Die Wundertüte der Literatur

Übersetzertitel

Auch Claudia Hamm darf sich Hoffnungen machen, dass in den Redaktionen sprachkundige Kritiker sind, die ihre Arbeiteinzuschätzen wissen. Nach Limonow und Alles ist wahr hat sie auch Emmanuel Carrères Das Reich Gottes aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Ob es sich dabei um einen Roman handelt, ist schwer zu sagen. Wenn ein neues Evangelium versetzt mit religionsphilosophischen Ausflügen und autobiografisch motivierten Reflektionen ein Roman ist, dann hat man es hier mit einem solchen zu tun.

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin 2016. 524 Seiten. 24,90 Euro

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin 2016. 524 Seiten. 24,90 Euro

Ausgehend von seinen eigenen Zweifeln setzt sich der Franzose mit Hang zu ideologischen Kontroversen mit der Frage auseinander, ob man daran glauben kann, dass Jesus auferstanden ist. Das führt ebenso zu den Urfragen des Christentums wie zu dessen Ursprüngen sowie ursprünglichen Zweifeln. In einer fiktionalen Aneignung der überlieferten Evangelien lässt er Paulus mit Lukas gemeinsam durch das römische Reich im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt reisen und die Zweifel an der Auferstehung Christi diskutieren. Dies verknüpft er mit seinen eigenen Erfahrungen spiritueller Sinnsuche, die ihn vor zwanzig Jahren nahe an den Katholizismus gebracht haben.

Claudia Hamms lesbare Leistung liegt vor allem in der eigenen Zurückhaltung bei der Übertragung dieses Romans. Sie lässt Carrère in ihrer Übersetzung dieses autobiografischen Selbstbefragungsromans die eigenen Zweifel und das eigene ironische Kopfschütteln über jene vergangenen Unsicherheiten, über die er zum Zeitpunkt des Schreibens bereits erhaben war. Das wahrt vor allem die hohe Authentizität dieses Textes, der insbesondere davon lebt, dass der Autor jede Zeile nutzt, um über sich selbst und sein vermeintlich sicheres weltanschauliches Fundament nachzudenken.

Eine weitere Herausforderung der Übersetzung dieses Romans besteht zudem in den verschiedenen Textarten und Sprechweisen, die hier zur Anwendung kommen. Hamm wechselt zwischen essayistischer Selbstentäußerung, psalmodischer Evangelienerzählung, privaten Briefen und jüdischem Witz in spielerischer Leichtigkeit, Brüche und Ungereimtheiten innerhalb und zwischen den Registern muss man mit der Lupe suchen. Das spricht für die große Kunstfertigkeit und Zuneigung, mit der sie sich dem Text des Franzosen gewidmet hat.

Ein Gedanke zu “Die Wundertüte der Literatur

  1. Pingback: Kunstwerke, kein Lesestoff | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.