Das Geheimnis der ältesten Bäume

© Zora del Buono

Die Schweizer Architektin Zora del Buono ist zu den ältesten Bäumen der Welt gereist und erzählt in »Das Leben der Mächtigen« von den faszinierenden Geschichten, die in deren Wurzelwerk, den Jahresringen und den Kronen verborgen sind.

Der Autor ist neben einer mächtigen Linde groß geworden. Sie stand im Hof des elterlichen Pfarrhauses, um ihren Stamm zu umfassen, brauchte es neun erwachsene Personen. In ihrem Schatten soll schon der alte Fritz bei einer Durchfahrt kampiert haben, ein Blitzeinschlag soll es auch einmal gegeben haben. Dieser Baum prägt unauslöschlich die Erinnerung an die eigene Kindheit.

Kindheitserinnerungen sind es auch bei Zora del Buono, die Ausgangspunkt ihrer Reisen zu den mächtigen Bäume dieser Erde sind. »Zu dem emotionalen Interesse an Bäumen, das wohl in den apulischen Olivenhainen meiner Kindheit gründet, kommt ein ästhetisches; ich liebe winterliche Landschaften, wegen der kahlen Bäume, deren Verästelungen so vielfältig sind, dass das Betrachten nie langweilig wird«, schreibt die Schweizer Architektin im Vorwort zu den Berichten ihrer Reisen zu alten Bäumen. Greift man zu diesem wunderschön aufgemachten Buch aus der Naturkunden-Reihe, ist man trotz der eigenen Erinnerungen anfangs skeptisch, ob das emotionale und ästhetische Interesse der Autorin ausreichen, um hinlänglich ansteckend zu sein. Einige Stunden später auf der letzten Seite von Das Leben der Mächtigen angekommen, blickt man auf ein Foto der Krone der Schenklengsfelder Dorflinde und ertappt sich neidisch. Neidisch auf den empathischen Blick, den die Mitbegründerin der Zeitschrift mare auf die vierzehn »Persönlichkeiten« wirft, als die sie die Bäume, die man durch ihre Reiseberichte kennengelernt, vorstellt.

12109950_1478360235805882_6017898789247405886_oDa ist gleich zu Beginn die Ankerwycke Yew in Großbritannien, eine Europäische Eibe – was dem Laien erst einmal gar nichts sagt –, die seit über 2000 Jahren auffällig asymmetrisch in sich verwächst. Ihre Nadeln gehören zu den giftigsten Früchten der Natur, Hasen, Rehe und Rothirsche sind von ihrem Gift aber unbeeindruckt, weshalb der Wildverbiss die Vita der meisten Eigen schon früh beendet. Diese hier aber hat die frühen Widrigkeiten überstanden und ist inzwischen so alt, dass die Zahl ihrer Geburtstage nur geschätzt werden kann. Wer Jahresringe zählen will, ist hier falsch, denn das Kernholz des Baums ist längst verfault. Die Ankerwycke Yew bildet wie alle Eiben beständig Alternativwurzeln aus, um sich, im Laufe der Jahrhunderte gedreht durch Wind und Wetter, zu einem knorrigen Gesellen zu entwickeln, in dessen Schatten im Frühjahr die Schneeglöckchen blühen.

Später lernt man eine dreihundertfünfzig Jahre alte Zwerg-Mädchenkiefer kennen, die gerade einmal etwas mehr als einen Meter Höhe misst, aber zu den wertvollsten Bonsai-Gewächsen der Welt gehört. Dieser unter dem Namen Hiroshima Survivor bekannt gewordene Bonsai bringt eine Geschichte mit wie kein anderer der hier vorgestellten Bäume mit, so spektakulär ist sie. Nur drei Kilometer vom Ort der Explosion von Little Boy entfernt überstand dieser kleinste der Mächtigen die 6000 Grad Celsius heiße Schockwelle, die die Uranbombe der Amerikaner ausgelöst hat, unbeschadet hinter einer Steinmauer. Zu den Feierlichkeiten des zweihundertsten Geburtstag der Unabhängigkeit schenkte Japan den Amerikanern dann eine Sammlung mit dreiundfünfzig Bonsais, für jeden Bundesstaat einen. Der Hiroshima Survivor war darunter, nachdem er zuvor sechs Generationen lang von der Familie Yamaki gepflegt worden war.

Hitzeresistent ist auch der Pando, der mit acht-zig-tau-send Jahren (!) das älteste Lebewesen des Planeten ist. Zu seiner faszinierenden Überlebensstrategie gehört, dass er regelmäßige Feuer übersteht, denen natürliche Konkurrenten wie die Koniferen zum Opfer fallen. Dabei dringt das Feuer bis in den Boden ein und brennt die ökologischen Widersacher im wahrsten Sinne des Wortes mit Stumpf und Stiel weg. Die Glut überrollt auch das Wurzelwerk der kiefernähnlichen Gewächse unter der Bodenkruste. Dem Pando, der mit seinen knapp siebenundvierzigtausend (!) Stämmen eher ein Wald als ein Baum ist, macht das kaum etwas aus, weil sich sein jahrtausendealtes Wurzelwerk über vierundvierzig Hektar erstreckt und er nach einem Brand einfach die Wurzeln aus einer unbeschädigten Zone seines Wachstums in die vom Feuer vernichtete Zone schiebt und den nährstoffreichen Boden nun erneut einnimmt.

 

Es sind solch faszinierende Geschichten, die Zora del Buono von ihren Reisen zu alten Bäumen mitgebracht hat und die die Anziehungskraft ihrer kleinen Porträts ausmachen. Zu den geschriebenen Porträts hat sie fotografische gestellt, so dass man sich ein Bild von diesen »Mächtigen« machen kann, die mal majestätisch, mal unscheinbar wirken. Das macht sie vergleichbar mit den »verborgenen Inseln«, die die Kuratorin dieser wunderschönen Buchreihe Judith Schalansky in ihrem gleichnamigen Atlas versammelt hat, der vor Jahren schon zu einem überraschenden Bestseller avancierte. Es wäre nicht vewunderlich, wenn das auch hier geschähe, denn diese Reisen zu alten Bäumen sind ähnlich anziehend und verzaubernd, wie Schalanskys prosaisches Inselhopping.

11250032_1478185285823377_3118639154371482508_nDie von del Buono aufgesuchten Bäume sind deshalb mächtig, weil sie ein unbändiger Wille zur Existenz auszeichnet. Ein Paradebeispiel dafür ist die unspektakuläre Fichte mit dem bezeichnenden Namen Old Tikko, deren Holz sich in den vergangenen neuneinhalbtausend Jahren gerade einmal fünf Meter aus dem eigenen Wurzelwerk herausgewagt hat. Dieser »älteste bekannte Einzelklon der Welt« steht irgendwo im schwedischen Nationalpark Fulufjället, wo genau, darf del Buono nicht sagen, da der zuständige Förster Vandalismus befürchtet. Old Tikko wäre nicht der erste alte Baum, der einem dümmlichen Akt zum Opfer fällt. Der Senator etwa, eine über dreitausendfünfhundert Jahre alte Sumpfzypresse, fiel erst vor drei Jahren einem Feuer zum Opfer, das zwei Teenager im inneren des Baumes versehentlich entzündet hatten. In Windeseile brannte der knapp dreißig Meter hohe Baum ab, von ihm ist nur noch ein Stumpf geblieben.

Tatsächlich sind es oft keine Giganten, die die Schweizerin aufgesucht hat. Die Überlebensstrategie der Mächtigen besteht nicht im darin, möglichst schnell und unwiderstehlich der Sonne entgegenzustreben, sondern im klugen Einteilen der Ressourcen. Die langlebige Kiefer, die sie in den schneebedeckten Höhen Kaliforniens aufgesucht hat, gilt als weltältester Einzelbaum. Über fünftausend Jahre hat sie auf dem Kerbholz, Nadeln bildet sie nur an den wenigen intakten Ästen in Bodennähe. »Ansonsten Totholz in herrlichen Formationen« schreibt del Buono über die knorrigen Exemplare, die nur wenige Tage im Jahr haben, um überhaupt zu wachsen. Bis zu fünfundvierzig Jahre bleiben die Nadeln am Ast, um Energie zu sparen. So können sie jahrtausendealt werden, die Ranger nennen sie deshalb liebevoll Prometheus, Patriarch und Methuselah.

12187793_1482075695434336_1752677520619284315_nIhre »Macht« ziehen sie aus den Geschichten, die sie mitbringen, und der Geschichte, die in ihren Jahresringen oder im Wurzelwerk verborgen ist, die durch ihre Äste und Kronen weht. Diese Reisen zu alten Bäumen sind auch Zeitreisen. »Bäume kommunizieren untereinander, interagieren mit Tieren, Pilzen und Pflanzen. Mit uns sprechen sie nicht, aber sie haben uns viel zu sagen«, schreibt sie in ihrem Vorwort. So führen uns diese Bäume etwa zurück ins zwölfte Jahrhundert, als unter dem Dach der Ankerwycke Yew die Magna Carta Libertatum als Gründungsurkunde des englischen Verfassungsrechts unterzeichnet wurde. Einige Generationen später rief Heinrich VIII. in ihrem Schutz die anglikanische Kirche aus, weil sich die römisch-katholische Kirche weigerte, seine erste Ehe mit Katharina von Aragón zu annullieren, er aber seine schwangere Geliebte Anne Boleyn heiraten wollte. In der Dicken Marie im Tegeler Forst schwingt so viel deutsche Geschichte mit, dass man gar nicht weiß, wo anzufangen. Durch ihre Krone wehte die Brise, die schon Goethe umgab, aber auch der Sturm, den die Nationalsozialisten entfacht haben.

Das gilt umso mehr für die Schenklengsfelder Dorflinde, dem ältesten Baum Deutschlands, die wie kaum ein anderer der hier versammelten Mächtigen abbildet, wie viel Geschichte in ihrem Holz steckt. In ihrem Schatten zu sitzen komme einem wahren Ritt durch die Geschichte nah, schreibt del Bueno, »nichts wurde ausgelassen, hier, an genau diesem Platz, an diesem Baum, fanden die exzessivsten Auswüchse einer jeden Epoche statt, es ist, als schaute man, wenn man auf Schenklengsfeld blickt, durch ein Brennglas auf die Geschichte des Landes«. Der heilige Georg soll im Mittelalter in ihrem Schatten einen Drachen getötet haben, um ein Burgfräulein zu retten. Ein solcher Held hat den jüdischen Bürgern vor achtzig Jahren gefehlt. Die weitverzweigte Linde stand einstmals im Zentrum des jüdischen Lebens in der kleinen süddeutschen Gemeinde. Über zweihundertfünfzig Jahre lang lebten jüdische Bürger neben Christen in dem Dorf. Einhundertsechsundsiebzig Menschen jüdischer Religion wurden 1933 gezählt, bevor es zu ersten Angriffen kam. Einhundertsechsundsiebzig Menschen, die einfach so verschwanden und an die sich jahrzehntelang niemand mehr erinnern wollte. Bis Karl Honikel begann, die Geschichten dieser Menschen wieder einzusammeln und in einem kleinen Museum im Schatten der Dorflinde zu dokumentieren. Die alte Dorflinde erzählt nun auch diese Geschichte all jenen, die ihr zuhören wollen.

Wer die Bäume verstehen wolle, ihren Charakter und ihre Ästhetik, der müsse sich ihnen unterordnen, selbst ein wenig zum Baum werden, sagte einmal ein Bonsai-Meister zu Jack Kostic, der sich um die amerikanische Bonsai-Sammlung kümmert. Die Schweizer Architektin Zora del Buono hat viele derer getroffen, die sich den Bäumen untergeordnet haben, ihr Leben in den Dienst der Mächtigen gestellt haben, um sie der Menschheit weiter zu erhalten. Dabei ist sie selbst zu einer »Dienerin der Mächtigen« geworden, so wie auch ihr gerade erschienenes Buch. Zwischen zwei borkengleichen Einbänden verborgen liegen die Seiten wie Jahresringe, auf denen die mythenvollen Geschichten dieser alten Bäume versammelt sind. Wir müssen sie nicht alle besuchen, diese Mächtigen, um deren Leben kennenzulernen. Wir bekommen sie überaus prachtvoll in Szene gesetzt bis ins Wohnzimmer geliefert. Wir werden sie aber besuchen wollen, wenn wir von ihnen gelesen haben.

Die Bilder sind dem Buch entnommen.

008060.bigZora del Buono: Das Leben der Mächtigen

Verlag Matthes & Seitz Berlin

147 Seiten. 30 Farbfotografien der Autorin. 32,- Euro

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