Übersetzte Klassiker und gehobene Schätze

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Hanser Verlag. 704 Seiten. 39,90 Euro. / Manesse Verlag. 300 Seiten. 24,95 Euro.

Hanser Verlag. 704 Seiten. 39,90 Euro. / Manesse Verlag. 300 Seiten. 24,95 Euro.

Eben jener Michael Walter, der Tristram Shandy so grandios übersetzt hat, ist auch für die Neuübersetzung von Henry James Die Gesandten verantwortlich. Das Werk des Amerikaners, Zeitgenosse von Autoren wie Henri David Thoreau, Ralph Waldo Emerson und Nathaniel Hawthorne, steht im Licht der Reflektion des Konflikts zwischen Europa und Amerika, zwischen Tradition und Moderne, zwischen der Macht der Gefühle und der Macht der Pflicht. Vertiefend studieren kann man James komparativen Blick auf Die Europäer in der gleichnamigen Komödie, die in einer Übersetzung von Andrea Ott im Manesse-Verlag erscheint. Darin lässt er Männer und Frauen vom alten und neuen Kontinent aufeinanderprallen, sich aneinander reiben und schließlich miteinander ehelichen. In diesem Frühwerk greift er sein Lebensthema erstmals auf, bevor er seine Beobachtungen im nun neu übertragenen Entwicklungsroman Die Gesandten auf dem Höhepunkt seines Schaffens in einem verwinkelten Meisterwerk kulminieren lässt. In diesem Klassiker der amerikanischen Literatur geht es um den Amerikaner Chad Newsome, der nach einigen Jahren in Paris nach Massachusetts zurückkehren soll. Sein Vertrauter Lambert Strether wird geschickt, doch Chad hat keine Ambitionen zurückzukehren. Er hat sich in die französische Hauptstadt der Belle Epoque sowie in die zauberhafte Madame de Vionnet verliebt. Den Chad, den Strether holen soll, gibt es nicht mehr, und der Freund beginnt sich zu fragen, ob er diesen zum kultivierten Europäer gewandelten Landsmann nicht ins Unglück stürzt, wenn er seinen Auftrag ausführt. Bevor sich Henry James Todestag im kommenden Februar zum einhundertsten Mal jährt, kann man mit diesen beiden Neuübersetzungen einen der wichtigsten Autoren der amerikanischen Vormoderne wiederentdecken. Parallel dazu erscheint James schmaler Roman Die Drehung der Schraube in einer neuen Taschenbuchausgabe.

Suhrkamp Verlag. 608 Seiten / 592 Seiten. je 52,- Euro.

Suhrkamp Verlag. 608 Seiten / 592 Seiten. je 52,- Euro.

Mit den Späten Romanen und Sämtlichen Erzählungen wird der Suhrkamp-Verlag die Werkausgabe des uruguayischen Nationalautoren Juan Carlos Onetti im Herbst abschließen. Onetti, der neben Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares zu den bedeutendsten südamerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehört, hat neben seinen insgesamt zwölf Romanen immer auch Erzählungen geschrieben. Bislang sind nur eine Handvoll davon ins Deutsche übertragen worden. Der die Werkausgabe abschließende Band 5 versammelt nun erstmals Sämtliche Erzählungen in deutscher Übersetzung (Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Anneliese Botond, Jürgen Dormagen, Wilhelm Muster, Gerhard Pobbenberg und René Strien), aus denen die an William Faulkners Literatur geschulte »atmosphärische Präsenz« hervorsteige. »Mit wenigen Strichen eine Gestalt in ihrer widersprüchlichen persönlichen Wahrheit hervortreten zu lassen, die Konstellation zweier Menschen wie eingeätzt zu umreißen, herausgelöst aus allen vorgegebenen Mustern«. Thematisch sind die Erzählungen der dunklen Seite der menschlichen Existenz abgewonnen, selbst dann, wenn es um Liebe und Sexualität geht. Die Erzählungen erscheinen zeitgleich mit den späten Romanen Der Tod und das Mädchen, Lassen wir den Wind sprechen, Wenn damals und Wenn es nicht mehr wichtig ist, die den 1994 verstorbenen Autor noch einmal in seiner ganzen Kompromisslosigkeit sichtbar machen. Sie werfen den Leser noch einmal mitten hinein in Onettis halbfiktives Südamerika, das im 20. Jahrhundert einen langsamen Tango mit dem Tod aufführt. Vom »kleinen Meisterwerk der Weltliteratur«, das mit der Intensität einer Kammermusik eine rätselhaft unergründliche Geschichte erzählt, bis zum lakonischen Bogenschlag zum Erstlingsroman Der Schacht, der als erster moderner Roman Südamerikas gilt, versammelt Band 4 das reife Spätwerk Onettis, das im Gegensatz zu vielen anderen Alterswerken nicht in Eintönigkeit ertrinkt, sondern vielstimmig von den Träumen und Tragödien Südamerikas erzählt.

Insel Verlag. 580 Seiten. 26,95 Euro.

Insel Verlag. 580 Seiten. 26,95 Euro.

Ob als Ergänzung zu Bulwer-Lyttons Porträt des viktorianischen Englands oder als Urzeugnis des literarischen Feminismus und Teils der Aufklärung – Charlotte Brontës Lebensgeschichte der Jane Eyre ist und bleibt Weltliteratur. Diese mutmaßlich fiktive Autobiografie nimmt die Leser mit auf eine Reise durch eine düstere Welt, die so fremd und vertraut zugleich ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Zugleich bekommt man mit eines der aufrüttelndsten Porträts der englischen Literatur zu lesen. Nach einer Kindheit im Waisenhaus tritt Jane Eyre eine Stelle als Gouvernante auf dem entlegenen Landsitz Thornfield Hall an – und verliebt sich unsterblich in den Hausherrn, den düsteren und verschlossenen Edward Rochester. Er erwidert ihre Gefühle, doch er ist verheiratet, und Jane weigert sich, ein Leben als Mätresse zu führen. Erst nach dem dramatischen Tod seiner Frau finden die beiden zusammen. Melanie Walz, die unter anderem Werke von Lily Brett, Virginia Woolf, Salman Rushdie, Lawrence Norfolk und Michael Ondaatje ins Deutsche übertragen und gerade mit dem Übersetzerpreis der Stadt München für ihr übersetzerisches Schaffen ausgezeichnet wurde, hat Charlotte Brontës aufregenden Debütroman erstmals vollständig neu übersetzt. Sie »erweckt diesen Klassiker der viktorianischen Literatur zu neuem Leben und präsentiert ihn in einer frischen und modernen Sprache«, heißt es in der Ankündigung ihres Verlags. Der wird darüber hinaus im Februar 2016 die ungekürzte Fassung des auf Jane Eyre folgenden Romans Shirley im Taschenbuchformat veröffentlichen, in dem Brontë vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Depression Englands zwei Frauen ihr Schicksal am Schopfe packen lässt.