Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

2015-03-14-15.08.29

Dass es vierzig Jahre dauerte, bis das Werk nun in einer deutschen Fassung vorliegt, liegt nicht nur an der Bewältigung dieser Herausforderungen, sondern daran, dass der lange Zeit einzige Verleger, der sich auf diesen Roman und dessen Sprachmächtigkeit einlassen wollte, Egon Ammann war, der 2010 seinen Verlagsbetrieb einstellte. Er bemühte sich, dass Kahn mit seinem Wahnsinnsprojekt beim Verlag S. Fischer Unterschlupf fand.

Kahns Übertragung des Romans in die deutsche Sprache ist gleichermaßen sensationell wie herausfordernd. So verschiebt er die Vernichtung und das Unheil des Krieges von der »mannswesischen« auf die »weibswesische« Seite. Der Soldat, der Delphin, der Wal und der Tod – allesamt Anspielungen auf den apokalyptischen Grundton, den der Krieg diesem Roman gibt – werden abgelöst von Sirenen-gleichen Wesen, die dem Leser als die Feminotin, die Fere, die Orca und die Tödin begegnen. Im Klang der syntaktisch wagemutigen, den Rhythmus der Gezeiten aufgreifenden Poesie von Horcynus Orca steckt eine Magie, wie sie der Übersetzer seit Tasso und Ariost nicht mehr angetroffen hat, wie er selbst sagte.

Um diese stimmig im Deutschen zu rekonstruieren, konnte er auf seine Freundschaft zu Stefano d’Arrigo und dessen Frau Jutta bauen. »Moshe mein Lieber, von Seite zu Seite werden wir „große Freu(n)de“ Du, Jutta und ich, wenn Du den Horcynus fertig übersetzt hast. Dein Stefano«, schrieb der 1992 verstorbene Stefano d’Arrigo Kahn 1985 noch in dessen italienische Ausgabe. Während der Übersetzung fand er Unterstützung beim italienischen d’Arrigo-Experten Stefano Lanuzza und bei Freunden in seiner italienischen Wahlheimat. Handwerklich am meisten geholfen haben ihm aber deutschsprachige Autoren wie Jean Paul, Heinrich Kleist oder Friedrich Hölderlin, auf deren barocke Sprachweisen er oft zurückgriff, um seiner Übersetzung eine gleichermaßen zeitgemäße wie aus der Zeit gefallene, entschleunigte Sprache zu verleihen. Moshe Kahn hat die deutsche Literatursprache mithilfe von unzähligen Neologismen, kühnen syntaktischen Konstruktionen und sprachlichen Kapricen an- und umverwandelt. Es ist sein Verdienst, dass uns dieses viel- und fremdsprachige Ungetüm als einer der großen literarischen Texte unserer Zeit begegnet, der sich deutsch liest, während er zugleich nach fernen Welten klingt.

Wie schon die Referenzwerke von Homer, Dante, Melville, Hölderlin, Paul, Proust, Joyce und Musil fordert auch Stefano d’Arrigos Roman in Kahns inzwischen mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis und dem Jane-Scatcherd-Preis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichneter Übersetzung eine absolut fokussierte Aufmerksamkeit. Entlohnt wird man als Leser mit einer von dieser Sprachmächtigkeit ausgehenden Anziehungskraft, die konzentrisch in die Tiefen dieser Leidenserzählung hinabführt. Das vermeintlich orientierungslose und doch ständig zielgerichtete Mäandern zwischen Zeit und Raum, Imagination und Wirklichkeit, Verlockung und Tod, Sprache und Gesang macht diesen Romankoloss zu einem der ganz großen Werke der Weltliteratur.

Moshe Kahns von Stefano d’Arrigo ins Ohr geflüsterter Horcynus Orca ist ein famoses Requiem auf den in der Moderne verlorenen Menschen sowie ein unvergleichlicher Ritt auf der Triumfere; für Autor und Übersetzer gleichermaßen. Ulrich Blumenbach, der seinerseits mit David Foster Wallace’ Unendlicher Spaß in vergleichbarer Entschlossenheit ein sprachlich ähnlich anspruchsvolles Werk ins Deutsche übertragen hat, ist voll des Lobes: »Mit der Übersetzung dieses Jahrzehnt-Buchs, mit den Neologismen, Innovationen und Sprachspielen, die er da geschaffen hat, hat Moshe Kahn Einmaliges für die deutsche Literatur geleistet.« So wie auf dem Titel der italienischen Fassung neben Stefano d’Arrigo auch der Name von dessen Ehefrau Jutta Bruto stehen müsste, gehörte Moshe Kahns Signet auf den Buchumschlag seiner sprachlich wagemutigen und stilistisch souveränen deutschen Übersetzung. Denn er ist der Einzige, der in der Lage war, diese dem Deutschen ähnliche überbordende Sprache namens »Horcynisch« zu erfinden.

u1_978-3-10-015337-1Stefano d’Arrigo: Horcynus Orca

Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn

Verlag S. Fischer

1.472 Seiten. 58,- Euro

Hier bestellen

2 Gedanken zu “Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

  1. Pingback: Der Traum von ewiger »Pralinen-Prosa« | intellectures

  2. Pingback: Berliner Literatur(t)räume | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.