Wenn das Herz zerreißt

24 Wochen | 24 Weeks | © Friede Clausz

Der einzige deutsche Beitrag bei der 66. Berlinale polarisiert, weil er die Abtreibungsdebatte dem gesellschaftlichen Diskurs entzieht und sie dorthin führt, wo sie hingehört: auf die individuelle Ebene. Anne Zohra Berracheds Familiendrama »24 Wochen« wird aller Voraussicht nach der meistdiskutierte Film des Festivals werden.

2005 war Julia Jentsch mit Sophie Scholl – Die letzten Tage auf der Berlinale zu Gast und gewann beim ersten Anlauf den Silbernen Bären als beste weibliche Darstellerin. Es kann gut sein, dass sie beim zweiten Anlauf erneut ausgezeichnet wird, denn ihre schauspielerische Leistung in Anne Zohra Berracheds Familiendrama ist von beeindruckender Intensität. Sie spielt die schlagfertige Comedy-Queen Astrid Lorenz, die mit ihrem Mann Markus (Bjarne Mädel) und ihrer Tochter Lene (Emilia Pieske) in der Lausitz lebt und ihr zweites Kind erwartet. Alle Zeichen stehen auf perfekte Familie, als man bei der Fruchtwasseruntersuchung Trisomie 21 feststellt. Auf den Schock folgt Zuversicht, wer weiß schon, wie schwer die Behinderung sein wird. Astrid und Markus besuchen eine Einrichtung für am sogenannten Downsyndrom erkrankte Menschen und beruhigen sich an der Lebensfreude, die ihnen dort begegnet. Sie beschließen, das Kind zu bekommen, wer, wenn nicht diese heile Familie soll eine solche Herausforderung meistern. Sie verstecken sich damit nicht, sondern weihen Familien und Freunde ein, um deutlich zu machen, dass sie sich dieser Verantwortung stellen wollen.

Doch dann bricht die nächste Schreckensnachricht über die Familie herein. Das Kind hat einen schweren Herzfehler, müsste umgehend nach der Geburt operiert werden, Ausgang ungewiss. Im besten Fall würde das Kind lebenslang ein Pflegefall sein. Während das für Markus nichts ändert, beginnt Astrid ihre Entscheidung in Frage zu stellen. Will sie das? Will sie ihrem Kind ein solches Leben zumuten und traut sie sich selbst all die Entbehrungen und Mühen zu? Hat sie das Recht, über das ungeborene Leben zu entscheiden? Wie viele Wahrscheinlichkeiten sind genug, um ein Urteil über Leben und Tod fällen zu können – nicht nur für sich, sondern auch für das ungeborene Kind, für ihren Mann und für die gemeinsame Tochter? Und wie diskutiert man mit den Menschen, die man liebt, Dinge, für die es keine Worte gibt? All diese Fragen werden in diesem aufwühlenden Familiendrama, in dem die Kamera immer nah an den Figuren bleibt, differenziert und offen diskutiert.

Jentsch und Mädel in den Hauptrollen verkörpern das Paar im Ausnahmezustand echt, pur und unmittelbar. Man muss nicht jeden ihrer Schritte verstehen, aber man nimmt ihnen jede Sekunde ihre Verzweiflung über dieses Dilemma ab, in dem sie sich befinden. Den Schmerz und die Trauer über die zusammenbrechenden Träume, aber auch den Kampf um dieses Kind und ihre Liebe. Es ist ein Abgrund, der sich inmitten der Familie auftut, dessen Tiefe nur sie selbst erahnen können. Dass der Film diese Offenheit zulässt, die unterschiedlichen Haltungen und Perspektiven nebeneinanderstellt, ohne zu bewerten, gehört zu seinen unbestreitbaren Stärken.

24 Wochen | 24 Weeks | © Friede Clausz

24 Wochen | 24 Weeks | © Friede Clausz

Grundlage des Films waren zahlreiche intensive Gespräche, die Anne Zohra Berrached und ihre Hauptdarstellerin Julia Jentsch mit Paaren geführt haben, die vor der gleichen Entscheidung standen wie Astrid und Markus. Zum Teil seien Aussagen dieser Paare direkt ins Drehbuch übernommen worden, berichtete Berrached auf der Pressekonferenz zum Film, was das hohe Maß an Authentizität und Glaubwürdigkeit dieses Filmes erklärt. Vor allem Jentsch führt mit ihrem organischen Spiel tief hinab ins Dunkel der eigenen seelischen Einsamkeit. Die Entscheidung, die ihre Figur treffen muss, ist eine im höchsten Maße persönliche. Denn Astrid trägt das Kind in sich, fühlt dessen Tritte und zugleich das wachsende Unbehagen vor der Entscheidung, die sie treffen muss. Sie wird erst den Anfang eines schmerzhaften und die junge Frau zerreißenden Prozesses sein, den ihr niemand abnehmen kann.

Und so wie diese Ereignisse keinen irgendwie angenehmen Ausweg zulassen, kennt Berracheds Film über diesen inneren Konflikt kein Erbarmen. Dort, wo andere Filme aussteigen, nämlich bei der Entscheidung, steigt die junge Regisseurin erst noch einmal richtig ein. Immer tiefer führt sie in Astrids Schmerz hinein, immer enger zieht sie dabei die Kreise um ihre Hauptfigur. Schließlich trifft sie einen Entschluss, der ihr das Herz zerreißt, zu dem es aber keine Alternative gibt. »Meine Entscheidung war falsch und richtig«, wird sie in einem Radiointerview am Ende des Films sagen, und bringt damit ihr Dilemma noch einmal auf den Punkt.

So unmittelbar wie in diesem Film sind die medizinischen und emotionalen Folgen dieses Weges noch nie gezeigt worden. Gefühlt durchlebt der Zuschauer den Prozess in Echtzeit mit. Berrached bricht hier mit einem gesellschaftlichen Tabu und schafft damit vielleicht endlich den Raum, in dem all die zum Schweigen verdammten Frauen über ihre Zerrissenheit reden können.

Dass sie das bislang noch nicht können, liegt an der gesellschaftlichen Tabuisierung des Unbehagens, dass das Individuum bei diesem Thema beschleicht. Dieses Tabu öffnet dem Missbrauch des Themas für ideologische Grabenkämpfe Tür und Tor. Die einen verurteilen die Frauen und Familien, die diesen Weg gegangen sind, als Kindermörder, die anderen spielen den Eingriff zu einer unproblematischen medizinischen Routine runter. Das wird auch nach diesem Film so sein, man sieht die Ideologen förmlich schon in die Gräben steigen. Dass weder die einen noch die anderen auch nur annähernd bei der Wirklichkeit sind, sondern die betroffenen Familien einen nicht vorstellbaren inneren Kampf mit sich selbst austragen, das zeigt Berracheds außergewöhnlich ehrlicher und mutiger Film mit einer verdammt starken Julia Jentsch in der Hauptrolle.

Als Zuschauer verlässt man 24 Wochen mit einer großen Leere im Bauch. Diese Leere ist ein winziger Teil der Erschöpfung, die Paare wie Astrid und Markus nach einer solch schweren Zeit empfinden müssen, den man mit nach Hause nimmt. Schon allein dieser Teil macht nachdenklich und demütig. Demütig vor der Kraft, die die Betroffenen in einer solchen Situation aufbringen.

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