Drogerieketten ab. Liebhaber- und selbst fortgeschrittene Fotografen laden ihre Bilddaten meist bei Onlinefotolaboren wie WhiteWall hoch, in der Hoffnung, bessere Qualität zu bekommen. Selbst Kunststudenten und angehende Fotografen drucken oft nicht selbst, weil sie denken, dass über eine Bildbearbeitung am eigenen Rechner hinaus die Möglichkeiten der eigenen Gestaltung des Fotos erschöpft sind.

Bei d'mage kann man sich mit der Optik und Haptik von über zwanzig unterschiedlichen Fotopapieren auseinandersetzen

Bei d’mage light kann man sich mit der Optik und Haptik von über zwanzig unterschiedlichen Fotopapieren auseinandersetzen, in der Prinz-Manufaktur stehen sogar mehr als 60 Papiere zur Auswahl

Die beiden sympathischen Berlinerinnen Ul Vohrer und Annette Berr wollen dieser Entwicklung etwas entgegensetzen, deshalb haben sie neben ihrer Print-Manufaktur d’mage – die unter anderem für Institutionen wie die Berlinische Galerie oder das Haus der Kulturen der Welt sowie den Hatje Cantz Verlag druckt – eine mit hochwertigen Rechnern und Printmaschinen ausgestattete Druckwerkstatt eingerichtet. Hier können Kreative das Handling mit ihren Bildern bis hin zum fertigen Druck selbst in die Hand nehmen.

Fine Art Printing heißt die relativ neue und inzwischen schon recht etablierte Form des digitalen Fotodrucks, der die Abgabe der eigenen Bilder an ein Labor obsolet gemacht hat. Die Qualität der Ausdrucke auf unterschiedlichsten Materialien ist derart hoch, dass sich selbst Granden der Fotografie wie der Modefotograf und Henri-Nannen-Preisträger F. C. Gundlach für diese Technik aussprechen. Weltstars wie eben F. C. Gundlach oder auch Turner-Preisträger Wolfgang Tillmanns, renommierte Fotografen wie Katharina Mouratidi, Friederike von Rauch oder Michael Najjar, aber auch aufstrebende Fotografen der neuen Generation wie Andreas Chudowski, Ann-Christine Woehrl oder Aiko Tezuka gehören zu den Kunden von Ul Vohrer und Annette Berr. Bei ihnen gehen aber auch zahlreiche noch nicht bekannte Künstler ein und aus, denn ein guter Druck ist mehr als die halbe Miete für ein gutes Bild. »Schließlich geht niemand wegen toller Rahmen, sondern wegen der Bilder und ihrer unmittelbaren Wirkung auf den Betrachter in eine Ausstellung«, kommentiert Berr.

Doch ein qualitativ hochwertiger Druck von Fotos hat seinen Preis, auch in der Print-Manufaktur d’mage. Vor allem die unbekannten Künstler hatten Vohrer und Berr immer wieder ihr Leid geklagt, dass sie ihre Bilder zwar gern bei ihnen drucken lassen würden, das aber ihr Budget übersteige. So entstand die Idee einer Self-Service-Druckwerkstatt auf höchstem Niveau, in der Kunstschaffende zu moderaten Preisen (für Schüler und Studierende gibt es nochmals einen Nachlass) selbst den Druck ihrer Werke vornehmen können. Seit einigen Wochen kann man einen der vier Arbeitsplätze direkt neben der Druck-Manufaktur am Kreuzberger Engelbecken mieten.

Der kräftige Farbausdruck beim Druck auf Zeitungspapier hat den Autoren am meisten überrascht.

Der kräftige Farbausdruck beim Druck auf Zeitungspapier hat den Autoren am meisten überrascht.

Die beiden Betreiberinnen der Druckwerkstatt schließen mit diesem Angebot nicht nur eine Lücke auf dem Markt, sondern nehmen zugleich eine geradezu missionarische Aufgabe an. Sie wollen junge Künstler dazu bringen, ein Bewusstsein für die Wirkung des Materials zu entwickeln, auf dem ihre Bilder gedruckt sind, und die Möglichkeiten jenseits der Bildbearbeitung für ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu nutzen. Nicht so selbstverständlich, wie man sich das vorstellt, denn Drucktechniken und die Wirkung von verschiedenen Papieren spielen an den Kunsthochschulen kaum eine Rolle.

Um für die optischen und haptischen Effekte der verschiedenen Papiere nicht nur ein Gespür zu entwickeln, sondern sie bewusst einzusetzen, braucht es Erfahrungen im Umgang mit den Papieren sammeln. Man muss etwas von dem Prozess verstehen lernen, der zwischen der Fotografie und der Galerie- oder heimischen Wand liegt. Vohrer und Berr bieten dafür Kurse an, in denen man mit die eigenen Motive auf verschiedenen Papieren an- und ausdrucken kann.

Es fängt schon damit an, dass sich nicht wenige immer noch darüber wundern, dass ihre wo auch immer ausgedruckten Fotos nicht dem visuellen Eindruck am Monitor entsprechen. Das Aha-Erlebnis stellt sich beim Verschieben der Bildansicht vom hinterleuchteten Mac-Bildschirm zum lichtneutralen Monitor in der Druckwerkstatt ein. Hier sieht man das Bild, wie es unter normalem Licht natürlicherweise erscheinen muss: weniger strahlend, etwas stumpfer, aber eben wirklichkeitsgetreu.

Die LargeFormat-Printer der neuesten Generation (Canon) drucken bis zu 1,60 Meter Breite

Die LargeFormat-Printer der neuesten Generation (Canon) drucken bis zu 1,60 Meter Breite

Viele Hochschulabsolventen und Studierende haben auch keine Erfahrung im Umgang mit dem Großformatdruck, wie er für Ausstellungen oft notwendig ist. Zwar haben alle schon mal den Drucker der Uni und den auf dem eigenen Schreibtisch bemüht, aber wenn sie dann vor einem der InkJet-Großformatdrucker stehen, ist das eine andere Sache. Dazu kommen die über zwanzig zur Auswahl stehenden Papiersorten, die die Druckwerkstatt bietet; vom einfachen Zeitungspapier über verschiedene Baryt- und Glossy-Papiere von Tecco und Innova bis hin zum Baumwoll- und offenen Papier von Hahnemühle; eine Auswahl im Bereich der Champions-League (ein normales Fotolabor hat in der Regel nicht mehr als drei Papiersorten).

Blöd nur, wenn Kunstschaffende nur über das Wissen eines Regional- oder Zweitligisten verfügen und beispielsweise nicht wissen, das etwa die Farben auf einem offenen, Papier aufgrund der Absorption des Lichtes die Tiefe der Nacht entwickelt, während der Druck auf einem Baryt-Papier zu hellen Blendeffekten führt. Aber wehe, die Fasern des offenen Papiers knicken um, dann bleiben unschöne Spuren auf dem Bild. Deshalb eignet sich offenes Papier beispielsweise nicht in einer Portfolio-Mappe, an einer sonnenbeleuchteten Wand hingegen schon.

Skeptisch macht viele Kunstschaffende der Grabenkampf zwischen der analogen und der digitalen Fotografie. Das Fine Art Printing ist auf die digitale Fotografie zugeschnitten und damit automatisch im Kreuzfeuer der Kritik »der echten«, der analogen Fotokunst. Ul Vohrer reagiert gelassen, sie kennt die Widerstände gegen die digitale Fotokunst: »Das Analoge wird oft für wertiger, einzigartiger, expliziter und originaler gehalten. Aber hier in der Print-Manufaktur und in der Druckwerkstatt entstehen keine Billigabzüge, sondern auf hochwertigen Materialien gedruckte Fotografien, die den höchsten Ansprüchen genügen. Das kann Analog in der Form gar nicht leisten.« In Zeiten, in denen Fotokunst zum Investitionsobjekt wird, sei vor allem die Archivfestigkeit von Fotos entscheidend, ergänzt Annette Berr. Hier hänge der Fine Art Print den Chemiedruck locker ab.

Offenes Fotopapier absorbiert das Licht. Es kommt zu keiner für das Auge wahrnehmbaren Reflektion.

Offenes Fotopapier absorbiert das Licht. Es kommt zu keiner für das Auge wahrnehmbaren Reflektion.

Der Fine Art Print garantiert zwischen 120 und 150 Jahre Farb- und Lichtechtheit, das ist mehr als das Doppelte als der Chemiedruck. Der übrigens ohnehin am Aussterben ist, viele Chemikalien werden gar nicht mehr hergestellt. Nicht zu vergessen die chemischen Reaktionen, wenn klassisch entwickelte Fotografien hinter Glas dem Licht ausgesetzt sind. Die Unabhängigkeit von der chemischen Reaktion wird neben der Materialvielfalt, die das Fine Art Printing bietet, zum Marktvorteil.

Es spricht eine Menge dafür, dass die Zukunft der gedruckten Fotografie im Fine Art Print liegt. Bei Ul Vohrer und Annette Berr kann man dem Entstehen dieser Zukunft nicht nur zusehen, sondern sie selbst ausprobieren. Allein dafür lohnt sich der Besuch von d’mage. Aber Vorsicht, es steht zu befürchten, dass, wer einmal dort war, immer wieder hingehen wird. Denn das richtige Papier für das jeweilige Foto finden und Fotos selbst ausdrucken – so zumindest die Erfahrung des Autors –, ist nicht nur eine spannende Sache, sondern macht auch mächtig Spaß und stolz.

Homepage der Druckwerkstatt: http://www.dmage.net/