Zeichnen als Überlebensstrategie

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Erst ging seine Titelseite mit einem weinenden »Je suis Charlie«-Mohammed um die Welt, dann erklärte er seinen Rückzug aus der Redaktion von Charlie Hebdo. Nun erscheint »Katharsis«, Renald Luziers gezeichnetes Journal der Wochen nach dem Attentat.

Der Abend vor seinem Geburtstag war für Renald Luzier alias Luz bislang immer eine Qual. Ihn überkommt eine Traurigkeit, eine Art Melancholie, die mit dem Tag danach zusammenhängt. »Wissen Sie«, erklärt der langjährige Charlie-Hebdo-Zeichner Luz seiner Therapeutin auf der Couch liegend, »am 7. Januar ist in der Geschichte nie etwas passiert. Es passierte nie etwas an dem Tag, außer meinem Geburtstag und meiner Mutter, die mich unter Tränen anruft. Ehrlich, ich weiß nicht, warum ich am 6. Januar so traurig bin. Wahrscheinlich ist es die Angst vor der Routine des nächsten Tages.«

Diese Routine wird es nie wieder geben, denn seit diesem Jahr ist sein Geburtstag mit dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins und dem schmerzhaften Verlust seiner engsten Freunde und Weggefährten verbunden. In dem jetzt in deutscher Übersetzung erscheinendem Album Katharsis setzt sich der französische Zeichner mit dem Abgrund auseinander, der sich am 7. Januar 2015 unter ihm aufgetan hat.

»Eines Tages ist mir das Zeichnen abhanden gekommen. Am selben Tag wie auch eine Handvoll teurer Freunde«, schreibt er zu Beginn seiner gezeichneten Konfrontation mit den Dämonen, die ihn seitdem besuchen. Dabei fing sein diesjähriger Geburtstag vielversprechend an. Luz’ Frau Camille hatte für den Vorabend eine kleine Überraschungsparty organisiert, um in den Geburtstag hineinzufeiern. Es wurde spät, am nächsten Morgen kam Luz nicht aus dem Bett. Es war sein Glück, denn als er später als geplant in die Redaktion kam, fand er das Blutbad vor, dass die Attentäter gerade angerichtet hatten. Elf Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, darunter seine Freunde und Zeichnerkollegen Stéphane Charbonnier (Charb), Jean Cabut (Cabu), Bernard Verlhac (Tignous), Philippe Honoré und Georges Wolinski wieder.

Als er am Abend des Attentats seine Zeugenaussage machen soll, bittet er um Stift und Zettel. Wie in Trance setzt er ein Strichmännchen mit weit aufgerissenen Augen neben das nächste, alle verharren sie in Schockstarre. Es ist Luz Bild der Lähmung, die in den Tagen danach nicht nur die hinterbliebenen Zeichner, sondern eine ganze Nation ergriffen hat. Mit ihm beginnt sein Journal der Tage und Wochen nach dem Attentat.

Es muss ein unvorstellbarer Kampf mit den eigenen Gefühlen gewesen sein, den die Rumpfredaktion des Satiremagazins hinter sich hatte, als Luz am 13. Januar bei einer Pressekonferenz die »grüne Ausgabe« vorstellte. Wenige Tage zuvor hatten in Paris über eine Million Menschen bei der größten Kundgebung, die Frankreich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, ihre Solidarität mit dem geliebt-gehassten Magazin erklärt, Beileids- und Sympathiebekundungen aus aller Welt erreichten die Redaktion. Wie es den Karikaturisten und Autoren trotz aller Ergriffenheit und Trauer gelungen ist, Abstand zu den Ereignissen zu bekommen, um eine neue Ausgabe des Magazins zu machen, ist auch heute noch ein Rätsel.

Cover CharlieWie groß der Druck gewesen sein muss, kann man ahnen, wenn man sich das Video der Pressekonferenz noch einmal anschaut. Da sieht man Luzier neben Chefredakteur Gérard Biard sitzen, rot unterlaufene Augen, starr vor Erschöpfung vor sich hinblicken. Auf der anderen Seite der Notarzt Patrick Pelloux, der seit zwölf Jahren eine Kolumne für das Magazin schreibt und vergeblich versuchte, seinen schwer verletzten Kollegen das Leben zu retten. Während Biard bekannt gibt, dass die Ausgabe in drei Sprachen (Französisch, Englisch, Spanisch) und in einer ersten Auflage von drei Millionen Exemplaren (am Ende werden sieben Millionen Exemplare gedruckt) erscheinen werde, blättern Luz und Pelloux durch das vor ihnen liegende Blatt, als müssten sie sich noch einmal vergewissern, dass das, was sie da innerhalb weniger Tage produziert haben, gelungen sei.

Dann spricht Luz, sichtlich aufgewühlt. Immer wieder muss er innehalten und um Fassung ringen. Mit rhythmischem Nicken treibt er sich selbst voran, um seine Erklärungen hinter sich zu bringen. Als er über die Entstehung seiner Titelseite spricht, spürt man den inneren Kampf mit dem Schmerz, der Wut und der Trauer der letzten Tage. »Ich habe mich entschieden, eine Mohammed-Figur mit dem Schild Ich bin Charlie zu zeichnen. Als er fertig war, habe ich diese trauernde Figur angesehen. Dann habe ich Alles ist vergeben darüber geschrieben, und musste weinen. Da wusste ich, dass es die Titelseite wird. Wir hatten sie endlich gefunden, diese verdammte Seite eins. Und vor allem war es unsere Seite eins. Nicht die, die die Welt von uns erwartet hat, sondern die, die wir zeichnen wollten.« Am Ende seines Statements sieht man auf dem Video, wie Luz seinen Kopf in die Hände fallen lässt und weint. Es ist die Einsamkeit und Hilflosigkeit angesichts der Wirklichkeit, die ihn in diesem Moment ergreift.

Man hätte hier schon ahnen können, dass hinter den als Helden der Meinungsfreiheit gefeierten Zeichnern Menschen aus Fleisch und Blut stecken, die die Ereignisse des 7. Januar in Paris nicht einfach abschütteln. Das haben aber die wenigsten getan und stattdessen das Satiremagazin zum neuen Propheten der Pressefreiheit und zum Heiligtum der westlichen Demokratie stilisiert. Luz zufolge ist die Heroisierung der Charlie-Hebdo-Equipe bis heute ein Irrtum. »Wir sind keine Helden, wir waren es niemals und wir wollten es auch niemals sein«, sagte er im Mai in einem Interview mit der französischen Tageszeitung »Liberation« anlässlich der Veröffentlichung der französischen Ausgabe von Katharsis, einer Art gezeichnetem Tagebuch, in dem sich der Zeichner mit dem Abgrund auseinandersetzt, der sich am 7. Januar 2015 unter ihm aufgetan hat.

Aus diesem Abgrund, in dessen Tiefen das Höllenfeuer loderte, stieg noch am selben Tag ein anderer, ein zweiter Luz hervor, der in den folgenden Wochen zum produktivsten der hinterbliebenen Zeichner avancieren wird. Allein die Ausgabe, die neun Tage nach dem Attentat erscheint, enthielt neben dem weltberühmten Titelbild fünf weitere Beiträge aus seiner Feder. Es waren die mit Abstand meisten eines einzigen Zeichners.

Gemeinsam mit den Hinterbliebenen der Redaktion produzierte Luz seither eine Ausgabe nach der anderen. Doch mit jedem Strich verlor er mehr und mehr das Interesse an der Gegenwart, verlor gar den Kontakt zu ihr. »Du weißt nicht mehr, ob du der am 7. Januar 1972 geborene oder der am 7. Januar 2015 für Frankreich geborene Luz bist«, erklärte er gegenüber Libération. Irgendwann im März oder April kam dann die Angst vor dem leeren Blatt Papier dazu. Luz befürchtete, sich unter dem Druck zu wiederholen. »Jede neue Ausgabe ist eine Qual, seit die anderen nicht mehr da sind«, gestand Luz in dem Libération-Interview. Mit den Worten »Ich werde nicht mehr Charlie Hebdo sein, aber immer Charlie bleiben« kündigte er dann seinen Rückzug für Ende September an. Noch hat er ihn nicht vollzogen, das Titelblatt der aktuellen Ausgabe hat er gezeichnet. Womöglich ist es sein letztes.

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Schon vorher wurde dem Franzosen klar, dass er etwas ändern muss, will er den »abhanden gekommenen Freund« (das Zeichnen) wiederfinden. Deshalb erklärte er bereits Ende April in der französischen Kulturzeitschrift Les Inrockuptibles, dass er keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen wolle. Umgehend hagelte es Kritik. Stéphane Charbonniers angebliche Ex-Freundin Jeanette Bougrab, ihres Zeichens ehemalige Staatssekretärin für Jugend und Gemeinwesen sowie Präsidentin der französischen Gleichstellungsbehörde, beschimpfte ihn gar als »Schlappschwanz«, der vor religiösen Fundamentalisten einknicke.

Dass das Unsinn ist, beweist er in Katharsis, wo ein aufgebrachter Muslim einen Klecks für eine Mohammed-Karikatur hält. Wo Wahnsinn regiert, kann Vernunft nicht obsiegen, und so folgt ein höchst amüsanter Austausch: Auf den Hinweis des gezeichneten Alter Ego des Karikaturisten, dass es sich hier um einen Fleck und nicht um Mohammed handelt, schreit der Muslim hysterisch: »Ich verbiete dir, Mohammed mit ’nem Klecks zu vergleichen, Ungläubiger.« Als ihn der Zeichner daraufhin verärgert fragt, wo er denn eine Mohammed-Karikatur in seinem Fleck erkenne, erwidert jener »Ich darf nicht hingucken, ich darf nicht hingucken…«. Zuletzt will der Zeichner zum Rorschach-Test greifen, doch schon hallt es »Rorschach, ist das nicht jüdisch?« Luz beweist hier, dass Satire keinen gezeichneten Propheten oder Gott braucht, sondern geistige Flexibilität.

Im Mai dann die Ankündigung des Rückzugs aus der Redaktion. Zuvor trugen ein Teil der Redaktion und die Geschäftsleitung wochenlang öffentlich einen Konflikt um das liebe Geld aus. Im März hatten 15 von 20 Redaktionsmitgliedern in Le Monde eine Umgestaltung der Aktiengesellschaft in eine Genossenschaft gefordert, um nicht »dem Gift der Millionen« zu erliegen. Zu den Unterstützern zählte neben Luz auch Kolumnist Patrick Pelloux, der am vergangenen Wochenende ankündigte, die Redaktion Anfang 2016 zu verlassen. Der praktizierende Notarzt Pelloux hatte nach dem Anschlag vergeblich versuchte, seine Kollegen zu retten. Nun gab er bekannt, dass er nicht mehr ständig öffentlich darüber reden wolle. Auch habe er „nicht länger den Mut, jede Woche weiterzumachen“. Herausgeber Laurent Sourisseau äußerte nüchtern Verständnis und nährt so nach den angekündigten Rückzügen von Luz und Pelloux sowie der kurzzeitigen Suspendierung der Autorin Zineb El Rhazoui nachhaltig die Spekulationen um einen tiefen Graben zwischen Teilen der Redaktion und der Geschäftsführung.

Luz lässt all das nun hinter sich, Katharsis ist sein ganz persönlicher Befreiungsschlag – zunächst von den Dämonen des 7. Januar 2015 (soweit das geht, wenn sich die denkbar größte Katastrophe am eigenen Geburtstag jährt), aber auch von den Querelen bei dem Satiremagazin. In seinem intimen und bewegenden Journal beschreibt er in kleinen Erzählungen seinen Weg aus dem Tal der Tränen zurück zu den Gipfeln der Ironie.

Etwa indem er dem demütigenden »Kloss im Bauch«, der ihn seit dem Anschlag quält, kurzerhand Ginette tauft, um wieder Oberwasser zu bekommen. Einfach ist das aber nicht, denn diese »kleine Pustel, gefüllt mit dem Serum einer Tragödie«, erinnert ihn täglich daran, dass er ein Überlebender auf Lebenszeit ist. Die beiden Terroristen, die seine Freunde erschossen haben, lässt er erst einen Kalaschnikow-Tango tanzen, um sie dann als kindische Streithähne an den Zeichentisch zu setzen. Nur so können sie die Unschuld einer Zeichnung begreifen. Und er führt ein letztes Zwiegespräch mit Charb, seinem Mentor und Freund. In Katharsis setzt er sich an dessen Grab und erzählt ihm von seiner Beerdigung; bis er feststellt, dass er sich nur noch mit sich selbst unterhalten kann.

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Immer wieder zeichnet er auch die Bodyguards, die für ihn abgestellt wurden, aber gefühlt bis in sein Schlafzimmer eindringen. Ihnen hat er es zu verdanken, dass er nicht nur das Lachen wieder lernen muss – es gelingt ihm mit Franquins Schwarze Gedanken – sondern auch die Liebe. Die gezeichnete »Geschichte des Wiedersehens zweier guter Freunde, die sich eines Tages beinahe nicht wieder begegnet wären« wurde deshalb eine Dreiecksgeschichte, in der Luz’ Frau Camille die Hauptrolle spielt. Sie verhinderte etwa die Katastrophe, als er sich mit dem Magazin, das ihm viele Jahre sein Leben bedeutete, das Leben nehmen und seine Wohnung in Brand stecken wollte. Es war der Tiefpunkt in dem Tal der Tränen, das sie immer wieder gemeinsam durchschritten; wobei sich die Tränen, gefangen zwischen seelischer Last und körperlicher Lust, auch mal als »Spermatränen« offenbaren können. Dass der französische Zeichner seine inneren Konflikte auch über den Sex mit seiner Frau austrug, hat seine Gründe. Ein Schäferstündchen am Morgen seines Geburtstags rettete ihm das Leben. Sein Trauma-Buch sei deshalb auch keines, sondern vielmehr eine Liebeserklärung an seine Frau, die in seinen dunkelsten Stunden für ihn da war, sagte er nach dem Erscheinen des Albums in Frankreich. Mit den Worten »oft gezeichnet, täglich begehrt, ewig geliebt« hat er ihr sowie »denen, die nicht mehr da sind« und jenen, »die geblieben sind« dieses Buch gewidmet.

Indem er seiner kaputten Seele Raum gab, heilte er sie – mit jedem Strich ein wenig mehr. Das ist immer ein Wandeln auf Messers Schneide, rechts geht es in den Abgrund der Trauer, links in das Loch der Ironie. Beide würden für sich genommen nicht funktionieren, zugleich wirkt die Balance, die Luz hält, im gewissen Sinn ambivalent. Sein Album ist eine Art Borderline-Journal, in dem sich der Erzähler als Wanderer zwischen Himmelhochjauchzen und Zu-Tode-betrübt outet. Als Leser erlebt man noch einmal seine Zusammenbrüche, träumt seine Albträume und kämpft mit den Geistern, die er nie gerufen hat, verspürt aber auch die Erleichterung eines befreiten Lachens und der weichen Arme einer Frau. Man durchlebt diese Schizophrenie noch einmal stellvertretend für Luz, der auch heute noch manchmal durch sie durch muss. Sie ist Teil seiner inneren Reinigung, seines Kampfes mit den Dämonen, mit dem er sich arrangiert hat.

»Wir, das Zeichnen und ich, haben uns gesagt, dass wir nie wieder dieselben sein werden«, schreibt er in Katharsis. Ein Grund dafür ist auch die Lähmung in seiner rechten Hand, die seinen Strich bis heute zittern lässt. Angst, dass er das Zeichnen deshalb aufgebe, muss man nicht haben, er plant eine Comicadaption von Stephen Kings Shining. »Ich muss zeichnen, um nicht zu zittern. Und weil ich immer mehr zittere, werde ich immer mehr und noch mehr zeichnen müssen.«

Bislang war das kein völlig falsches Rezept, wie dieses ergreifende Album beweist. Es schließt mit den fassungslosen Strichmännchen der ersten Seite, die am Ende aber nicht mehr wie angewurzelt in der Wirklichkeit stehen, sondern sich auf den Weg gemacht haben. So wie Luz selbst, der am Anfang eines neuen Weges steht.

u1_978-3-10-002498-5Luz: Katharsis

Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald

S. Fischer 2015

128 Seiten. 16,99 Euro

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