Schluss mit der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«

Fleeing Kosovo. 2000 Pulitzer Prize, Feature Photography, Carol Guzy, Lucian Perkins and Michael Williamson | via Flickr (CC BY 2.0)

Welcher Gestalt diese Notlagen sein können, beschreibt Christoph Miler in seiner Doku-Fiktion Nowhere Men, die er als Abschlussarbeit seines Grafikstudiums eingereicht hat. Für sie hat er eineinhalb Jahre lang immer wieder Gespräche mit Schutzsuchenden geführt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse über Fluchtmotive, Fluchtrouten und Aufnahmebedingungen führt er zu sechs möglichen Migrantenschicksalen zusammen. Seine irregulären Schutzsuchenden sind Ajar aus dem Irak, Devi aus Indien, João aus Brasilien, Sissoko aus Mali, Bidemi aus Nigeria und Gulisa aus Georgien. Die Gründe für ihre Flucht aus der Heimat sind so vielfältig wie die Wege, die sie nehmen und die Hürden, auf die sie auf ihrer Odyssee stoßen. Indem Miler die Geschichten dieser Menschen erzählt, gibt er diesen Unsichtbaren eine Stimme und macht sie sichtbar.

Besonders ist dieses Buch aber weniger aufgrund des Nachzeichnens der Fluchtgeschichten, die man so oder ähnlich schon aus anderen Büchern kennt, sondern aufgrund der intendierten Überlagerung dieser Erzählungen mit den politischen, ökonomischen und kulturellen »Ereignispartikeln« in aller Welt, die irgendwie zu ihrer Migration beigetragen haben könnten. Miler hat unzählige Fakten zusammengetragen und zwischen die Berichte seiner Protagonisten geschnitten (wie das aussieht, kann man auf der Homepage des Designers sehen), um deutlich zu machen, dass heutzutage kein Ereignis mehr isoliert für sich steht. Man liest vom Scheitern der Nabucco-Pipeline, von Kampfdrohnen, die Australiens Premier Tony Abbott im Kampf gegen irreguläre Flüchtlinge einsetzen will, von Rücküberweisungen in die Herkunftsstaaten, von Containerschiffen und Flüchtlingsstrategien, dem chinesischen Engagement in Afrika und der Europäischen Außengrenze, vom größten Puff der Welt am Rande Wiens, der US-Kriegswirtschaft und der Konjunktur von virtuellen War-Games.

Dieser Ansatz erinnert an Wolfgang Scheppes phänomenalen Atlas einer globalen Situation Migropolis, in dem er und seine Studenten mithilfe von Statistiken, Bildmaterial und Artefakten die Mechanismen der Globalisierung am Beispiel Venedigs seziert haben. Je länger man sich nun in Milers Kulturstudie vertieft, desto stärker dreht sich das Kaleidoskop namens Globalisierung. Bis der Leser begreift, dass noch die »unscheinbarsten Geschehnisse vor unserer Haustür« die Leben der Menschen beeinflussen, die ihr Glück auf den gewagtesten Wegen versuchen. Einer dieser lebensgefährlichen Wege führt über das Mittelmeer. Zehntausende riskieren dort jedes Jahr ihr Leben. Warum Meier-Braun der aktuell so brennenden Migration über das Mittelmeer sowie der europäischen Asylpolitik nur zehn Seiten widmet, ist ein Rätsel. Möglicherweise weil die Wirklichkeit auf dem Mare Nostrum täglich neue Fakten schafft und dies den Halbzeitwert seiner Faktensammlung erheblich senken könnte. Mediterranean Tragedies Put Focus on Those in Peril on the Sea

Dabei gibt es nicht gerade wenig Grundsätzliches zur Europäischen Flüchtlingspolitik zu sagen, wie der Leiter des innenpolitischen Ressorts der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl zeigt. In seinem 25-seitigen Plädoyer Im Namen der Menschlichkeit unterzieht er die zementierte Gleichgültigkeit der Europäischen Union einer unwiderstehlichen Kritik. Prantl kennt man als Freund der klaren Worte, und wenn er schreibt, dass die Abwehr von Schutzsuchenden »der einzig funktionierende Teil der EU-Flüchtlingspolitik« ist, dann trifft er den Nagel auf seinen empfindlichen Kopf. Das Mittelmeer beschreibt er als »Friedhof der Menschenrechte«, auf dem die »Opfer unterlassener Hilfeleistungen« liegen, die »in der Kälte der europäischen Flüchtlingspolitik« erfroren sind.

Prantl ist wie Meier-Braun Journalist, er hat sich aber gegen die nüchterne Darstellung der Fakten entschieden. Sein Text ist mit Verve geschrieben und erinnert an Stephane Hessels Weckruf Empört Euch. Und tatsächlich müssen die politisch Verantwortlichen in Europa aus ihrem Tiefschlaf aufwachen und an den richtigen Stellen handeln. Denn das Argument, es fehle an finanziellem Spielraum, entbehrt jeder Wirklichkeit. Allein der zweitägige G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern hat ungefähr genauso viel gekostet, wie das eingestellte Seenotrettungsprogramm Mare Nostrum der italienischen Marine, dank dem hunderttausende Menschen vor dem Ertrinken gerettet wurden. Es zu verlängern würde ein Prozent des EU-Haushalts ausmachen; offenbar ein zu hoher Preis für die europäischen Staatenchefs.

Diese Schimpfen stattdessen weiter über die skrupellosen Schleuser, deren Aktivitäten durch die Grenzschutzmaßnahmen erst richtig lukrativ werden, wie der italienische Kriminologe Andrea Di Nicola und sein Landsmann, der Fotograf Giampalo Musumeci, in Bekenntnisse eines Menschenhändlers deutlich machen. Darin decken sie anhand von Augenzeugenberichten und Fotografien die Machenschaften »der größten durchorganisierten illegalen Reiseagentur der Welt« auf und machen die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Mechanismen sichtbar, die dafür sorgen, dass dieser Agentur nicht die Kunden ausgehen.

2 Gedanken zu “Schluss mit der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«

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