Sechs legendäre Schwestern

Bristol Edwardian Era - women in domestic service | via Flickr (CC BY-ND 2.0

Nicht erst seit »Downton Abbey« boomt die völlig verkitschte Darstellung der englischen Upper Class der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Trend fördert eine Nostalgiewelle, die England als »good old Blighty« feiert und zugleich für politisch rechte Propaganda instrumentalisiert wird. Susanne Kippenbergers Biografie »Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern« zeigt nicht nur auf höchst unterhaltsame Weise, was biografisches Schreiben alles kann, sondern auch, dass damals wie heute die Gefahren des Faschismus nicht zu unterschätzen sind – weder in England noch in Deutschland.

»In Großbritannien sind die Mitfords so bekannt wir bei uns die Manns. Nur noch berüchtigter«, konstatiert Susanne Kippenberger gleich zu Beginn ihrer Sammelbiografie über die sechs Mitford-Schwestern und weckt damit hohe Erwartungen bei ihren Leserinnen und Lesern: ein bohemienhafter Lebensstil, höchste künstlerische Leistungen sowie größtes politisches Engagement. Doch hält dieser Vergleich den Erwartungen stand? Können zwei Familien, die fraglos zu den schillerndsten des 20. Jahrhunderts gehören, die aber mit Blick auf soziale Herkunft, Bildung und politischer Einstellung unterschiedlicher nicht sein könnten, auf diese Weise miteinander ins Verhältnis gesetzt werden?

Um es vorwegzunehmen: Auch wenn sich der Vergleich zwischen den sechs Kindern von Thomas und Katia Mann und den sechs Töchtern von Lord und Lady Redesdale zweifellos anbietet, so hinkt er doch gewaltig. Zwar sind sie allesamt ebenso berühmt wie berüchtigt, doch der legendäre Ruf von Nancy, Pamela, Diana, Unity, Jessica und Deborah Mitford basiert vor allem auf der Art und Weise, wie sich die Schwestern mit ihrer Familie, ihrer Gesellschaftsklasse und den politischen Geschehnissen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen: von reaktionär-konservativ bis revolutionär, von antifaschistisch bis kommunistisch. Die Mitfords sind ein gesellschaftliches Biotop – und eine Klasse – für sich.

Wer sind diese legendären, exzentrischen Schwestern, die Susanne Kippenberger gekonnt und detailliert porträtiert? Und wer ist Jessica Mitford, die Kippenberger ins Zentrum ihrer Sammelbiografie stellt? Am Rande der idyllischen Cotswolds – dem Inbegriff englischer Landschaft, circa 150 Kilometer von London entfernt – wachsen die Schwestern als typische Vertreterinnen der Upper Class auf: ohne formale Schulausbildung, dafür aber mit fest etablierten Beziehungen in die höchsten Kreise von Gesellschaft, Politik und Literatur. Egal ob der Schriftsteller Evelyn Waugh oder der Politiker Winston Churchill – die Mitfords kennen alle. In diesem eng gestrickten Familiengefüge sind sich zwar nicht alle Mitglieder zu jedem Zeitpunkt grün – vor allem nicht während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland und der Hochphase der britischen Faschisten –, aber im Notfall halten die Schwestern wie Pech und Schwefel zusammen.

Die den deutschen Lesern und Leserinnen wohl bekanntesten Schwestern sind Nancy und Unity. Die erstgeborene Nancy (1904-1973) avanciert mit ihren meist autobiografischen Gesellschaftsromanen (z.B. Englische Liebschaften von 1945) zu einer der bissigsten Satirikerinnen, die ihre Landsleute und ihre eigene Klasse aufs Korn nimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt sie – zumindest politisch gemäßigt – bis zu ihrem Tod in Paris. Unity, die vierte Schwester (1914-1948), ist in Deutschland vor allem als innige Freundin Adolf Hitlers bekannt. Hitler empfängt sie mit ihrer Mutter zum Tee, sie reist zu den Nürnberger Parteitagen und nach Bayreuth – stets sucht sie seine Nähe und Aufmerksamkeit. Lange Zeit versteht sie sich als Vermittlerin zwischen England und Deutschland, doch die deutsche Kriegserklärung an England zerstört diese Illusion: Unity schießt sich in München eine Kugel in den Kopf – und überlebt. Ihre Mutter Lady Redesdale pflegt Unity bis zu ihrem Tod. Auch die drittälteste Schwester Diana (1920-2003) ist eine glühende Faschistin. Nach einer kurzen Ehe mit dem Brauereierben Bryan Guinness heiratet sie 1936 Oswald Mosley, den Führer der aufsteigenden British Union of Fascists. Er war den meisten seiner Schwägerinnen ein Dorn im Auge und besonders für Nancy ein steter Quell des Spotts, wie man in ihrem wunderbar bissigen Roman Landpartie mit drei Damen (1935) nachlesen kann. Die Trauung findet in Joseph Goebbels’ Wohnzimmer statt, Hitler ist als Ehrengast zugegen. 1940 werden Diana und Oswald Mosley aufgrund ihrer Kontakte zu den deutschen Nationalsozialisten verhaftet. Dianas dreieinhalbjährige Haft beruht unter anderem auf der Aussage ihrer Schwester Nancy gegenüber dem Kriegsministerium, die Diana als extrem gefährliche Person einschätzte.

Die zweitälteste Schwester Pamela (1907-1994) und die jüngste Deborah (1920-2014) entsprachen wohl am ehesten den gesellschaftlichen Vorstellungen der Upper Class: Pamela – die von ihren Schwestern nicht ohne Spott »Woman« genannt wird – und Deborah bleiben dem Landleben treu. Vor allem Deborah versteht es, ihre adlige Herkunft gewinnbringend zu vermarkten und den Wohnsitz ihres Mannes, Schloss Chatsworth, zu einer Touristenattraktion zu machen. Der einzige Bruder Thomas (1909) ist eine Randfigur im schwesterlichen Gefüge. Im Gegensatz zu den Mädchen erhält er eine standesmäßige Internatserziehung und wird Jurist. 1945 fällt er in Burma – mit ihm endet die Adelslinie der Mitfords, da Titel und Sitz im Oberhaus nicht an Mädchen vererbt werden konnten.