Sinnlichkeit statt Sinn

Nominierungen_Sachbuch

Das Buch unter den Nominierungen, das die meisten politischen Implikationen in sich trägt, stammt von Hans Joachim Schellnhuber. Er hat das Buch Selbstverbrennung über die, wie er es im Untertitel nennt, fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff geschrieben. Es ist auch in anderer Weise eine Dreiecksbeziehung, nämlich die einer biographischer Skizze, einer klimapolitischen Streitschrift und eines Sachbuchs. Vielleicht ist es auch deshalb so umfangreich geworden.

Wissenschaftlich ist Schellnhuber über jeden Zweifel erhaben. Er ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das er 1992 gründete und das unter seiner Leitung zu einem der weltweit angesehensten Institute im Bereich der Klimaforschung wurde. Seit 2009 ist er der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung »Globale Umweltveränderungen« und langjähriges Mitglied des Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz Weltklimarat. Schellnhuber war einer der Ersten, der auf die verheerenden Konsequenzen des Klimaproblems hinwies und nachhaltige Lösungen forderte. Er forderte zeitnahe politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Maßnahmen zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels, vor allem durch die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energiequellen. Damit prägte er auch die internationale politische Diskussion entscheidend. Kurzum, Hans Joachim Schellnhuber ist Mister 2 Grad.

Selbstverbrennung von Hans Joachim Schellnhuber

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Verlag C. Bertelsmann 2015. 784 Seiten. 29,99 Euro

So ist auch der Teil des Buches der spannendste, in dem Schellnhuber über die die diversen Gipfel zur Klimapolitik berichtet. Er führt uns ein in die Welt weltpolitischer Verhandlungen, die sich oft genug als Schmierenstücke mit absurden Einigungen und skurrilen Koalitionen entpuppen. Als Leser wünscht man sich desweilen einen analytischeren Zugang zu den bürokratischen Drehs der klimapolitischen Aushandlungen als es der Anekdotismus, den Schellnhuber pflegt, zulässt.

Die stärksten Passagen finden sich in seinen Ausführungen zur historischen Einordnung des Klimawandels. Seine Argumentation reicht dabei ebenso weit zurück, wie sie weit in die Zukunft zielt. Hier kann er sein enormes Wissen über den Klimawandel und dessen Folgen ausbreiten. Er verweist darauf, dass die Klimaveränderung keine neue Erkenntnis ist, sondern dass das Problem seit etwa zwei Jahrhunderten wahrgenommen wird. Wie dies mit unserer Art zu wirtschaften zusammenhängt, wie unsere Umweltprobleme mit der Wirtschafts- und Technikgeschichte der Industrialisierung sowie des Einstiegs in die fossilen Brennstoffe zusammenhängen, wird anschaulich aufgezeigt. Die ersten Folgen für Gesundheit, Umwelt, Natur, Landwirtschaft und Infrastruktur, die uns bei fortschreitender Erwärmung der Erde erwarten, werden drastisch und unmissverständlich beschrieben.

Nun ist es so, dass auch Wissenschaftler Menschen sind und zuweilen auch homines politici. Und auch sie treffen im privaten wie im politischen Leben bei der einen oder anderen Gelegenheit Entscheidungen, die ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen entgegenstehen. Wissenschaft analysiert die Logiken, in denen Politik steckt, sie ersetzt sie aber nicht.

Um seine Thesen zu stützen, bezieht sich der Autor auf stark pessimistische Studien, die zudem noch in seinem eigenen Institut erscheinen. Fortschritte, dem Klimawandel und den sozialen Folgen zu begegnen, werden nicht oder nur am Rande behandelt. Eine fundierte Auseinandersetzung mit den Klimaleugner oder auch mit eigenen medialen Fehler kommt dabei zu kurz. Das Buch ist ein rhetorischer Kampf um die Deutungshoheit im Hinblick auf den Klimagipfel, der Anfang Dezember 2015 in Paris stattfand. Kein Wunder, es erschien kurz davor. In dem genannten Dreiecksverhältnis zwischen Sachbuch, biographischer Skizze und klimapolitischer Streitschrift gewinnt letzteres eindeutig die Überhand. Da sich ferner ein weiteres Moment durch Schellnhubers Buch zieht, nämlich dessen Eitelkeit, die wie der Klimawandel grenzenlos scheint, verliert es als Sachbuch deutlich an Substanz.

Keine Frage, Selbstverbrennung ist ein wichtiges Buch, gerade in seiner politischen Dimension. Und um erfolgreich in der Politik zu sein, scheint manchmal der Säbel geeigneter zu sein als das Florett. Aber bei einem Buchpreis für Essayistik und Sachbuch sollte die Lust am Streit nicht das entscheidende Kriterium sein. Mit anderen Worten: In Selbstverbrennung schlägt die persönliche Hoffnung des Autors dessen eigene Analyse. Die politischen Empfehlungen eines Wissenschaftlers richten sich allzu oft nach Sympathie und Antipathie gegenüber anderen Forschern in diesem Feld. Für ein Pamphlet genau der richtige Ansatz, für ein Sachbuch eher nicht.