Die Wundertüte der Literatur

Übersetzertitel
Joan Sales: Flüchtiger Glanz. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Hanser Verlag 2015. 567 Seiten. 26,- Euro

Joan Sales: Flüchtiger Glanz. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Hanser Verlag 2015. 567 Seiten. 26,- Euro

»Für einen einzigen Moment des Glanzes würde ich alles geben«, heißt es in Joan Sales erstmals aus dem Katalanischen übersetzen Roman Flüchtiger Glanz, dessen Lektüre Kirsten Brandt zu verdanken ist. Die katalanische Literatur ist im europäischen Lesekanon ein weißer Fleck, der mit der Entdeckung von Mercé Rodoreda neben Joan Sales gerade ein wenig Farbe erhält.

Dass Sales Briefroman erst jetzt in einer deutschen Übersetzung erscheint, liegt auch an seiner langen Publikationshistorie. Nach 1939 konnte der spanische Bürgerkrieg eigentlich nur aus Sicht der franquistischen Sieger dargestellt werden, andere Perspektiven wurden unter dem Deckmantel der Zensur begraben. So auch dieser, der als erstes Postbürgerkriegsepos überhaupt die Sicht des unterlegen republikanischen Lagers einnimmt.

Die jungen Katalanen Lluís, Trini und Cruells bilden dabei die drei Erzählstimmen, die dem Roman seine Struktur vorgeben. Sie berichten, so erfährt man in dem Begleitband zum Buch, vom Alltag hinter den Fronten jeweils aus verschiedenen Positionen. Sales begann mutmaßlich 1948, den Roman zu schreiben, erstmals erscheint ein zensierter Text – dem Roman werden Verstöße gegen Kirche, Moral und Dogma von Francos Zensurbehörde vorgeworfen – 1956, eine unzensierte Fassung aber erst 1971.

Der Titel des Romans spielt an auf William Shakespeares Zeile »the uncertain glory of an April day«, denn es war der 14. April 1931, als die Zweite Spanische Republik ausgerufen wurde. Dieser Tag ist ein Bezugspunkt der Handlung des Romans, weil er als Fixpunkt eines Glanzes dient, der im Dunkel des Spanischen Bürgerkrieges versunken ist und in seiner Abwesenheit den Blick auf die Dinge lenkt.

Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau. Aus dem Russischen von Ursula Keller. Die Andere Bibliothek 2015. 519 Seiten. 24,- Euro

Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau. Aus dem Russischen von Ursula Keller. Die Andere Bibliothek 2015. 519 Seiten. 24,- Euro

Ursula Keller, die sich als Autorin und Übersetzerin mit der russischen Klassik auseinandersetzt, hat den 1928 geschriebenen Roman Eine Straße in Moskau des Exilliteraten Michail Ossorgin aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt.

Im Zentrum steht die Siwzew Wrazhek, eine unscheinbare Straße im Herzen Moskaus, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine große literarische Tradition hat. Der junge Tolstoj lebte hier, genauso wie die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Boris Pasternak siedelte hier Teile seines Romans Doktor Schiwago an.

Diese Straße ist in Ossorgins Universum das Zentrum der Welt zwischen 1914 und 1920. Aus dem Mikrokosmos eines Professorenhaushalts werden Weltkrieg, Oktoberrevolution und postrevolutionäre Wirren beobachtet. Mit einem Kaleidoskop der kleinen Leute erzählt Ossorgin eine große Geschichte und wird so zum Chronisten seiner Zeit.

Die erste, überaus bibliophile Auflage des wiederentdeckten Klassikers aus dem Berliner Verlag Die Andere Bibliothek war innerhalb von Wochen vergriffen, seither gibt es eine etwas weniger aufwendig gestaltete Nachauflage.

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