Zeitgemäße und grundsätzliche Denkanstöße

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Konkret wird es, wenn der libysche Arzt und Autor Ashur Etwebi und der Dokumentarfilmer und Ukraine-Experte Jakob Preuss über mögliche Kriterien einer europäischen Einwanderungspolitik sprechen werden. Dazu passt, dass auch die Künstlerinitiative My right is your right, die sich für eine neue europäische Flüchtlingspolitik stark macht, vom ilb unterstützt wird und bei der Eröffnung die Bühne bekam.

An Flucht und Asyl sind immer auch Fragen von Identität und Heimatsuche geknüpft. Diese Fragen greift nicht nur Jenny Erpenbeck in ihrem neuen Roman Gehen, ging, gegangen am Beispiel der Flüchtlinge am Oranienplatz auf, den sie im Rahmen des ilb erstmals vorstellt, sondern auch die vielseitige österreichische Künstlerin Valerie Fritsch, die beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb sowohl den Kelag- als auch den BSK-Publikumspreis gewonnen hat. Sie wird mit dem Waliser Literaturwissenschaftler Llŷr Gwyn Lewis, dem italienische Autor Marco Parlato sowie der irischen Dramatikerin Elske Rahi Kurzgeschichten zum Thema Zuhause vorstellen, die sie im Rahmen des Förderprogrammes Scritture Giovani, einer Schreibwerkstatt der drei bedeutendsten europäischen Literaturfestivals, dem italienischen Festivaletteratura, dem britischen Hay Festival und dem ilb.

Parallel dazu spricht die syrische Journalistin Samar Yazbek über ihre Reise in die zerstörte Heimat, aus der aktuell die meisten Menschen nach Europa kommen. Vertiefte Einblicke in die weltweiten Unruhezonen verschaffen zudem die Reportagen des aktuellen Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani, der am ersten Abend des Festivals auch seine Reflexionen über das Christentum anhand der christlichen (vorwiegend katholischen) Bildkultur Ungläubiges Staunen vorstellte.

Mit Spannung erwartet wird der Auftritt des inzwischen 81-jährigen nigerianischen Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka, der bereits zum zweiten Mal nach Berlin kommt. Er wird mit der Autorin Priya Basil darüber sprechen, warum Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden und was man dagegen tun kann. Sicher wird er dabei seine Erfahrungen teilen, die er als UNESCO-Botschafter abseits der Nachrichtenkanäle gesammelt hat. In einer anderen Veranstaltung wird er mit Basil über die Genese der islamistischen Terrororganisation Boko Haram in seinem Heimatland und den Umgang mit Terror und Gewalt sprechen. Die in London geborene, in Kenia aufgewachsene und in Berlin lebende Schriftstellerin Priya Basil hat sich bereits in den vergangenen Jahren als hervorragende Moderatorin solch hochrangiger Gäste erwiesen, etwa im Gespräch mit der britisch-nigerianisch-ghanaischen Schriftstellerin Taiye Selasi oder dem Somalier Nuruddin Farrah. Beim diesjährigen Festival wird sie nicht nur mit Wole Soyinka debattieren, sondern auch mit dem Belgier David van Reybrouck über dessen kolossale Kongo-Studie und die Zukunft der Demokratie diskutieren oder mit den Feministinnen Laurie Penny (Großbritannien) Mona Eltahawy (Ägypten) und Josephine Decker (USA) über die Lages des Feminismus im Allgemeinen und die sexuelle Revolution in der islamischen Welt im Besonderen sprechen.

Dass Zuwanderung die Gesellschaft verändern wird, ist eine Tatsache, in der viel Potential liegt. Wer hätte etwa vor wenigen Wochen ob der täglichen Nachrichten von Rassisten und Neofaschisten gedacht, dass inzwischen viele so berührt und bewegt ob der zahlreichen Hilfe für die Schutzsuchenden auf ihr Land blicken. Deutschland wird in 20 Jahren anders aussehen als heute. Wie, weiß keiner, viele hoffen aber auf ein noch weltoffeneres und weniger miefiges Land. Wohin es gehen könnte, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch und entwicklungstechnisch, nicht nur im Positiven, sondern auch im Dystopisch-Negativen, wird in insgesamt 19 Lesungen und Diskussionen unter dem Motto Visions 2030. Authors and Scientists on the Future of Cities im Literaturhaus Berlin erkundet. Autoren wie der Rumäne Mircea Cârtârescu – im Frühjahr mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet –, die Argentinierin María Sonia Cristoff oder der Nigerianer Helon Habila sprechen dabei mit Nicht-Literaten wie IT-Visionär Adam Greenfield, Mobilitätsexpertin Jutta Deffner oder Bombay-Versteher Suketa Mehta über die künftigen Bedrohungen und Verheißungen des Lebens in der Metropole.

Dass die bisherige Zuwanderung das Land verändert hat, wird niemand bezweifeln wollen. Nachdem Deutschland lange Zeit versäumt hat, sich als Zuwanderungsland zu bekennen, sind inzwischen die ersten Früchte dieses Bekenntnisses sichtbar. Menschen aus anderen Ländern bereichern hier nicht nur den Arbeitsmarkt und wirken dem Fachkräftemangel entgegen, sie bereichern uns auch mit ihren Kulturen. Die eingangs erwähnten Autoren spielen dabei keine unwesentliche Rolle. Viele Kulturschätze aber werden immer noch von anderen gehoben und den deutschen Lesern zugänglich gemacht.

Zugleich gehen diese Menschen und ihr Verdienst oft im Alltagsgeschäft unter, dabei müsste, wenn von Thomas Pynchon oder T. C. Boyle die Rede ist immer auch von Nikolaus Stingl oder Dirk van Gunsterem gesprochen werden, bei Haruki Murakami und Mo Yan von Ursula Gräfe und Martina Hasse oder bei Vladimir Zarev und Warlam Schalamow von Thomas Frahm und Gabriele Leupold. Die meiste Literatur, die hierzulande erscheint, wird übersetzt, selten aber ist von den Übersetzenden die Rede. Dies will das ilb nun ändern und hat in einem ersten Schritt zum ersten Mal die Übersetzenden auch in ihrem Programm benannt. Nichts worauf man stolz sein müsste, vielmehr wird hier ein für ein Literaturfestival mit weltweitem Fokus unerhörter Missstand endlich ausgeräumt. Den Übersetzern wird eine Reihe zur Kunst des literarischen Übersetzens gewidmet. Organisiert wird diese von Don DeLillo- und Yasmina Reza-Übersetzer Frank Heibert, der unter anderem über die Übersetzer als »unsichtbare Dritte« sprechen wird.

Beim ilb kann man auch einen ersten Blick auf das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werfen. Die beiden indonesischen Autorinnen Leila S. Chudori und Laksmi Pamuntjak werfen in ihren zum Teil panoptoischen Romanen Pulang und Alle Farben rot einen Blick zurück in die grausame Geschichte ihrer Heimat unter dem Militärregime von General Haji Mohamed Suharto und den Nachwirkungen des Massakers an den Sympathisanten der Kommunistischen Partei Indonesiens in den Jahren 1965/66.

2 Gedanken zu “Zeitgemäße und grundsätzliche Denkanstöße

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