Das Grauen unter der Oberfläche

© Stadtkino Filmverleih

»Beweise uns, dass du die Mama bist«, fordern die beiden Brüder Lukas und Elias, als eine ihrer Mutter ähnlich sehende, aber vollkommen fremd wirkende Frau in ihre Ferienidylle eindringt. Ein grauenvolles Spiel um Macht und Vertrauen beginnt. Der Spielfilm »Ich Seh Ich Seh« von Veronika Franz und Severin Fiala, der bei den Filmfestspielen in Venedig lief, lässt wie ein Roman von Stephen King sämtliche Alarmsysteme in unserem Inneren anspringen.

Tragende Kindercharaktere im Kino haben zwei potenzielle Funktionen. Entweder sie sollen den Zuschauer rühren – ein Paradebeispiel ist Richard Linklaters Meisterwerk Boyhood – oder sie sollen das Grauen in uns wecken – man denke hier an Mary Lamberts Verfilmung von Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere. Veronika Franz und Severin Fiala bedienen sich in ihrem Spielfilm Ich Seh Ich Seh beider Rollen und konstruieren eine unter die Haut gehende Geschichte über Horrormütter und Gruselkinder.

Der Film setzt ein mit einer schrecklich-kitschigen Sequenz eines Familienidylls im Fünfziger-Jahre-Charme. »Guten Abend, gute Nacht…« intoniert die nach außen heile und innen versehrte Familie – denn wo dieses Lied damals angestimmt wurde, ruhte die Katastrophe des allgegenwärtigen Verlusts. Schnitt, und wir sehen die Brüder Lukas und Elias (Lukas & Elias Schwarz), die die Sommerferien auf dem Land genießen. Sie streunen durch die Maisfelder, erobern die Tiefen der Wälder und die Kühle des Sees, die direkt an ihr Ferienhaus grenzen. Kein Zeitungspapier passt zwischen diese geschwisterliche Einheit, die sich ohne Worte versteht und blind vertraut.

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Die Idylle wird jäh unterbrochen, als ihre Mutter (Susanne Wuest) auftaucht. Zwar können die beiden Jungs sie kaum erwarten, aber als sie dann vor ihnen steht – das Gesicht von einem Verband verhüllt – halten nicht Wärme und Nähe Einzug in das luxuriöse Feriendomizil, sondern Kälte und Distanz. Vom ersten Moment an spürt der Zuschauer, dass hier etwas nicht stimmt. Die Sätze werden kurz, die Stimmen kühl, die von Franz und Fiala eingefangenen Bilderwelten kühl und kantig. Aber was ist hier falsch? Dieses Rätsel liegt im Zentrum des klug komponierten, vor Spannung flimmernden, aber zugleich schrecklich abstoßenden Horror-Arthaus-Films über drei Menschen und das Schicksal, das sie verbindet.

Veronika Franz ist die Partnerin von Ulrich Seidl, der bei diesem Film als Produzent mitgewirkt hat. Die niemals Ruhe gebende und immer nach vorn drängende Geschichte aber hat technisch nichts mit Seidls dokumentarischer Ruhe zu tun, die man aus seiner PARADIES-Trilogie oder zuletzt aus seiner Erkundung der österreichischen Kellerexistenzen kennt. Erzählerisch wiederum ist Ich Seh Ich Seh sehr nah am speziellen Seidl-Kino, denn auch hier liegt das Grauen direkt unter der Oberfläche der konstruiert-inszenierten Wirklichkeit. Es gibt keine Sekunde in diesem Film, die das Herz des Zuschauers nicht rasen lässt, weil er ständig in den Zustand einer Ahnung gestürzt wird, sei es, wenn die Jungs Riesenasseln und Kakerlaken züchten, wenn sie eine tote Katze in ein mit Formaldehyd gefülltes Aquarium legen oder die Mutter nackt durch den an das Grundstück grenzenden Wald läuft, wo sich ihr von den Mullbinden befreites Gesicht plötzlich in eine zappelnde Fratze verwandelt, die an Sequenzen aus Horrorklassikern erinnert.

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Überhaupt sind in diesem Film unzählige kulturelle Zitate versteckt. Es gibt Sequenzen, in denen der Horror von H. P. Lovecraft ruht, die Montage erinnert wiederum an Hans Weingartners Die Summe meiner einzelnen Teile. Pedro Almodóvars Die Haut in der ich wohne scheint in der Maskerade der Mutter ebenso auf wie Tommy Lee Wallace Es auf der Basis des gleichnamigen Romans von Stephen King. Hinter dem Verband der Mutter lauert »das entfesselte Gesicht«, dessen »Schrei in einem Glaskasten lautlos verhallt«, wie es Hans Belting in seiner Geschichte des Gesichts für die gequälten und schmerzverzerrten Fratzen Francis Bacons beschrieb.

Entfesselt ist am Ende vor allem das Grauen, das hier in den Lücken entsteht. Es ist kein lautes, sondern ein stilles, sich anschleichendes, über den Rücken in den Kopf kriechendes Unbehagen, das entsteht, wenn in alptraumhaften Sequenzen eine Kakerlake im Mund der schlafenden Mutter verschwindet und später mit unzähligen Artgenossen aus ihrem aufgeschnittenen Bauch schlüpft. Wenn die Brüder im Fotoalbum blättern und dort leere Stellen auftauchen. Wenn sich die natürliche Umgebung zu einer übermächtigen Verschwörung der Welt gegen die darin Wandelnden aufstapelt, die sich gegenseitig nicht ertragen können.

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Die beiden Brüder haben das Gefühl, dass die Frau, die in ihre Ferienharmonie eindringt und einen der beiden konsequent ignoriert, nichts mit der Person zu tun hat, die ihnen mit Herzenswärme in der Stimme ihr Gute-Nacht-Lied auf eine Kassette gesungen hat. »Wo ist die Mama?«, diese Frage dringt tief in den Zuschauer ein, der sich, ohne eine Ahnung zu haben, dies ebenfalls fragt. In einer Szene lässt sie Lukas unter Drohgebärden immer wieder wiederholen, dass er nicht mit seinem Bruder sprechen darf. Ein Monster scheint die Mutter in diesem Moment zu sein, die dem Kind den einzigen Halt nimmt. So wird noch die geringste Aktion des Widerstands der beiden Brüder gegen diese fremde Person zu einem Akt der identitätsstiftenden Selbstbehauptung. Bis eines Nachts die Situation kippt und die beiden Brüder die Kontrolle übernehmen. Sie fesseln die Frau, die in ihr Leben eingedrungen ist, ans Bett, und fordern sie auf zu beweisen, dass sie »die Mama« ist. Es entwickelt sich ein grauenvolles Machtspiel, bei dem sich die Frage stellt, wer hier eigentlich über wen Macht ausübt und wie einmal verlorenes Vertrauen neu entstehen kann, wenn auf der anderen Seite ständig die Skepsis obsiegt.

Zwischen die Szenen dieses Machtspiels werden morbide Traumsequenzen geschnitten, die die Ebenen zwischen Realität und Traum vollkommen verwischen. So werden alle Grenzen der Zuordnung aufgehoben und der Film kippt in eine Potentialität des schrankenlosen Grauens. Es ist dieses unerklärliche, außerhalb des Rationalen liegende Grauen, das im Zentrum von Ich Seh Ich Seh ruht und dem sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Er kann aber auch keine eigene Position einnehmen, weil er sich werden mit der Täter- noch mit der Opferrolle identifizieren kann. Die Grausamkeit auf der einen, das tiefe Leid auf der anderen halten ihn auf Distanz.

Dieses schaurige Lehrstück über die Grausamkeit der Normalität führt die Machtlosigkeit angesichts von Trauer, Wut und Angst vor Augen; und wie man ihr auf den Leim geht. Dies rückt den Film nah an Stephen Kings Roman Shining heran, dessen Grusel sich aus einer diffusen Angst speist, die zugleich ignoriert, dass es in der Tiefe der Erzählung eine Wirklichkeit gibt, deren Horror viel wirklicher und schlimmer ist, als alles, was wir uns in unserer Phantasie zurechtgelegt haben. Denn das Offensichtliche übersteigt in seiner Unzumutbarkeit zuweilen unsere Vorstellungskraft.

Mail-AnhangVeronika Franz und Severin Fiala: Ich seh ich seh

Susanne Wuest, Elias Schwarz, Lukas Schwarz

99 Minuten. FSK: 16 Jahre

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