Sinnlichkeit statt Sinn

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Wie kunstvoll eine Kulturgeschichte wirklich geschrieben werden kann, hat Ulrich Raulff in seinem Meisterwerk Das letzte Jahrhundert der Pferde – Geschichte einer Trennung unter Beweis gestellt. Bereits auf den ersten siebzehn Seiten dieses Buches entwickelt er mehr Tiefgang als Ribbat auf 200. Er legt die vielfältigsten Dimensionen seines Themas dar und begeistert mit einer emotionalen Nähe, die den meisten Fachbüchern abgeht. Es wäre keine Überraschung, wenn der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik erneut gewinnen würde. Er erhielte ihn nach 2010 dann das zweite Mal, als er für Kreis ohne Meister über die Jünger von Stefan George ausgezeichnet wurde.

Raulff kann Sachbuch, aber er kann vielmehr als das. Raulff ist ein eleganter Essayist, der in virtuoser Leichtigkeit die verschiedensten Aspekte der Kunst- wie Sozialgeschichte, der Verkehrs- und Literaturgeschichte, der Agrar- und Kriegsgeschichte, der Ideen- und Medizingeschichte miteinander kombinieren kann. Nie als eitle l’art pour l’art, sondern stets als Mittel der Welterklärung. Auch deswegen, weil der ehemalige Feuilleton-Journalist der FAZ und der Süddeutschen Zeitung einen Teil seiner eigenen Welt, seiner eigenen Vergangenheit nachspürt. Eine Vergangenheit, in der es Pferde noch gab und mit ihnen die Spatzen, die sich an den Pferdeäpfeln labten. Eine Vergangenheit in den fünfziger Jahren, in der Pferde noch so selbstverständlich waren, dass die Mutproben, die Raulff in seiner westfälischen Kindheit ablegen musste, stets etwas mit Pferden zu tun hatten. Er hat die letzten Zuckungen des letzten Jahrhunderts der Pferde erlebt. Nun sind sie verschwunden und sie finden lediglich im vorpubertären Mädchenglück von Ponyhöfen ihr letztes Reservat. Gemeinsam mit Wendy, Hanni und Nanni, Bibi und Tina und den anderen Mädchen vom Immenhof.

Ulrich Raulff

Ulrich Raulf: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. Verlag C.H.Beck 2016. 461 Seiten. 29,95 Euro.

Der »Kentaurische Pakt« verband aber mehr als sechstausend Jahre Mensch und Pferd, machte sie zu einer Arbeitsgemeinschaft und schuf damit die Voraussetzung zivilisatorischer Höchstleistungen. Die Symbiose von Mensch und Pferd endete mit dem langen 19. Jahrhundert. Mit dem Ersten Weltkrieg ging nicht nur das Alte Europa zugrunde, sondern auch der letzte große Krieg mit Pferden. Zwischen 1914 und 1918 hörten die Pferde auf, auf dem Schlachtfeld zu fallen, um künftig auf den Verbindungslinien zu sterben, wie der Autor schreibt. Vielleicht markiert die Erfindung der Raupenketten, die die ersten primitiven Panzer zum Angriff querfeldein befähigten, das wahre Ende der Kavallerie. Die kinetische Energie der Pferde, auf dessen Grundlage Bewegungskriege mit Pferden möglich waren, konnte technologisch adäquat ersetzt werden. Fortan benötigte man die Pferde lediglich als Lasttiere, aber auch diese Rolle sollten sie rasch verlieren. Über den Zweiten Weltkrieg, speziell über den Krieg im Osten, sagte Reinhart Koselleck, der intellektuelle Pate des Buches, dass er ohne Pferde nicht geführt, mit Pferden aber nicht gewonnen werden konnte.

Etwas Entscheidendes ging am und im Krieg mit den Pferden verloren. Raulff verweist auf einen Bildband, in dem Ernst Jünger 1930 Fotos – private Aufnahmen und Propagandabilder, Offizielles und Persönliches – veröffentlichte. In Der Antlitz des Weltkrieges finden sich nicht wenige Aufnahmen von toten Pferden. Warum? Weil, wie Raulff schreibt, Jünger damit die Möglichkeit schafft, sich mit den Opfern des Krieges zu identifizieren und Mitleid auszulösen. »Die Bilder toter Soldaten mögen Grauen erwecken, die Bilder toter Pferde erwecken Mitleid.« Über Grenzen hinweg: Le Cheval n’a pas de patrie. Vielleicht reagieren wir auf die Kriege in Syrien, Libyen, im Irak und in Afghanistan auch deshalb abgestumpft, weil das menschliche Grauen dort kein Mitleid, sondern nur Ekel und Abwehr in uns auslöst.

Das letzte Jahrhundert der Pferde ist eine geordnete Sammlung von Betrachtungen, die oft überraschend wirken, auch in ihrer Anordnung, aber nie zufällig oder überkonstruiert gesetzt sind. Sie erzählen Real-, Wissens- und Bildergeschichten und »reflektieren die drei Ökonomien, in denen das Tier seine alte, zentrale Rolle als Beweger spielte, als großer Umwandler von Energie, Wissen und Pathos.« Die assoziative Kraft, der intellektuelle Reichtum, der emotionale Zugriff des Autors verlangt viel von den Lesern, er lässt ihn kaum zu Ruhe kommen. Aber gerade deswegen kann man dieses erhellende Buch nicht aus der Hand legen. Weil einem ständig die vergessenen und verdrängten Erinnerungen in den Sinn kommen, in denen Pferde eine große Rolle spielen: Das große Porträt des eigenen Großvaters – ein ausgewiesener Pferdeexperte –, wie er einen stolzen Trakehner am Zügel hält. Oder das Bild der eigenen glücklichen Kinder beim Striegeln von Naiko auf dem Reiterhof in Niederbayern. Raulff hat kein Pferdebuch geschrieben, »sondern das Buch eines Historikers über das Ende des Zeitalters, in dem Menschen und Pferde gemeinsam Geschichten machten«. Es ist ein ungemein bereicherndes und beglückendes Werk.