Zeitgemäße und grundsätzliche Denkanstöße

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Darüber hinaus stellen zahlreiche Autoren ihre aktuellen Werke vor. Hier einige Höhepunkte, sortiert nach Veranstaltungstag.

Der österreichische Erfolgsautor Clemens J. Setz stellte bereits am Tag vor der offiziellen Eröffnung seinen sehnsüchtig erwarteten Großroman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre vor, der Anfang der Woche erschienen ist und schon jetzt der superlativierteste Kandidat unter den 20 für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen ist. Er erzählt darin fulminant vom Wahnsinn der seltsamen Dreiecksbeziehung zwischen der Betreuerin Natalie Reinegger, dem Psychopaten Alexander Dorm und dem Wittwer Dr. Christopher Hollberg. Bei seiner Lesung outete er sich als Anhänger des Posthumanismus in der Literatur, der Tradition der Ablehnung des Tradierten unter Grazer Schriftstellern und seinen Überlegungen beim Schreiben, wie weit man in die Welt eines einzelnen Menschen abtauchen kann, ohne dabei alle anderen abzuhängen. Er hält dieses Abtauchen ins zusammenhanglose non-sequitur-Denken exakt 1.019 Seiten lang durch; und am Ende »fängt die Welt an zu singen«, kommentierte Iris Radisch. Übrigens: Auf dem Blog zum Buch wird der Autor dieses Blogs mit anderen namenhaften Kritikern und Denkern Setz’ neuen Roman online lesen und kommentieren.

Am zweiten offiziellen Festivaltag geht es mit Varujan Vosganians Buch des Flüsterns noch einmal um das 100. Gedenken an den armenischen Völkermord, für das bereits im April eine weltweite Solidaritätslesung veranstaltet wurde. Später präsentieren die Mitglieder der Autoren-Nationalmannschaft Moritz Rinke und Jan Böttcher gemeinsam mit dem bekennenden Borussia-Dortmund-Fan Joachim Król ihre Beobachtungen eines besonderen Jahres in der Geschichte des Fußballvereins. Man muss ein Spiel auch lesen können fasst zusammen, was das letzte Jahr unter Kulttrainer Jürgen Klopp mit Mannschaften und Fans gemacht hat.

Zwei Tage darauf präsentiert mit Adam Thirlwell einer der jungen Wilden der britischen Literaturszene seinen neuen Roman. Grell und Süß ist ein die Lachmuskeln forderndes Feuerwerk der Ironie, bei dem ein wohlsituiertes Leben so richtig aus den Rudern läuft. Am selben Tag präsentiert mit Elif Shafak eine der wichtigsten literarischen Stimmen aus der Türkei ihren neuen Roman Der Architekt des Sultans. Darin lässt sie die Blütezeit Istanbuls wieder aufleben, erzählt von sozialem Aufstieg und moralischem Verfall.

Der Festivalsonntag ist in bewährter Tradition der Neunten Kunst gewidmet. Der sogenannte Graphic Novel Day findet bereits zum fünften Mal statt und ist mit Joann Sfar, Riad Sattouf, Pablo Roca, Michel Kichka und vielen mehr prominent besetzt (mehr hier).

Die zweite Woche startet mit der amerikanischen Bestseller-Autorin Meg Wollitzer, die am Nachmittag ihren ersten Jugendroman Was uns bleibt ist jetzt und am Abend ihren neuen Roman Die Stellung vorstellt. Darin geht es um die peinlichste Sache der Welt: den Sex der eigenen Eltern. Nach Die Interessanten kann man eines schon jetzt sagen: Unterhaltung ist garantiert. Am gleichen Tag wird der irische Bestsellerautor und Booker-Prize-Gewinner Roddy Doyle neben seinem ebenso genialen wie berührenden Roman Punk is Dad gleich mit zwei neuen Jugendromanen zur Wirtschaftskrise (Brilliant) und zum Abschiednehmen (A greyhound of a girl) in Berlin sein. Hier muss man gut organisiert sein, um alles abzugreifen.

Der englische Autor Martin Amis wird seinen neuen Roman Interessengebiet in Berlin vorstellen. Der Hanser-Verlag kündigte nach der Lektüre des Manuskripts seinem Autor die Freundschaft und sagte, dass er dieses Werk, in dem es um eine Affäre im Vernichtungslager Auschwitz geht, nicht drucken wolle. Amis fand mit seinem Werk Zuflucht in der Schweiz (wo sonst), bei Kein & Aber, wo dieser beunruhigende Roman über die Täter und die Unbegreiflichkeit des industriellen Mordens erscheint.

Der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan ist eine der wichtigsten Stimmen seines Herkunftslandes. Mit den Romanen Teheran Revolutionsstraße, Amerikaner töten in Teheran oder Teheran, Stadt ohne Himmel hat er eine semifiktionale Trilogie zur iranischen Gesellschaft vorgelegt. Jetzt präsentiert er seine neuen Romane Der Kalligraph von Isfahan und Iranische Dämmerung. Letzteren präsentiert er erstmals in der vollständigen Fassung, im Iran durfte das Buch nur in einer zensierten Form erscheinen. Diese wurde für den Staatlichen Buchpreis nominiert, Cheheltan lehnte diese Auszeichnung von Anfang an ab.

Der aktuelle Man-Booker-Preisträger Richard Flanagan ist mit seinem ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland ebenfalls in Berlin. Der in Australien lebende Autor arbeitet darin eines der dunkelsten Kapitel des Kolonialismus in Südostasien auf. Er erzählt darin packend und aufwühlend von den Verhältnissen in den japanischen Kriegsgefangenenlagern an der Thailand-Burma-Eisenbahn. Unsere Rezensentin schrieb nach der Lektüre der englischen Ausgabe: »Flanagans Roman The Narrow Road to the Deep North schont seine Leserinnen und Leser nicht. Die großen und existenziellen Erfahrungen von Leben und Überleben, Liebe und Schicksal vereint dieses Buch erzählerisch sowie inhaltlich gekonnt miteinander.«

Mit Das Liebesleben des Nathaniel P. ist der Amerikanerin Adelle Waldmann nicht nur ein fulminantes Debüt geglückt, sie hat auch den Roman des Sommers geschrieben. Darin geht es um eine Gattung Mensch, von der es auch in Berlin genug gibt: egozentrische Männer, die nicht erwachsen werden. Aber niemand hat den Typus des Großstadtneurotikers bissiger und treffender porträtiert als die New Yorkerin, die beim ilb erstmals ihren Roman in Deutschland vorstellt.

Eine Premiere feiert auch Horacio Castellanos Moya, der in Honduras geboren und in El Salvador aufgewachsen ist. Seine kritische Stimme ist eine der wichtigsten des Landes, er selbst ist ständigen Morddrohungen ausgesetzt. Der Journalist präsentiert seinen Roman Der Traum von Rückkehr, in dem der im mexikanischen Exil lebende Autor die eigenen Erfahrungen verarbeitet.

Insgesamt präsentiert das 15. ilb über 200 Veranstaltungen mit mindestens ebenso vielen Autoren aus aller Welt. Das Festival-Plakat der Inderin Sunandini Banerjee, die im vergangenen Jahr mit Judith Schalansky und Andreas Rötzer über die Kunst der schönen Bücher sprach, zeigt eine verfremdete Silhouette von Rodins Meisterwerk Der Denker. In den Denkanstößen, die es bietet, scheint das heimliche Motto des diesjährigen Festivals zu liegen. Das kann in diesen Zeiten, in denen schneller kommentiert als gedacht wird, kein falscher Weg sein.

2 Gedanken zu “Zeitgemäße und grundsätzliche Denkanstöße

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