Sinnlichkeit statt Sinn

Nominierungen_Sachbuch

Einer der Künstler, die von Ulrich Raulff gelegentlich genannt werden, ist Adolph Menzel. Ein begeisterter Reiter, so der Autor, der 1867 bereits acht Pferde in seinem Stall zählte. Es waren auch Pferdeköpfe, die Menzel als Studienobjekte für seine Ölskizzen wählte. 1848 hatte er sich diese von einem Abdecker geholt, um sie auf mehreren kleinen Ölbildern zu verewigen. Eines der vielen wundervollen Details, die Werner Busch über den Maler, Zeichner und Illustrator erwähnt. Der Kunsthistoriker und Emeritus der Berliner Humboldt-Universität hat eine glänzende Studie über Menzel zu dessen 200. Geburtstag im Dezember 2015 verfasst. Es ist aus bibliophiler Hinsicht das schönste und ästhetischste der hier besprochenen Bücher. Dem herausgebenden C.H.Beck-Verlag gebührt großes Kompliment und Lob, denn er hat den Lesenden ein Buch geschenkt, das auf jeder Seite ausstrahlt, dass es mit viel Kompetenz, Interesse und Zuneigung gestaltet wurde. Gäbe es einen Verlags-Sonderpreis, der Münchner Verlag müsste ihn bekommen.

Adoplh Menzel

Werner Busch: Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Verlag C.H.Beck 2015. 304 Seiten. 58 Euro.

Es sei »wahrscheinlich das wichtigste kunsthistorische Buch« des Herbstes, lobte der großartige Florian Illies in einer Besprechung in der Wochenzeitung DIE ZEIT im vergangenen Herbst. Buschs Werk ist vor allem deshalb als besonders gelungen zu betrachten, weil er mitnimmt in seine Wahrnehmungswelt. Er lässt den interessierten Leser Bilder mit seinen Augen betrachten, Details entdecken, stellt sie in historische Kontexte, findet Erklärungen und fördert damit Neues zutage. Als Spezialist für europäische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts ist der Autor stets in der Lage, Menzels Leben und Werk in einer weiten Perspektive zu zeichnen. Mit dem Untertitel seiner Studie führt er gewollt oder ungewollt in die Irre. Adolph Menzel war vielleicht auf der Suche nach der Wirklichkeit, er hat sich die Wirklichkeit aber auch immer so konstruiert, dass sie auf seinen Bildern am wirkungsvollsten und schönsten zu Geltung kommt. Busch zeigt an einigen Beispielen wunderbar auf, wie sehr der Maler sich die Realität konstruiert. Die Komposition des Bildes ist das Wesentliche, nicht die Realität. Mittelachse, Horizontlinie, Goldener Schnitt.

Vielleicht hat dies aber auch damit zu tun, dass Menzel stets herausgefordert war, neue Perspektiven auf die wahre Welt einzunehmen. Er war ein sehr kleiner Mann, er maß gerade einmal 140 Zentimeter. Wegen seiner »Gnomenhaftigkeit« war er nicht nur vom Militärdienst befreit, sondern auch von der Welt der Erotik und Sinnlichkeit ausgeschlossen. Menzel wurde zum Menschenfeind, »besonders dem weiblichen Geschlecht gegenüber«. Nur inmitten seiner Familie, bei Mutter und Geschwistern, fand er emotionale Nähe. Buschs Sensibilität gegenüber dem Subjekt seiner Studie zeigt sich vor allem darin, dass er nicht banaler Küchenpsychologie verfällt, es aber dennoch wagt, Menzels Werk auch psychologisch zu deuten. Die oft ungewöhnlichen Perspektiven in Menzels Arbeiten haben auch damit zu tun, dass er sich die Welt zurechtgerückt hat. Dabei wollte er nicht nur auf die Augenhöhe der anderen Menschen einnehmen, sondern eine erhöhte Position. Menzel, der die Welt von unten nach oben betrachtete, schuf sich seine eigenen Perspektiven auf die Wirklichkeit von oben nach unten.

Er blieb dennoch ein Außenseiter am Rande der Gesellschaft. Es interessierten ihn Hinterhöfe, Baustellen, Bretterverschläge, Gerüste. Das vergisst man gerne, wenn man lediglich den Historienmaler und die großen, staatstragenden, preußischen Ölgemälde wie Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci oder Das Eisenwalzwerk vor Augen hat. Buschs faszinierende Reise in die Mal- und Zeichenwelt Menzels lässt uns viel neu erkennen. Allein seine Deutung von Die Piazza d’Erbe, die Krönung in Menzels Spätwerk, ist ein großer intellektueller Genuss. Busch hat eine Studie geschrieben, nach dessen Lektüre man Bilder neu betrachtet, intensiver wahrnimmt, andere Fragen an sie stellt. Und Dank des Verlages ist es ein Buch, das man häufig und gerne in die Hand nehmen wird, um zu blättern, zu staunen, zu betrachten, zu schmökern, zu genießen. Ein sinnliches Buch, das uns weit wegführt von dieser Welt.