Die Gunst der Stunde unterm Apfelbaum

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Am nächsten Morgen hängt über der Festivalwiese leichte Katerstimmung. Am Abend zuvor hatten Masha Qrella & Band für literarische Klänge der anderen Art gesorgt, die Liedzeile »rescue pills don’t really help a lot when the nights get long« schießt beim Anblick der müden Leiber unweigerlich in den Kopf. Die Berliner Sängerin Marsha Qrella, vom Rolling Stone Magazin liebevoll als »Frau Zögerlich« bezeichnet, weil man auf ihre Alben recht lange warten muss, ist eine Ausnahmeerscheinung am deutschen Pophimmel. Sie war mit Calexico auf Tour, ihre Songs liefen in der Serie Grey’s Anatomy und sie wird schon mal mit Fleetwood Mac verglichen. Man kann davon halten, was man will, aber klar ist, dass sie sich auf anmutige Weise jeder hiesigen Pop-Zugehörigkeit entzieht – und irgendwie auch der Wirklichkeit, so geistesabwesend in sich gekehrt wirkte sie bei ihrem Auftritt am Samstagabend.

Geistesabwesend waren die übernächtigten Festivalbesucher am Sonntagmorgen nicht lange, denn während mit Finn-Ole Heinrich einer der erfolgreichsten und sympathischsten Kinderbuchautoren (Frerk, Du Zwerg!, Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt) die junge Zielgruppe unterhielt, las mit Katja Lange-Müller ein Schwergewicht der deutschen Literatur, die, wie Auffermann schmunzelnd anmerkte, eine leichte Affinität für Tiere hat. Das ist schon in ihrer zweiteiligen Erzählung Verfrühte Tierliebe angeklungen, für die sie den Alfred-Döblin-Preis erhielt, und auch in ihrem letzten Roman Böse Schafe lauerten die Tiere schon im Titel. Wer deshalb glaubt, Menschen interessierten die Berlinerin nicht, der täuscht sich. Denn auch der Mensch werde ja immer mehr oder, je nach Perspektive, immer weniger zum Tier, kommentierte Lange-Müller.

In der Uckermark las sie die ersten Seiten aus ihrem im Herbst 2016 erscheinenden Roman Drehtür. In dessen Zentrum steht die Krankenschwester Asta, die nach 22 Jahren Kriseneinsatz in aller Welt in die DDR zurückkehrt und, konfrontiert mit ihrer fast vergessenen Muttersprache, eine phänomenale Sensibilität für die Vieldeutigkeit der Worte entwickelt, die ihr in die Kopf purzeln. Zugleich sucht sie eine neue Zukunft. Zurück in Ost-Berlin, nach jahrzehntelanger Abstinenz macht sie sich auf die Suche nach einem Mann. Asta ist eine Frau in der Drehtür des Lebens. Wie viel Biografie Lange-Müller, die in jungen Jahren als Hilfspflegerin auf psychiatrischen Stationen ausgeholfen und 1984 Ostberlin in den Westen verlassen hat, um nach der Wende wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren, in diesem Roman verarbeitet hat, ließ sie sich bei ihrer Lesung nicht anmerken. Aber es ist davon auszugehen, dass Drehtür viel Resonanz finden wird, denn die Suche der Kritik nach dem Biografischen im Schreiben ist geradezu manisch.

Ob es diese Manie war, die Annett Gröschner dazu veranlasste, ihre bissige Erzählung über die Männer im Prenzlauer Berg aus der Sicht einer sexsüchtigen Frau mit den Worten anzukündigen, dass die Ich-Erzählerin nicht sie selbst sei, ist nicht überliefert, aber zumindest mutmaßen darf man es. Von Gröschner erschien zuletzt das Reisetagebuch Mit der Linie 4 um die Welt, in dem sie ihre Notizen und gesammelten Anekdoten bei ihren Fahrten mit den besagten Linien in verschiedenen Städten weltweit versammelt hat. Reisegeschichten hielt auch der Lyriker Tom Schulz zum Besten, von dem zuletzt der Gedichtband Lichtveränderungen erschienen ist. Die vorgetragenen Anekdoten aus Brandenburg hatte er gemeinsam mit Björn Kuhligk gesammelt, als er gemeinsam mit ihm auf Theodor Fontanes Spuren das Brandenburger Land erkundete. Die in Wir sind jetzt hier gedruckten Situationsbeschreibungen aus Rheinsberg und Paaretz, die Schulz vortrug, sind die Protokolle der haargenauen Beobachtungen von Land und Leuten, und selbst in den bösesten Momenten ein wohlwollendes Gegenprogramm zu Moritz von Uslars von oben herab geschriebenem Pamphlet Deutschboden.

Annett Gröschner brachte auf dem Gut noch etwas zur Sprache, das bislang maximal als Nebel über der Veranstaltung hing. Es ging um den Ort, wo man zu Gast war. Das inzwischen rundum sanierte Gut ist seit 1997 wieder im Eigentum der Grafen von Schwerin. Es ist vor allem Künstlern oder kirchennahen Oppositionellen zu verdanken, dass Landgüter und Bauernhöfe zu DDR-Zeiten nicht verfallen sind. Künstler wie der mit Gröschner befreundete Fotograf Ulrich Wüst zogen sich meist in deren Abgeschiedenheit zurück und richteten ihre Ateliers darin ein. Wüst tat eben dies auf Gut Bülowssiege, dass er nach seinen Möglichkeiten bis 1997 vor dem Verfall bewahrte. Doch dann musste er es für die jetzigen Inhaber räumen, denen das Gehöft nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten und der anhaltenden Enteignung unter den Kommunisten rückerstattet wurde. Man kennt diese Geschichten, und bei aller historischen Gerechtigkeit, die mit derlei Prozessen wiederherzustellen versucht wird, weiß man, dass so etwas nie reibungslos abläuft. Wüst hat den Hof nicht gern verlassen, Annett Gröschner war hier mit gemischten Gefühlen zu Gast. Dass sie es zur Sprache brachte, war nicht von literarischer Relevanz, hat aber elementar etwas mit der Erfahrung von DDR-Künstlern im Nachwendedeutschland zu tun.

Literarisch wurde es noch einmal mit Karen Köhler, die zum Abschluss ihre neue Erzählung Deklination las. Seit ihre Raketen am literarischen Himmel ein Dauerleuchten hervorgebracht haben, war sie gefühlt ununterbrochen auf Lesereise. Irgendwie fand sie dennoch Zeit, neben zwei Theaterstücken und einem Drehbuch (zu ihrer Erzählung Cowboy und Indianer) diese neue Story zu schreiben. Sie handelt von einem Paar, das aus dem hektischen Alltag ausbricht und in Lappland nach sich selbst sucht. »Ab hier sind wir Könige«, heißt es hoffnungsvoll zu Beginn, doch schon bald stellt sich heraus, dass nichts so läuft, wie geplant. Und so finden sich die beiden Selbstverlorenen in einer Welt wieder, in der »zu viel Draußen da draußen und zu wenig Drinnen hier drinnen« ist; in der die Wirklichkeit »instagramatisch« mit Filtern zur Sehnsuchtsprojektionsfläche verbogen wird, ohne dass aus ihr etwas hervorgehen will. Dekliniert werden hier die Mechanismen des Paarseins, die die Liebe dem Abgrund entgegentreiben und so schrecklich einfach funktionieren. Was aus dieser Geschichte wird, ist noch unklar, vielleicht ist sie der Ausgangspunkt des großen Romans, den nun alle von der sympathischen Hamburgerin erwarten. Vielleicht aber auch nicht.

Das überaus gelungene »Wortgarten«-Festival könnte der Ausgangspunkt für eine Veranstaltungsreihe sein, in der die Literatur- und Kunstszene das Berliner Umland erobert oder aber für ein zweites Festival in dieser Region, das im Wechsel mit dem bereits etablierten UM-Festival für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur stattfinden könnte, das die Freunde der Uckermark e.V. alle zwei Jahre rund um Pinnow organisieren. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es bei Hermann Hesse, dieser Zauber lag auch über diesem Wochenende. Er hat für die geradezu intime Atmosphäre gesorgt, in der sich Literaturszene und Publikum begegneten. Künstler, Verleger und Besucher des »Wortgartens« feierten abseits des Großstadtlärms ein Familienfest im Grünen, das geprägt war von sonniger Leichtigkeit und stiller Landromantik. Gemeinsam lagen Lesende und Zuhörer barfuß auf der Wiese, verfolgten gemeinsam die Lesungen und kamen miteinander ins Gespräch. Mit der Literatur verhielt es sich an diesem warmen Wochenende wie mit dem von Jan Wagner besungenen Giersch. Sie schäumte, kroch und spross gierig solange in die Höhe und Breite, bis sie sich im Wortgarten über- und ineinanderschob und einen klingenden Dschungel der Literatur schuf. Und manchmal, wenn die Sonne zu lange ihre Kraft durch die Äste der schattenspendenden Obstbäume zwang, schoben sich die Kassiber dieses Wort-Giersch-Gartens verlockend in die Senken, hin zu den Seen, von denen es in der Feldberger Seenlandschaft unzählige gibt.

Sowohl Besucher als auch Veranstalter zeigten sich sichtlich zufrieden mit dem Verlauf des Wochenendes, an dem auch das Wetter in die Karten spielte. Fürstenwerders Buchhändler Nils Graf war ebenfalls zufrieden, die Veranstaltung habe »im Zusammenhang mit der gesamten regionalen Entwicklung den richtigen Nerv getroffen«, sagte er mit Blick auf die Mischung aus Ortsansässigen und Angereisten unter den Festivalgästen. Am Ende kann man sich nur wünschen, der »Wortgarten« möge eine zweite Auflage finden. Es wäre die Fortsetzung eines Sommernachtsraums.

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