Die Gunst der Stunde unterm Apfelbaum

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Stanišićs Erfolgsroman hat nun noch zu einem wachsenden Literaturtourismus geführt, der Nils Graf, dem einzigen Buchhändler in Fürstenwerder, immer mehr Kunden in den Laden spült. Sein Buchladen und Antiquariat, einen Steinwurf von des lokalen Heimatmuseums entfernt, ist inzwischen bis nach Berlin in aller Munde. Die Berliner Zeitung und RBB waren bei ihm im Laden, Max Moor kam bei seinen Brandenburg-Erkundungen Bauer sucht Kultur vorbei. Den Umgang mit Journalisten beherrscht Graf längst wie ein Medienprofi. Er ist einer der beiden Kooperationspartner vor Ort, ohne den der »Wortgarten« nicht vorstellbar wäre. Die Frage, ob seit Vor dem Fest das Interesse an Literatur in Fürstenwerder gestiegen sei, verneint er. Zwar habe die Wahrnehmbarkeit des kleinen Ortes nahe Prenzlau zugenommen, das Wissen um die literarische Verarbeitung der eigenen Geschichte habe aber nicht zu mehr Leselust geführt. Deshalb habe man selbstverständlich auch auf die Berliner Auswanderer und die Wochenendtouristen gesetzt, ohne sie sei so ein Festival im Umland nicht zu machen.

Wie Tilman Rammstedt inzwischen weiß, braucht es diverse Utensilien, um in diesem das Inland umgebenden Umland zu überleben. Bei seiner Lesung sang er das Hohelied auf das Umland, in dem es neben einem Fahrrad, einer Fahrradtasche, einer Multifunktionsjacke – auf die Karen Köhler in ihrer Lesung wiederum zurückkommen wird – wasserfesten Schuhen und Mückenspray manchmal auch einen Hut braucht. Es ist die sprühende Ironie, die Rammstedts Texte zu einem Feuerwerk des Sprachwitzes machen. Seine vielgelobten Romane Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters oder Der Kaiser von China sind ebenso komische wie tiefgründige Erkundungen der Gegenwart, die man oft nicht anders als mit Ironie begreiflich machen kann. Spektakuläre Töne schlug auch der aktuelle Preisträger des Leipziger Buchpreises Jan Wagner an, der immer wieder zeigt, dass Poesie nicht auf leisen Katzenfüßen daherkommen muss, sondern von überwältigender sprachlicher Kraft sein kann. Als der Wahlberliner aus seinen mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Regentonnenvariationen las, brauchte man nur die Blicke über den Atelierhof schweifen lassen und meinte plötzlich zu sehen, wie sein Giersch zwischen den Pflastersteinen emporschießt und wie die durch den lauen Sommerabend flatternden Fledermäuse synkopengleich in die Leere stoßen, um nach den dunklen und süßen Maulbeeren zu schnappen.

Tom-Schulz

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Tom Schulz

Poetisch geht es in der Uckermark allemal zu, mythenüberladene Orte wie Ullis Garage aus Stanišićs Roman gibt es in dem Landstrich zuhauf. Selbst Fürstenwerder scheint noch voll damit, glaubt man den Geschichten, die der Dramatiker Dirk Laucke von Menschen aus Fürstenwerder am Freitagabend im Rahmen einer theatralischen Inszenierung vortragen ließ. Mit der örtlichen Bläserkapelle im Hintergrund erzählten sie etwa von einem Jugendklub in einem alten Hühnerstall, der in den sechziger Jahren ins Leben gerufen und nach der legendären Musiksendung Beat-Club der ARD benannt wurde. Von lauter Musik, gehaltvollen Alkoholika und auf den Tischen tanzenden NVA-Soldaten war die Rede; wenn Frank Witzel das wüsste, er würde sicher Verwendung finden, dachte man sich.

Schon am Freitagabend deutete sich im Herzen von Fürstenwerder an, dass dieses Festival weniger ein Schaulaufen als vielmehr ein wohlwollendes Treffen von Literaten und Lesern werden könnte. Über dem lauen Sommerabend hing nicht nur die Leichtigkeit des Wochenausklangs, sondern auch eine helle Vorfreude auf das, was da noch abseits des Großstadtlärms kommen mochte. Und während einige Autoren die letzten Sommerstrahlen nutzten, um noch einmal in einen der beiden angrenzenden Seen zu springen, ließen andere den Abend im Gespräch mit den Besuchern und einem Apfelwein aus der Region ausklingen.

Am Samstag ging es nach Stanišićs kurzweiliger Ortsbegehung (mehr dazu hier) auf Gut Bülowssiege weiter. Abwechslungsreich von der Kritikerin Verena Auffermann (die in der Gegend einen Zweitwohnsitz hat) sowie den beiden Verlegern Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag und Daniel Beskos vom gerade mit dem Zillmer-Verlegerpreis ausgezeichneten mairisch-Verlag anmoderiert, erwarteten die Besucher einige aufregende Lesungen. Auffallend viele Autoren nutzten die Gunst der Stunde unterm Apfelbaum und stellten noch unveröffentlichte Texte vor. Den Auftakt machte Bachmann- und Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt, die zuletzt ihren Erzählungsband Finito. Schwamm drüber veröffentlichte. In ihrer neuen Erzählung steht eine tief unglückliche Gudrun Möller im Mittelpunkt, die lieber Krassula Klingbeil oder Sarah Rothblatt heißen würde, um ihre Durchschnittlichkeit wenigstens mit dem Namen abzuschütteln. Der aufgeräumte Ton, in dem Schmidt diese Geschichte entfaltete und immer tiefer in die seelischen Abgründe der Gudrun Möller hinabführte, erinnert an das nachpreußische Erzählen à la Christa Wolf.

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Saša Stanišić im Freundeskreis, mit Karen Köhler, Tilman Rammstedt, Finn-Ole Heinrich, Daniel Beskos.

Saša Stanišić trug nach seinem Spaziergang durch Fürstenfelde auf dem Gut neben einem Kapitel aus Vor dem Fest die Erzählung Die Unschuldssinfonie vor, die im kommenden Jahr in einem Storyband publiziert wird. Darin erzählt er aus der Ich-Perspektive von einer Begegnung mit einer »dreijährigen, miniatürlichen Elfride Jelinek«, die im Flieger neben dem Erzähler sitzt und ein perfides Spiel mit der Gutmütigkeit des Erzählers treibt. Auf die Mutter braucht dieser dabei nicht setzen, denn »bei einer Mutter, die die Brigitte liest, ist jegliche Belehrung umsonst.« Es sind Miniaturen wie diese, in denen Stanišić die ihn umgebende Wirklichkeit ironisch auf Papier bannt und direkt ins Herz seiner Leser zielt.

Karsten Krampitz wollte bei der Lesung aus seinem aktuellen Roman Wasserstand und Tauchtiefe – eine Anspielung auf die Tristesse der DDR, die sich in den Wasserstandsmeldungen und Tauchtiefenangeben nach den DDR-Nachrichten widerspiegelte – nicht gelingen, was ihm 2009 so wunderbar in Klagenfurt gelungen war; mit seinem schnoddrigen Ton seine lesenswerte Literatur glänzen lassen. Sein Auftritt blieb recht blass. Ihm folgte Jan Böttcher, der in der Uckermark nicht las, sondern sang. Der ehemalige Frontmann der Band Herr Nilsson gab mit der Zeile »Sie kommen auf uns zu, ganz leise die Klänge« dem beständigen Murmeln der Literatur an diesem Wochenende einen Soundtrack.

Anschließend galt es, sich zu entscheiden. Georg Klein und Kooksbooks-Verlegerin Daniela Seel lasen parallel, gleich im Anschluss daran eine ähnliche Zwangslage mit Ingo Schulze und Kirsten Fuchs. Der Autor entschied sich für Klein und Fuchs und hat es, in Unkenntnis der parallel vorgetragenen Texte auch nicht bereut. Georg Klein, der mit seinem Roman unserer Kindheit 2010 den Leipziger Buchpreis gewann und den Verena Auffermann als einen Autor vorstellte, vor dessen Texten man Angst haben muss, weil er einem mit romantischen Motiven das Gruseln lehrt (nachzulesen etwa in seinem jüngsten Roman Die Zukunft des Mars), las die wunderbar abgründige Kurzgeschichte Gewürzpflaumen à la Eveline, die in der Sammlung Tafelrunde. Schriftsteller kochen für Freunde erschienen ist. Kirsten Fuchs wiederum las aus ihrem glänzenden Roman Mädchenmeute, der im Frühjahr herausgekommen ist. Zuvor aber brachte sie noch eine Kurzgeschichte zu Gehör, in der sie zugab, froh zu sein, dass es sie »nicht in den Körper einer Kassiererin hineingeschicksalt« habe, denn diese – »piep, piep« – hätten nicht viel Freude im Leben – »piep, piep« – wenn es nicht Autorinnen wie Fuchs gebe – »piep, piep« – die es sich zur Aufgabe machten – »piep, piep« – die Monotonie des Kassiererinnenlebens aufzubrechen – »piep, piep« –, indem sie ihre Einkäufe inszenierten und »Gehirnfütterung am Arbeitsplatz« betrieben. Aufzufinden ist diese lachmuskelherausfordernde Erzählung in ihrem Band Eine Frau spürt sowas nicht, der 2011 erschienen ist. Im Nachhinein hat der Autor erfahren, dass Ingo Schulze bei seiner Lesung ebenfalls einen neuen Text gelesen hat; nun, man kann nicht alles haben.

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