Übersetzte Klassiker und gehobene Schätze

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Rowohlt Verlag. 464 Seiten. 19,95 Euro. / DVA Verlag. 320 Seiten. 19,99 Euro.

Rowohlt Verlag. 464 Seiten. 19,95 Euro. / DVA Verlag. 320 Seiten. 19,99 Euro.

»Die Sensation, die Medien, Fans und Buchhändler auf der ganzen Welt hyperventilieren lässt: Ein Manuskript ist aufgetaucht«, schrieb die Neue Züricher Zeitung Anfang 2015, nachdem ein bislang unbekanntes Romanmanuskript von Harper Lee aufgetaucht ist. Nun erscheint Gehe hin, und stelle einen Wächter, das Frühwerk der Kultautorin, in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann zeitgleich zur amerikanischen Ausgabe. Lee ist, das man darf sagen, bislang das in der Literaturgeschichte erfolgreichste One-Hit-Wonder ever, ihr 1960 erschienener und im Jahr darauf mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Kultroman Wer die Nachtigall stört… ist ein veritabler Klassiker der Weltliteratur (in dem sie ganz nebenbei noch das wohl gelungenste Porträt von ihrem Sandkastenkameraden Truman Capote geschrieben hat). Dieser erscheint zeitgleich zum Erstlingswerk in der von Nikolaus Stingl vollständig überarbeiteten Übersetzung von Claire Malignon. Harper Lee hat darin ein ergreifendes Sittengemälde ihrer Zeit verfasst, indem sie, ausgehend von den Verhältnissen im Süden der USA der 1930er Jahre, ein packendes Plädoyer gegen den sie umgebenden Rassismus und für die Gleichheit aller Menschen hält. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschwister Scout und Jem, die in der äußerlich idyllischen Welt des kleinen Örtchens Maycomb bei ihrem Vater, dem Rechtsanwalt Atticus Finch aufwachsen. Sie haben alles, was sie brauchen, doch mitten durch die bürgerlich-weiße Idylle beginnen sich tiefe Risse zu ziehen: zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich. Als ihr Vater das Mandat zur Vereidigung des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson annimmt, der angeblich ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll, erfährt die achtjährige Scout, dass die Welt viel komplizierter ist, als sie angenommen hat. Der Einsatz ihres Vaters für einen Schwarzen führt dazu, dass sie selbst in Gefahr gerät und nur dank des engagierten Eingreifens des menschenscheuen Nachbarn Arthur Radley der Wut des Vaters des Opfers entkommt. Aus dieser Szene speist sich auch der Titel des Romans. In dem zuvor entstandenen aber nie veröffentlichten Roman kehrt Jean Louise Finch alias Scout als junge Frau aus New York zurück nach Alabama, um dort ihren in die jahre gekommenen Vater bei der Arbeit zu unterstützen. Im Spezial zum Mitte Juli erscheinenden Roman wird erklärt, warum Gehe hin, und stelle einen Wächter damals nicht veröffentlicht wurde. Der Roman war ihren Agenten schlichtweg zu gegenwartsnah, »denn 1957, zum Zeitpunkt der Manuskriptabgabe, kämpfte der Kongress gerade mit dem Bürgerrechtsgesetz, das Präsident Dwight D. Eisenhower im Herbst unterzeichnen würde; der Busboykott im nahen Montgomery lag erst ein Jahr zurück. Man schlug vor, die Handlung in die Zeit von Scouts Kindheit in den 1930ern zurückzuversetzen.« Zwei Jahre später dann gab Harper Lee das Manuskript für To kill a Mockingbird ab, im Jahr darauf erschien der Roman, ein Jahr darauf erhielt sie den Pulitzerpreis und ein weiteres Jahr später erscheint Wer die Nachtigall stört… in Deutschland. Nun kann man beide Romane nebeneinanderlegen, Parallelen und Unterschiede suchen, und sich doppelt davontragen lassen in diese ferne und – angesichts des beschämenden Rechtsrucks in diesem Land – doch so nahe Welt.

Verlag Kein & Aber. 250 Seiten. 23,- Euro.

Verlag Kein & Aber. 250 Seiten. 23,- Euro.

Es ist geradezu ein Treppenwitz der Literaturgeschichte, dass im selben Jahr, in dem der verschollene Erstling von Harper Lee auftaucht, auch eine der frühesten Erzählungen ihres Kindheitsfreundes Truman Capote entdeckt wird. Es würde nicht wundern, wenn beide Werke auf derselben Schreibmaschine, nämlich der von Harper Lees Vater, geschrieben worden sind. Schon in früher Kindheit verbachten beide ihre Zeit gemeinsam und übten sich im Handwerk des Schreibens. Capote soll sich, seit er elf Jahre alt war, fast täglich an die Schreibmaschine gesetzt haben. Wie ernsthaft er damals schon geschrieben hat, weiß niemand so genau, aber zu seinem Romanfragment Erhörte Gebete fehlen bis heute einige Kapitel. Die Gerüchte, dass diese in einem Schließfach liegen sollen, ebbten nie ab, so dass sich die Journalistin Anuschka Roshani und ihr Mann, Kein & Aber-Verleger Peter Haag, nach dem Abschluss der Gesamtausgabe noch einmal nach New York begaben, um die verschollenen Teile des Romans aus der Feder des enfant terrible der amerikanischen High Society zu suchen. Ihre Schnipseljagd, die sie im Zeitmagazin gegenüber Christine Meffert offenlegten, sollte von Erfolg gekrönt sein, sie fanden die frühen Short Stories Capotes, in denen er sich sein eigenes fantasievolles Universum schuf. Die von Ulrich Blumenbach übersetzten Erzählungen sind in dem Band Wo die Welt anfängt versammelt, der sich nahtlos in die Werkausgabe einfügt. In den Geschichten schlüpft der damals noch zur Schule gehende Capote kühn in den Kopf des schwarzen Eugene, der seine Angebetete Rosabelle in eine »Samstagnacht« ausführt, er verarbeitet in einer betörenden Souveränität den Tod der alten, geheimnisvollen »Miss Belle Rankin« aus der Nachbarschaft oder er lässt die Mutprobe dreier Jugendlicher in einem unter die Haut gehenden »Grauen im Sumpf« enden (alle drei Geschichten waren im Herbst 2014 im Zeit-Magazin zu lesen). »Durch ihre lebendigen Figuren, eindringlichen Bilder und ihre schnörkellos-glänzende Sprache ist all den Geschichten eine erzählerische Kraft gemein, die man auch vom älteren Truman Capote kennt«, heißt es in der Verlagsankündigung zur Übertragung durch einen der angesehensten Übersetzer Deutschlands.

Matthes & Seitz Berlin. 300 Seiten. 26,90 Euro.

Matthes & Seitz Berlin. 300 Seiten. 26,90 Euro.

Henry David Thoreau wird seit einigen Jahren international wiederentdeckt. Vor wenigen Wochen erst erschien das Dokument seines Experiments auf der Suche nach dem Ich Walden oder Leben in den Wäldern in der Übersetzung von Emma Emmerich und Tatjana Fischer im Schweizer Diogenes-Verlag. Neben dieser Rückkehr zur Natur lehrt uns Thoreau bis heute, die Frage nach dem Sozialen immer wieder neu zu stellen. Sein Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat gehört zur Pflichtlektüre jedes Politik- oder Soziologiestudenten. Das Hauptwerk des amerikanischen Naturmystikers sei aber weder Walden noch der genannte Essay zum zivilen Ungehorsam, sondern das Tagebuch, das er als 20-jähriger begann und bis wenige Tage vor seinem Tod 1861 führte, schreibt Matthes & Seitz Berlin in der Ankündigung des ersten von insgesamt zwölf Tagebuchbänden. »Darin notierte er Beobachtungen, die zu den bedeutendsten Naturschilderungen der Weltliteratur zählen, aber auch Gedanken und Reflexionen, die ihn als ganz eigenständigen philosophischen Kopf erkennen lassen. … Stille, Unabhängigkeit, Antimaterialismus, Armut, Antiprüderie, Askese, Selbstdisziplin und mystische Suche sind neben überwältigend präzisen und gleichzeitig poetischen Beschreibungen des Lebens, der Natur, der großen und kleinen Lebewesen die bestimmenden Themen dieses Werks.« Thoreaus Tagebuchwerk hat in Amerika ganze Generationen von Künstlern und Schriftstellern beeinflusst. John Cage etwa wird zitiert mit den Worten »Bei der Lektüre der Tagebücher Thoreaus komm mir jede wertvolle Idee, die ich je hatte« und Virginia Woolf soll gesagt haben, dass er Eichhörnchen dazu überreden konnte, in seinen Mantel zu kriechen. »Durch seine Tagebücher bekommen wir die Möglichkeit, Thoreau so kennenzulernen, wie man nur wenige Menschen kennenlernt, wohl noch nichtmal seine engsten Freunde.« Mit der Gesamtausgabe wird erstmals das komplette Tagebuchwerk, das sich über 24 Jahre erstreckt, herausgegeben, die Übersetzung erfolgt durch den Paul-Celan-Preisträger Rainer G. Schmidt.

Hier finden Sie gewichtige Übersetzungen von Gegenwartsautorinnen und -autoren aus den Herbstprogrammen sowie die Sumoringer unter den Sachbüchern.