Schluss mit der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«

Fleeing Kosovo. 2000 Pulitzer Prize, Feature Photography, Carol Guzy, Lucian Perkins and Michael Williamson | via Flickr (CC BY 2.0)

Heribert Prantl macht nicht nur den Zusammenhang zwischen den Grenzschutzmaßnahmen der EU und den höheren Profiten der Schleuser aus, sondern schlägt auch den Bogen zwischen den Agrarsubventionen der EU und dem Zusammenbruch der lokalen Wirtschaften in Afrika, zwischen dem Waffenhandel der EU-Mitgliedstaaten und den Kriegen, aus denen nun die Menschen fliehen, zwischen zynischer Nützlichkeitsdiplomatie und der Not in den Herkunftsländern, die immer mehr Menschen dazu antreibt, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen.

Die Autorin und Filmemacherin Melanie Gärtner hat drei dieser Menschen begleitet. Ihr Anliegen war es, zu verstehen, warum Menschen ihre Heimat verlassen, selbst wenn sie dabei alles riskieren. In ihrem im Oktober erscheinenden Buch Grenzen am Horizont erzählt sie die Geschichten von Sekou, Babu und Cyrille, die nach der gefährlichen Reise durch die Sahara nun in der spanischen Exklave Ceuta feststecken und nichts anderes wollen, als die letzten Kilometer hinter sich zu bringen und spanisches Festland zu erreichen.

Entsprechend heißt die das Buch begleitende Filmdokumentation auch Im Land dazwischen, in der sie die Versuche der jungen Männer festhält, von Nordafrika nach Europa zu gelangen. Durch Gespräche mit den jungen Männern und ihren Familien sowie Porträts ihrer Lebenswelten in ihren Herkunftsländern lässt Gärtner in Film und Buch immer tiefer ein in die Wirklichkeit der drei Männer eintauchen und ihre Verzweiflung verstehen.

The Faces of Asylum

Verstehen will auch Simon Hadler, der mit dem brandaktuellen eBook Die Angst vor dem »Ansturm« einen Einblick in die gesellschaftlichen Debatten, sozialen Verhältnisse und politischen Fehlentscheidungen bei unseren österreichischen Nachbarn ermöglicht. Immer sachlich, aber im Ton deutlich, schält er die politische Verantwortung beim Versagen der Institutionen heraus, die dann zur gesellschaftlichen und medialen Hetze gegen Schutzsuchende beitrug.

Er wolle »Tacheles reden und zeitnahe Vergangenheitsbewältigung« betreiben, schreibt er am Anfang seines Essays, in dem er die katastrophalen Zustände im Auffanglager Traiskirchen zum Ausgangspunkt seiner Analyse der zwei Gesichter von Österreich – die Helfenden und die Hetzer (angeführt von der Kronen-Zeitung) – und der tatsächlichen Verhältnisse nimmt, um die Chancen der Zuwanderung für Österreich sowie die Perspektiven der Schutzsuchenden in Österreich aufzuzeigen. Es braucht weniger Feigheit und mehr couragierte Entschlossenheit, zeigt Hadler, der den Geflüchteten nicht nur Stimme, sondern auch Würde und eine unvoreingenommene Sichtbarkeit zurückgibt, und zugleich nicht davor zurückschreckt Ross und Reiter der Populisten beim Namen zu nennen.

Prantl begegnen derlei Geschichten täglich im eigenen Blatt. Entsprechend bitter ist sein Fazit. Die vergangenen 25 Jahre seien »verlorene Jahre« gewesen, schreibt er. »Sie waren die Zeit der Agonie der Flüchtlingspolitik, zukunftsverhindernd für Europa, tödlich für Flüchtlinge.« Wenn der Finanzkrise mit einer ähnlichen Tatenlosigkeit begegnet wäre, wie der Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer, dann wäre der Euro längst Geschichte, schreibt Prantl. Aber nicht nur die EU muss aktiv werden, sondern auch jeder einzelne Bürger ist gefragt, »denn es ist Zeit, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden.«

Christoph Milers Buchtitel zeigt zwei verpixelte Personen beim Grenzübertritt im vermeintlichen Schutz der Nacht, entdeckt von einer Nachtsichtkamera. Es ist eine prototypische Situation für die Situation an den militärisch gesicherten Außengrenzen der Wohlstandsgesellschaften. Diese Grenzen sind die sichtbaren Symbole der Gleichgültigkeit der Ersten Welt, die in unzähligen Paragrafen und Verträgen in Beton gegossen wurde.

9783406683558_coverKarl-Heinz Meier-Braun: Die 101 wichtigsten Fragen. Einwanderung und Asyl.

Verlag C.H.Beck 2015

157 Seiten. 10,95 Euro

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9783550081262_coverHeribert Prantl: Im Namen der Menschlichkeit

Ullstein Verlag 2015

32 Seiten. 3,99 Euro

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cv-miler-nowhere-men-webChristoph Miler: Nowhere Men

Luftschachtverlag 2015

336 Seiten. 23,20 Euro

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Cover-Gärtner_Grenzen am Horizont_mit Rückenstärke 10 mm.inddMelanie Gärtner: Grenzen der Hoffnung. Drei Menschen. Drei Geschichten. Drei Wege nach Europa

Brandes & Apsel 2015

190 Seiten. 19,90 Euro

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Im Land dazwischenMelanie Gärtner: Im Land dazwischen

Brandes & Apsel 2015

57 Minuten. 14,90 Euro

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978-3-446-25104-5_215931196-37Simon Hadler: Die Angst vor dem »Ansturm«

Hanser Literaturverlage

67 Seiten. 2,99 Euro (nur als eBook erhältlich)

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2 Gedanken zu “Schluss mit der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«

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