Die Neuordnung der Macht in Europa

Sintflut von Adam Tooze

Dieses zweite Eckjahr von Sintflut ist geprägt von zwei Ereignissen, die die wirtschaftliche Ordnung der Zwischenkriegszeit beenden: Die Abkehr Großbritanniens vom Goldstandard und das Hoover-Moratorium. US-Präsidenten Herbert C. Hoover erklärte am 20. Juni 1931, die intergouvernementalen Zahlungsverpflichtungen wegen der Weltwirtschaftskrise für ein Jahr auszusetzen. Damit waren nicht nur die deutschen Reparationszahlungen an die europäischen Siegermächte des Ersten Weltkriegs gemeint, sondern auch die interalliierten Kriegsschulden, die Großbritannien und Frankreich während des Weltkriegs bei den USA aufgenommen hatten und die sie mit ihren Reparationseinnahmen zurückzahlten. Überholt wurde diese Erklärung durch den Ausbruch der Deutsche Bankenkrise am 13. Juli 1931. Die Reichsbank verfügte auf absehbare Zeit über keine ausreichenden Devisen, um die Reparationszahlungen wieder aufzunehmen.

Ein weiteres Datum ist der 19. September 1931, an dem die Goldkonvertibilität des Britischen Pfunds ausgesetzt wurde. Es markierte den Beginn des Zerfalls des internationalen Goldstandards. Die Überbewertung der britischen Währung hatte jahrelang hohe Leistungsbilanzdefizite verursacht, was eine Verringerung der Goldbestände der Bank of England zur Folge hatte. Es wurde für sie immer schwieriger, die im Rahmen des Goldstandards definierte Goldparität zu halten. Mit der Abkehr vom Goldstandard werteten die Briten das Pfund um 25 Prozent ab, was die Wettbewerbsposition erheblich verbesserte. Damit war aber der Goldstandard als disziplinierender und koordinierender Rahmen obsolet, den London und Washington zum Anker der Nachkriegsstabilisierung gemacht hatten. Kurzum: Die Ordnung, die vor allem auf Betreiben Washingtons errichtet worden war, bestand ab 1931 nicht mehr. Gerade in diese Ordnung hatten die europäischen Staaten viel investiert, vor allem während der Deflation zu Beginn der 20er Jahre. Ziel war es, die Inflationswelle zu brechen, eine der finanziellen Folgen des Krieges, und somit eine der zugrundeliegenden Ursachen sowohl der nationalen wie der internationalen Unruhen anzugehen. Für Tooze ist dies »das bis heute wahrscheinlich am meisten unterschätzte Ereignis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts«. Die Rückkehr zum Goldstandard nach dem Ersten Weltkrieg folgte der Logik einer internationalen Kooperation, sie legte eine Goldfessel für »ausgabefreudige und Inflation in Kauf nehmende Sozialisten« wie revanchistische Militaristen an. Aus dieser Logik heraus wurde die Weltwirtschaftskrise lediglich als zyklische Rezession angenommen, offensichtlich mit Massenarbeitslosigkeit und Konkursen, aber weit weniger dramatisch, um eine internationale Ordnung aufzugeben, die am ehesten Frieden und wirtschaftlichen Fortschritt zu garantieren versprach und dieses Versprechen auch in den 20er Jahren halten konnte. »Es gehörte mit zu den Tragödien der Weltwirtschaftskrise, dass alle Ansätze einer konstruktiven Politik internationaler Zusammenarbeit fest mit der Politik der ökonomischen Austerität verknüpft waren.« 1931 kollabierte dieses System. Es eröffnete Ideologien, die dieses System bekämpften, strategische Freiräume. In den 30er Jahren streiften Stalinismus, der Nationalsozialismus und der japanische Imperialismus die letzten Hemmungen ab und bliesen zum Großangriff auf den Status Quo.

In Parenthese: Wer die letzten dramatischen Wochen um die finanzielle Rettung Griechenlands erlebt hat, liest dieses Buch auch immer unter dieser Perspektive. Nun ist es sehr schwierig aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Geschichte wiederholt sich nicht, schon gar nicht im einzelnen Ereignis. Und doch können Vergleiche und Analogiebildung zu früheren Konstellationen eine Vorstellung davon entwickeln, wie es weitergehen könnte und welche politischen Optionen uns dabei zur Verfügung stehen. Aktuell stellt sich die Frage, warum die aktuelle griechische Regierung mit ihren berechtigten Forderungen so wenig Erfolg hatte, gehört und verstanden zu werden. Eine Analogie bildet der Umgang der Deutschen mit den Reparationsforderungen als Folge des Ersten Weltkriegs: Warum war Gustav Stresemann so erfolgreich, warum scheiterte Brüning? Tooze erklärt sich dies mit der Fähigkeit Stresemanns, strategische und taktische Handlungsspielräume zu erweitern, indem er eine offene Konfrontation vermied. Brünings aggressiver Ansatz bewirkte exakt das Gegenteil. Durch seinen Flirt mit nationalistischen Fantasien engte er seinen Spielraum ein und geriet sowohl im Inland auch international immer mehr unter Druck. Auch Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras haben in den letzten Monaten ihre Handlungsspielräume so sehr eingeengt, dass sie dadurch ein System stabilisiert haben, das für die griechischen Verhältnisse nicht funktioniert. Vielleicht haben sie es auch langfristig kaputt gemacht. Auch dies würde Griechenland viel stärker treffen, als die robusten Ökonomien Deutschlands, der Niederlande oder Belgiens. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.« Vielleicht wäre ein Rekurs auf Karl Marx sinnvoller gewesen als auf ökonomische Spieltheorien.

Zum Schluss eine letzte Erklärung: Warum Sintflut? Dieses biblische Wort hat Tooze einer Rede des englischen Premierministers Lloyd George entnommen, der Ende 1915 vor schottischen Munitionsarbeitern in Glasgow eine Brandrede zur Motivation der murrenden Massen hielt. Darin heißt es an einer Stelle: Dieser Krieg »ist die Sintflut, er ist ein Aufbäumen der Natur… und bringt beispiellose Veränderungen im gesellschaftlichen und industriellen Gefüge mit sich. Er ist ein Zyklon, der die Zierpflanzen der modernen Gesellschaft samt Wurzel ausreißt.« In der Tat, die Welt vor 1914 ist mit der nach 1918 nicht mehr vergleichbar.

Diese vorliegende Besprechung hat einen großen Nachteil, sie verweist nicht auf die vielfältigen Bezüge nach Japan, China, Indien, Afrika und Südamerika – Regionen, die Tooze stets in den Blick nimmt. Er hat eine beeindruckende Studie vorgelegt über einen historischen Zeitraum, der uns immer noch prägt, aus dem wir, die wir uns ebenfalls in einer historischen Umbruchsphase befinden, einiges lernen können, vor allem, wie man es nicht machen sollte. Aber wenn wir die schlimmsten Fehler im Umgang mit dem Russland-/Ukraine-Konflikt, mit den Konflikten im Mittleren und Nahen Osten sowie im Umbau der Europäischen Union hin zu einer wesentlich stärkeren politischen als wirtschaftlichen Institution vermeiden könnten, dann wäre uns sehr geholfen.

Sintflut von Adam ToozeAdam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916-1931

Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer

Siedler Verlag 2015

720 Seiten. 34,99 Euro

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