Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

2015-03-14-15.08.29

In d’Arrigos mythen- und anspielungsreichen Geschichte ist allem Weiblichen die Bedrohung eingeschrieben. Statt mit dem männlichen Delfin haben wir es mit der weiblichen Fere zu tun, statt mit einem Wal mit der Orca. Diese leichte Verschiebung der Geschlechterzuordnung durch Neologismen und sprachliche Innovation ist eine der gleichermaßen kühnen wie grandiosen Leistungen in der Übersetzung von Moshe Kahn. So führt er d’Arrigos im sizilianischen Italienisch weiblich verortete Meeresungeheuer so nah an Homers Sirenen heran, wie es der Roman in seiner Erzählung vorgibt. Denn als Cambrìa an den Ufern Siziliens in einen tiefen Schlaf fällt, träumt er davon, wie »die Zirze unter den Tausendundeinnächtigen« Ciccina Circé ins Wasser springt und als Sirene kurz wieder auftaucht. »Und wenn ich die Feminoten erwähne, ist es deshalb, weil ich die Feminoten zusammen mit der Fere für eine Verwandte ersten Grades von der Sirene halte«, erklärt der allwissende und zugleich überwältigte Erzähler.

Während Cambrìa seine letzten Tage im »schlafgeblendeten Verstand eines hellsichtigen Deliriums« zwischen Tagtraum und Nachtwache verbringt, wendet sich die Erzählung der Orca zu, »die lebendige Tödin, leibhaftiges, lebendiges Wesen, über das man keine andere Kenntnis hat als die, dass es ein Wesen ist, ein Wesen, das tötet, das vernichtet, ein todbringendes Wesen, ein Wesen, das als Tödin angesehen wird.« Die Orca, die durch einen Zufall aus dem offenen Meer ins Mittelmeer gelangt ist, ist »die schlimmste Gottbewahre, die je durch das salzige Wasser gezogen ist«. Mit ihr verbinden die Menschen aber nicht nur Angst, sondern auch die Hoffnung, dass sie die »skyllacharybdischen Gewässer« vom »Geflöh der Mistferen« befreien wird.

Man hat hier schon fast zwei Drittel des Romans gelesen, sein erster Satz, der die Erzählung zeitlich verortet, ist hier schon fast vergessen. Er lautet: »Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose `Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.« Dieser syntaktisch komplexe Auftaktsatz ist einer der wichtigsten im gesamten Epos, denn er markiert nicht nur den Moment, in dem der Horcynus Orca, dieses Ungeheuer aus der Tiefe, erwacht, sondern er macht von Anfang an klar, dass es hier nicht um eine Seemannserzählung geht – wenngleich der Roman voller Anspielungen ist, vom Buch Jona bis hin zu Hermann Melvilles Moby Dick –, sondern um den Krieg und seine Folgen. Das Ungetüm im Zentrum des literarischen Großwerks ist zwar ein Tiergigant, dieser aber nur d’Arrigos Allegorie auf »das berüchtigte, verkommene, schurkische Mannsstück Krieg«.

Moshe Kahn auf der Buchmesse in Leipzig

Moshe Kahn auf der Buchmesse in Leipzig

Und so, wie der Krieg alle Dimensionen des Lebens ergreift, bleibt auch in dieser Erzählung nichts von seinen Söldnern verschont; das Meer hat er »vollgefert« zurückgelassen und die unheilbringenden Feren stehen als Todesmahl in der Mitte eines jeden Tisches. Es bleibt den Menschen schließlich nicht mehr als die Hoffnung auf den majestätischen Mörderwal, den als Horcynus Orca bezeichneten Orcaferon, er möge sie von der Bedrohung durch die Feren befreien. Doch alle Hoffnung ist vergebens, selbst eine Predigt auf diese ungeheuerliche Kreatur des Meeres vermag die Menschen nicht von der verheerenden Realität des Krieges erlösen. Die Männer ziehen todesgewiss in den Kampf gegen die Fere, die Frauen werden zu sirenenhaften Schnitterinnen und säbeln die letzten Fleisch- und Hautfetzen von den Ferenkarkassen, aus denen ihnen das Gewürm des Todes entgegenkriecht. Moshe Kahn lässt hier in seiner Übertragung von d’Arrigos Roman Bilderwelten entstehen, die an die Monster- und Gruselwelten eines Hieronymus Bosch erinnern. Und weil die Hoffnung auf den Horcynus Orca vergebens ist, sich das Ferengetier gegen den Giganten verbündet und niederringt, triumphiert der Krieg weiterhin und verschlägt Cambria nach Messina, wo er als Söldner an einer Regatta teilnehmen und bei einem Scharmützel eine Kugel in den Kopf bekommen wird. Ein Kamerad will seine Leiche in die Heimat bringen, ob er dort ankommt, wissen wir nicht. Der Roman schließt kryptisch: »Das Boot glitt hinauf zu den Meeren von Skylla und Charybdis, unter den zerrissenen Seufzern und Klagen der Jungs, wie in einem Meer von Tränen, das mit jedem Ruderschlag entstand und wieder verging, drinnen, tief drinnen, dort, wo das Meer ist, das Meer.«

Stefano d’Arrigos Horcynus Orca ist eine prachtvolle Galeere, die vor fast vierzig Jahren in die Gewässer der Hochliteratur der Moderne eingefahren, bei der Übersetzung aber an den Klippen der hiesigen Italienistik zerschellt ist. Mit Moshe Kahn hat sich ein kundiger Archäologe und Fährmann gefunden, der die edle Barke aus den Tiefen des Vergessens gehoben und wider alle Bedenken durch jegliche Untiefen hindurch in die Gewässer der deutschen Literatur überführt hat. Seine zwischen 2006 und 2014 entstandene Übertragung dieses epochalen Werks ist die erste überhaupt, bis dato galt d’Arrigos Lebenswerk – wie einst James Joyce’ Finnegans Wake – als unübersetzbar.

Wobei der Begriff Übersetzung für diese Arbeit zugegebenermaßen in die Irre führt. Moshe Kahns deutsche Fassung ist vielmehr eine Nachdichtung und Nachempfindung der bedeutungsschweren Bilder- und Klangwelten, die das sizilianische Italienisch des Originals hervorruft. Dieses Italienisch ist von griechischen Einflüssen geprägt, es führt diese Odyssee der Moderne auch sprachlich nah an Homer heran. Dessen Odysseus irrte von Landstrich zu Landstrich, und auf seiner Reise durchquerte er zahlreiche Sprachräume. Moshe Kahn berichtete auf der Buchmesse in Leipzig, wie d’Arrigo unzählige Sprachen in ein sizilianisch klingendes Kunstidiom überführt hat, um dies hier nachempfinden zu lassen. Bei der Lektüre des Originals ist Kahn auf arabische, byzantinische, französische, lateinische, normannische und sikulische Sprachbrocken gestoßen, die in keinem semantischen oder etymologischen Wörterbuch zu finden sind. Für seine Übersetzung musste Kahn deshalb Lösungen für diese Ausdrucksweise finden.

2 Gedanken zu “Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

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