Das digitale Millionengeschäft

Titel-Comixology

Nicht allen gefällt dabei, dass ComiXology seit der Übernahme bei Großverlagen wie Marvel, DC oder Image verlagseigene Apps unterstützt, bei anderen Verlagshäusern solche individuellen Lösungen aber nicht mehr ermöglicht. Zwar vertreibt der eComics-Riese nach wie vor deren Titel, für die Lizensierung und Betreuung eigener App-Stores müssen sie sich aber andere Partner wie Madefire suchen. Nutzerfreundlich ist das aber nicht, da Einkäufe über die verschiedenen Kanäle dann auch in verschiedenen Bibliotheken verwaltet werden müssen.

Das hat weniger mit ComiXology als vielmehr mit Amazon zu tun. Die digitale Buchkrake will damit die großen Erzfeinde Apple und Google in die Knie zwingen. Der Marvel-Deal war dabei ein wichtiger Meilenstein, weil ein alternativer Onlineshop ohne den erfolgreichsten eComic-Verlag von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Die Einbindung des guten Experten-Tools von ComiXology in das schlechtere Mainstream-Programm von Amazon mag daher aus der Perspektive eines Comicfans zweifelhaft sein. Für die Verlage und vor allem für den Bezoz-Konzern aber ist es eine Win-Win-Situation. Man muss deshalb auch kein Prophet sein, um sich den wahrscheinlichen Ausgang dieser Situation auf dem Markt auszumalen.

tumblr_nuq95tyEd41sa2z61o1_1280Ein Blick auf die Verlage, deren Aufträge sich der Marktriese in den letzten Monaten gesichert hat, verdeutlicht die Monopolstellung von ComiXology. Nach dem Exklusivdeal mit Marvel haben auch andere renommierte Herausgeber wie der Indie-Comic-Verlag Fantagraphics Books (Hip Hop Family Tree), die Steam-Punk-Häuser Dark Horse Comics (Hellboy, Sin City, Avatar) und Image (Saga, The Walking Dead, Sex Criminals) – ebenfalls mit einem Amazon-Kindle-Deal – oder Manga-Verlage wie VIZ Media (Naruto, One Piece) und Kodansha Comics (Attack on Titan, Sailor Moon) beim weltgrößten eComics-Retailer angeheuert. Selbst der kanadische Arthouse-Comicverlag Drawn & Quarterly vertreibt seit Mitte September seine digitalen Titel über den Amazon-Ableger. Europäische Comicverlage wie Delcourt (Come Prima, Prometheus) oder Glénat gehörten schon zuvor zum ComiXology-Imperium, ebenso wie der Panini-Konzern samt seinem deutschen Ableger.

tumblr_nisue4bltG1rtgeeuo1_1280Eine der wenigen kritischen Stimmen zur Übernahme durch Amazon kam von der Vereinigung der Comicbuchhändler ComicsPro, die befürchtet, dass nach den unabhängigen Buchhändlern nun ihre Mitglieder von Amazon platt gemacht werden. In ihrer Erklärung wollten sie den Teufel aber nicht an die Wand malen. Solange es Fans gebe, die ein Buch in die Hand nehmen und darin blättern wollten, werde es auch Comicbücher und Comicbuchhandlungen geben, erklärte die Organisation trotzig.

Irgendwie naiv, schaut man auf die Entwicklung seither. Der Kritik der Cloud-basierten Distribution im eigenen CMX-Format kam ComiXologie nach der Übernahme durch den Bezoz-Konzern bei, indem man binnen weniger Wochen den Kunden ein rechtefreies Backup der gekauften eComics in den Standardformaten PDF und CBZ einrichtete. Damit wurde auch gleich dem Vorwurf, die Produkte würden nicht wirklich verkauft, sondern nur über eine Cloud ausgeliehen, erschlagen.

Die weiteren Verheißungen der eComics für den Markt liegen auf der Hand. Die digitalen Titel sind im Schnitt um 15 bis 30 Prozent günstiger als die Comicbücher. Mit dem digitalen Segment können Künstler wie Verleger die Sorgen um Druckkosten und Printing-on-Demand – insbesondere im Selfpublishing-Bereich spannend – getrost zur Seite legen. Techniken wie das Motion Book Tool von Madefire – das die Lektüre zu einem interaktiven Leseerlebnis macht – werden absehbar die Grenze zwischen Filmbranche, Gamer- und Comicszene einreißen und vielversprechende Vermarktungsstrategien über die medialen Grenzen hinweg ermöglichen.

Dies sind nur einige Gründe, die dafür sprechen, dass sich einerseits ein Teil der experimentierfreudigen, aber oft klammen Comicbuchfans in den kommenden Jahren vom Printmarkt ab- und zum Digitalmarkt hinwenden wird, sich andererseits aber auch viele neue Leser für Comics interessieren werden, die das derzeit noch nicht tun. Entsprechend sind auch die Planungen von ComiXology ausgerichtet. »Wir werden nicht eher aufhören, bevor nicht jeder Erdenbürger Comicfan ist«, heißt es im Imagefilm des Unternehmens.

RtHA3YdDem digitalen Markt gehört zweifelsohne die Zukunft, dies beweist nicht zuletzt auch die Bewegung im Markt in anderen Regionen. So soll noch in diesem Herbst Europe Comics an den Start gehen, ein Zusammenschluss von 13 europäischen Comicverlagen – darunter BAO, Cinebook, Dargaud, Dupuis und Le Lombard –, um die Vermarktung europäischer Comics in digitaler Form weltweit zu übernehmen. Dafür sollen Titel wie Cyril Pedrosas Portugal oder Manu Larcenets Blast als englischsprachige eComics vertrieben werden. Der mit 20 Millionen monatlichen Nutzern stärkste Nachrichten- und eBook-Dienst Indiens NewsHunt teilte im Juni seinen Einstieg in das digitale Comicgeschäft mit. An seiner Seite steht der Comicverlag Graphic India, der hunderte Comics in den verschiedenen regionalen Sprachen über den eBook-Dienst vertreiben will, um »eine neue Comic-Kultur in Indien wecken«.

Es ist zu früh, um abschließend zu beurteilen, ob die skizzierten Entwicklungen das Ende der Mischkalkulation einleiten, bis irgendwann nur noch das verlegt wird, was sich aus Sicht von Medienkonzernen wie Amazon ausreichend gut verkauft, oder ob der Aufstieg der eComics aufgrund seiner technischen Verheißungen nicht vielmehr publizistische Hürden abbaut und zur Vielfalt im Genre beitragen wird. Ganz sicher ist nur, dass sich die Neunte Kunst mitten in einer Revolution befindet.

Ein Gedanke zu “Das digitale Millionengeschäft

  1. Pingback: Links der Woche 44/15: | Comicgate

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.