Berliner Literatur(t)räume

Zusammenstellung-Titel

Was passiert eigentlich, wenn sich zwei Menschen begegnen? Hunderte, ach was, tausende Bücher sind darüber schon geschrieben worden. Nun legen Berliner Autoren einige weitere auf den entsprechenden Stapel. Jan Böttcher, der ehemalige Frontmann der aufgelösten Band Herr Nilsson und philosophische Poet, beschreibt in seinem neuen Roman Y (hier bei Aufbau) eine große Liebe zwischen Deutschland und dem Kosovo, die an den inneren und äußeren Grenzen zerschellt. Judith Hermanns Erzählungen in ihrem vierten Prosaband Lettipark (hier bei S. Fischer), der nach Bestsellern wie Sommerhaus später oder Nichts als Gespenster natürlich hohe Erwartungen weckt, drehen sich um die Frage, wie nah wir den Menschen sein können, die wir lieben. Und Antje Ravic Strubel beschreibt in ihrem Episodenroman In den Wäldern des menschlichen Herzens (hier bei S. Fischer), was bei all den Experimenten und Versuchen in dieser Zeit der allgegenwärtigen Liebe eigentlich im Herzen geschieht.

Grafik-4Andere Berliner Autoren steigen die Leiter der Geschichte hinab. Marion Brasch reißt mit der heiteren Bimmelbahn der Literaturgeschichte und lüftet in Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot (bei Voland & Quist) endlich das Geheimnis, was ihm alles widerfahren ist, während Vladimir und Estragon vergeblich auf ihn warten. Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt schickt die Hauptfigur in seinem im Live-Modus entstehenden Fortsetzungsroman Morgen mehr (hier bei Hanser) bis ins Jahr 1972 zurück, um dann an der Weltzeituhr zu drehen. Martin Schult erzählt in Flokati oder mein Sommer mit Schmidt (hier bei Ullstein) von einer Frankfurter Freundschaft zwischen dem zweiten deutschen Fußballweltmeistertitel und Arno Schmidt anno 1974. Karsten Krampitz, Publikumsliebling in Klagenfurt 2009, ehemaliger Straßenzeitungsmacher und Obdachlosenaktivist blickt auf 1976, das Krisenjahr der DDR mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns, sowie die Selbstverbrennung im Fall Brüsewitz zurück (hier und hier im Verbrecher Verlag). Seinem »Beitrag zur Aufarbeitung der Aufarbeitung – ohne Verklärung und Dämonisierung der DDR« setzt André Kubiczek mit dem Roman Skizze eines Sommers (hier bei Rowohlt) das sepiagetönte Bild eines sorgenfreien Sommers entgegen, den vier heranwachsende Jungs 1985 in der DDR verbringen.

Grafik-5Es geht aber auch grundsätzlicher. Lesebühnen-Frontmann Jakob Hein legt mit Kaltes Wasser (hier bei Galiani Berlin) einen Schelmenroman vor, in dem sich der bauernschlaue Thälmann-Pionier Friedrich Bender nach der Wende als der bessere Wessi herausstellt. Ernster geht es im neuen Roman seines Vaters Christoph Hein zu, der in Glückskind mit Vater (hier bei Suhrkamp) den Lebensverlauf von Konstantin nachzeichnet und dabei einen großen, generationsübergreifenden Deutschlandroman geschrieben hat. Dies ist auch Reinhard Jirgl gelungen, der nach seiner düsteren Utopie Nichts von Euch auf Erden nun das finstere Kapitel der DDR aufschlägt, das von Seilschaften, Loyalitäten und Feindschaften erzählt. Dieses Vitamin B (B wie Beziehung) wirkte auch noch nach dem Mauerfall nach, so dass sich der Roman des Büchner-Preisträgers zu einer »Geschichte aus dem Kalten Frieden der Nach-Wendezeit« erweitert. Das Kontrastprogramm zu Jirgls Oben das Feuer, unten der Berg (hier bei Hanser) stellt Jo McMillans Paradise Ost (hier bei Ullstein) dar, in dem die Autorin autobiografisch davon erzählt, »wie es war, dort, wo alle wegwollten, hinzuwollen«.

Die Gattung der autobiografisch oder biografisch motivierten Titel verspricht bei der richtigen Autorschaft auch maximale Erfolge. Maxim Biller gehört als Mitglied des neuen Literarischen Quartetts und enervierender Kolumnist, der die besondere Wissenschaft der Kastanienallee-Künstler-Soziologie wie kein anderer betreibt, zweifellos zu den vielversprechenden Literaten. In seinem gut 900 Seiten umfassenden Roman Biografie (hier bei Kiepenheuer & Witsch) lässt er den skandalumwitterten jüdischen Schriftsteller Soli Karubiner ein »ödipales Superdrama« erzählen, in dem sein Helden erst einen Saunagang vermasselt, um dann mit Joseph Goebels in der sudanesischen Wüste ein Tête-à-Tête zu erleben. Man darf gespannt sein, ob Biller sich mit diesem Titel zum deutschen Nathan Englander aufschwingt – der Verlag nennt Philip Roth, David Foster Wallace und Roberto Bolaño als Referenzen – oder doch nur der Berliner Shalom Auslander bleibt. Autobiografisch ist auch Almut Klotz Fenderfotzenschweine (hier im Verbrecher Verlag). Schon der Titel der 2013 verstorbenen Sängerin der Lassie Singers schlägt in die zur Biederkeit neigenden deutschen Literaturlandschaft ein, wie die Abrissbirne in die Wannsee-Villa. Klotz schreibt darin über ihre Liebe zu Reverend Christian Dabeler und regt sich über die Frauenrollen in der Indie-Popszene auf. Und nicht zuletzt betritt Benjamin von Stuckrad-Barre nach jahrelanger Abstinenz wieder die Bühne der Literatur. In Panikherz (hier bei Kiepenheuer & Witsch) erzählt er von seinem Absturz nach hohem Flug und beschreibt, wie er mit Bret Easton Ellis, Courtney Love und Helmut Dietl wieder zu sich selbst fand.

Grafik-6Wer das besondere Buch liebt, bekommt auch Futter aus der Hauptstadt. Da ist zum einen Uli Hannemanns Humoreske Die Megascharfe Maus von Milo (hier beim Berlinverlag), in der er griechische Halbgötter auf Neuköllner Hipster stoßen lässt und im Vorbeigehen einen Schlussstrich unter die europäische Finanzkrise zieht. Was passiert, wenn im Prinzessinnenbad die Kapitalisten einen brachialen Bauchklatscher hinlegen und das Proletariat dies mit klassischer griechischer Literatur kommentiert, davon schreibt der Neuköllner Lesebühnenautor. Autoren kommen bei dem von Holm Friebe und Philipp Albers veranstalteten Lesespiel nicht zu kurz. Die beiden Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur veranstalteten im Sommer 2015 mit zahlreichen Kulturjournalisten eine Art Plagiatswettbewerb, bei dem es darum ging, nach der gemeinsamen Lektüre des erstens Satzes eines Romans den Anfang selbst fortzuschreiben. Anschließend wurden die verschiedenen Versionen und das Original gelesen, um abzustimmen, welcher Buchbeginn es wert wäre, als Romanauftakt zu dienen. Wer wissen will, was dabei herauskommt, wenn die Berliner Kulturschickeria die ersten Sätze von Albert Camus, Franz Kafka, Haruki Murakami oder Michel Houellebecq fortspinnt, der muss Mimikry – Das Spiel des Lesens (hier bei Blumenbar) lesen.

Grafik-7Bleibt zu erwähnen, dass der Aufwind der Poesie – auch durch den Bachmann-Preis für (die Bamberger) Sprachjongleurin Nora-Eugenie Gomringer – auch 2016 anhalten wird. Von Jan Wagner wird eine Auswahl seiner Lyrik unter dem Titel Selbstporträt mit Bienenschwarm (hier bei Hanser) erscheinen. Marion Poschmann betrachtet nicht nur den Mond in mondloser Nacht, sondern entführt in Geliehene Landschaften (hier bei Suhrkamp). Julia Trompeters Verse rücken die Lesenden durch Sprache Zum Begreifen nah (hier bei Schöffling & Co.)an die Dinge heran, die uns umgeben. Mit der Gegenwart setzt sich auch Kooksbooks-Gründerin Daniela Seel auseinander. Gemeinsam mit Anja Bayer erkundet sie mit Lyrik im Anthropozän sprachgewandt die Folgen des menschlichen Wirkens, einsam fragt sie kokett und neudeutsch was weißt du schon von prärie? (beide hier bei kooksbooks). Wahrscheinlich nichts, ist man geneigt zu antworten, was aber nicht weiter dramatisch ist.

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