Der Zeichner als Reporter

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»Transparente Subjektivität« nennen Comicjournalisten wie der Schweizer Patrick Chapatte oder Dan Archer diesen visuellen Ansatz. Weil jede Zeichnung, jeder Blickwinkel subjektiv ist und sie den Akteuren ein Gesicht geben, das Emotionen weckt, verzichten sie auf Objektivität und setzen auf Glaubwürdigkeit. So bringen sie Themen in den Vordergrund, die im täglichen Nachrichtenstrom untergehen.

Chapatte und Archer gehören zu den renommiertesten Comicjournalisten, den meisten Comiclesern werden mit den Namen dennoch wenig anfangen können. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die meisten ihrer Arbeiten online erscheinen. Chapatte etwa ist für seinen Youtube-Comic »Death in the field« (siehe Video) ausgezeichnet worden, in dem er von der Gefahr nicht-explodierter Streubomben im Südlibanon erzählt. Der Film macht exemplarisch deutlich, welch erzählerische Kraft das Zusammenführen von Zeichnung, Film und Schrift entwickeln kann. Die anderen Beiträge auf Chapattes Website machen sich dies ebenfalls zunutze.

Dan Archer reist für die BBC und das Vice-Magazin durch die Welt, arbeitet in Schrift und Bild auf, wie der Menschenschmuggel in Nepal funktioniert, wie Obdachlose leben oder was sich im Krieg in Irak tatsächlich zugetragen hat. Basis seiner Arbeit ist wie bei Sacco die Recherche vor Ort, sie ist unverzichtbar, wenn es darum geht, »the untold stories« zu finden und aufzubereiten.

Die Grundlage der Berichte aus der Ukraine und Berichte aus Russland des italienischen Comiczeichners Igor alias Igor Tuveri sind ebenfalls Gespräche mit den Menschen vor Ort. Ähnlich wie Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch spricht er vor Ort mit den einfachen Menschen, um deren Geschichten einzusammeln. In der Ukraine hat dies dazu geführt, dass sich die Berichte zu einem verheerenden Zeugnis der historischen Last der Diktatur Stalins verdichteten, in Russland entstand ein abgründiges Schreckensbild der russischen Gewaltherrschaft im Kaukasus.

Wiktoria-Lomasko_ilb-2015Von den Folgen der autoritären russischen Politik weiß auch die russische Künstlerin Wiktoria Lomasko zu berichten, die in ihrer Bildgeschichte Verbotene Kunst eine zensierte Moskauer Ausstellung beleuchtete, weil die Ausstellungsstücke der russisch-orthodoxen Kirche nicht passten. Lomasko unterstützt mit ihren Arbeiten die Aktivitäten der russischen Opposition, dokumentiert die Neonazi-Aufmärsche in Moskau oder porträtiert Straßenprostituierte in russischen Kleinstädten. Ihre düsteren Arbeiten wühlen auf und regen zum Nachdenken an. Damit erfüllen sie ein wesentliches Kriterium, um selbst zum Objekt der russischen Strafverfolgungsbehörden zu werden, weshalb die junge Zeichnerin inzwischen im Ausland lebt und arbeitet, wie sie beim 15. internationalen literaturfestival in Berlin berichtete.

Die Übergänge der Register sind im Comic Journalism fließend. Entsprechend schwierig ist es, klare Grenzen zu ziehen und Zuordnungen vorzunehmen. Die Comicreportage ist eines der wachsenden Segmente im engen Markt der Neunten Kunst, wie ein Blick auf die vergangenen Jahre zeit. Der Finne Ville Tietäväinen erzählt in Unsichtbare Hände zwar eine fiktive Flüchtlingsgeschichte, in diese sind aber die Erkenntnisse jahrelanger Vor-Ort-Recherchen eingeflossen. Seine Hauptfigur Rashid hat er tatsächlich getroffen, in Nordafrika hat er mit wartenden Flüchtlingen, migrationswilligen Arbeitern und ihren Familien, mit Schleppern, Grenzschützern und Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gesprochen, um die komplexe Situation in der Region zu verstehen. Er ist wochenlang durch die Folienstädte von Almeria gewandert und hat sich die Geschichten der in Europa gestrandeten, rechtlosen Einwanderer angehört, um ihre Geschichten von den mafiösen Strukturen auf beiden Seiten des Mittelmeeres einzufangen, die er in seinem Comic zu einer exemplarischen Odyssee zusammengeführt hat.