»Sexualität ist ein großes Ding in meinem Hirn«

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Überraschend ist in Ihrem neuen Comic, dass mit Ausnahme des dargestellten Pornodrehs im Grunde keine Fleischbeschau stattfindet. Es ging Ihnen offenbar nicht um die Pornos, sondern um ihre Wirkung.

Ich wollte erst überhaupt keinen Porno in meinem Comic haben, sondern nur Menschen, die Pornografie problematisch finden. Mir kam dann aber ziemlich schnell die Idee, dass ich meinen Wiener Kollegen Nicolas Mahler frage, ob er nicht Lust hätte, Pornodialoge und Sequenzen zu zeichnen. So wollte ich das Pornografische als etwas Abseitiges in dieser Familiengeschichte präsentieren, als etwas, das in dieses Familienleben nicht hineinpasst und heimlich konsumiert wird – sowohl vom Sohn als auch vom Vater. Da dachte ich, dass das grafisch am besten von einem anderen Zeichner umzusetzen ist.

Warum fiel die Wahl auf Nicolas Mahler?

Nicolas Mahler verehre ich sehr, weil er diesen sehr minimalistischen Strich hat. Seine Figuren haben nicht einmal Münder und Augen, das finde ich unverschämt, denn das wichtigste, für mich sind die Augen. Ich zeichne als sie immer erstes von einer Figur. Er hingegen lässt sie einfach weg und dennoch funktioniert es. Das ist famos. Mahler hat auch gleich zugesagt, woraufhin ich dann Pornodialoge herausgesucht habe, die ich erwähnenswert fand…

Ich habe gelesen, dass Sie eine Sammlung an Pornodialogen haben. Ist das richtig?

Ich habe über die Jahre immer gern Pornos geschaut und wenn da etwas sehr Absurdes passiert, habe ich mir das mitgeschnitten. Es ist ja zum Teil unfassbar, was einem da begegnet. Und wenn die Darsteller anfangen zu reden, wird es besonders schlimm. Im Internet gibt es inzwischen ganze Bibliotheken mit doofen Pornodialogen, von daher ist meine Sammlung jetzt nicht mehr so interessant. Aber diese Geschichte mit Nasenanal, die ich auch in meinem Buch habe, wird tatsächlich so in dem Porno gesprochen. Der Dialog ist hanebüchen bescheuert, aber es hat mich sehr amüsiert, weil… ich meine, Nasenanal passt so unglaublich zu meinen Knollnasen, das hat man fast bildlich vor Augen. Aber nein, das stellt man sich dann doch besser nicht vor.

Sind Pornodialoge deshalb so witzig, weil sie so absurd sind?

Es gibt schon immer eine komische Querverbindung zwischen Porno und Humor – ich weiß auch nicht, warum das so ist. Damals bei den »Tom of Finland«-Zeichnungen lachen die ja auch immer. Die vögeln, aber sie lachen, man weiß nicht warum. Das waren eben die Siebziger. In den dänischen Pornofilmen, die ich bei meinem Vater im Schrank entdeckte, wurde immer eine Gesellschaft vorgeführt, die vor Fototapeten sitzt, Sekt trinkt und sich schrecklich amüsiert. Und dann vögeln sie, amüsieren sich aber weiter, lachen und kichern, als wäre nichts. Ich weiß nicht, in meiner Realität ist das anders. Bei gutem Sex gibt’s nicht so viel zu Lachen. Klar, wenn eine Panne passiert, dann kann man mal lachen, aber normalerweise lacht man beim Sex nicht. Ich fürchte aber, dass Nasenanal gar nicht komisch gemeint ist, sondern wirklich als geil dargestellt werden soll. Das macht es doppelt komisch. In meinem Bekanntenkreis ist dieser Dialog legendär, wir haben damit schon ganze Partys geschmissen. Vor allem, wie das gesprochen wird. Das kann man in keinem Comic vermitteln, aber ich garantiere, es ist ein großer Spaß.

Sexualität ist in unserer Gesellschaft ja allgegenwärtig, der Übergang zur Pornografie durch das Internet geradezu fließend. Warum haben Pornos dennoch so ein Konfliktpotential?

Das ist Sexualität. Es gibt da so etwas wie ein Schamgefühl. Ich weiß nicht, was das soll, aber die Evolution hat es uns aus irgendeinem Grund mit auf den Weg gegeben, also muss es ja einen Sinn haben. Ansonsten würden wir vielleicht wie die Hunde in der Fußgängerzone aneinander schnüffeln, wer weiß. Dieses Schamgefühl zu übertreten sorgt für Aufmerksamkeit, Empörung, Lust, Lächerlichkeit und so weiter. Das liegt einfach im Thema. Ich wollte genauer hinzuschauen und sehen, wie Frauen und Männer Porno betrachten und bewerten, ohne selbst zu werten. Deshalb gibt es hier auch keine Moral.

»Pornstory« ist auch eine Kulturgeschichte des Mediums, von Super-8 über Videos und DVDs bis hin zum frei downloadbaren Internetporn. Mit diesem Medienwandel und der Anonymisierung des Pornokonsums hat sich auch eine Radikalisierung der Bebilderung des Sujets vollzogen. Würde ein weniger verklemmterer Umgang mit Pornografie vielleicht auch zu einer Normalisierung dieser Bilderwelten führen?

Ich weiß nicht, was ein weniger verklemmter Umgang mit Pornografie sein soll. Würden dann Pornos im Schaufenster ausliegen oder an der Supermarktkasse erhältlich sein? In Holland habe ich das einmal erlebt, da lagen die heftigsten Filme im Schaufenster. Ich fand diesen Umgang mit dem Thema überraschend befremdlich. Ich glaube, die Verklemmung ist der Sexualität eingeschrieben. Porno zeigt ja auch heftige Sachen, die einige nicht sehen wollen. Das ist wie mit Gewaltvideos, auch da gibt es Grenzen, die einen freien Zugang geradezu verbieten. Ich glaube, eine gewisse Verkrampftheit, Heimlichkeit und Rollenverteilung ist Teil von Sexualität und Porn.

Sexualität ist ebenso ein Tabuthema wie Religion. Jeder setzt sich damit auseinander, aber nur wenige sprechen darüber, weil sie mit Entblößung und Scham besetzt sind. Bei Ihnen aber ist das anders, Sie nehmen diesen Themen die Schwere, ohne dabei belanglos zu werden. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich glaube, das hat viel mit meiner schwulen Sicht auf die Dinge zu tun. Bei »Bullenklöten« etwa, einem Comic, den ich Anfang der Neunziger gezeichnet habe. Da sieht man in der Anfangsszene schon drei Typen, die sich einen Heteroporno anschauen, weil sie den Typen geil finden und sich dann wie 15-Jährige zu dritt einen runterholen. Die reden mit einer Lockerheit über Sexualität, wie Heteros das nicht kennen. Das war damals neu und hat auch gleich das Bayerische Landesjugendamt aufgescheucht, das den Comic auf den Index setzen lassen wollte. Ich denke, dass Schwule einfach ungezwungener mit Sexualität umgingen, damals wahrscheinlich noch mehr als heute, und es hat vielen Heteros Spaß gemacht, zu lesen, dass man auch so ganz offen über Sex reden könnte. Vor allem auch Frauen. Mindestens ein Drittel meiner Leser sind heterosexuelle Frauen, die totalen Spaß daran haben, zu lesen, wie Männer untereinander über Sex reden, wenn ihre Frauen abwesend sind. Wenn man so unverkrampft wie meine Figuren über Sex reden kann, ist das eben auch komisch.

Hätten Sie »Pornstory« auch in einem schwulen Setting machen können?

Nein, das hätte nicht funktioniert. Bei Schwulenpornos fehlt der Konflikt, die brisante Mann-Frau-Konstellation, die mich interessiert hat. Der würde ich auch gern noch ein wenig auf den Grund gehen, aber ich fürchte, ich habe mit diesem Buch schon alles erzählt.

Herr König, vielen Dank für das Gespräch.

U1_978-3-498-03571-6.inddRalf König: Pornstory

Rowohlt Verlag 2015

160 Seiten. 19,95 Euro

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