Literatur, lass es krachen

Nominierungen_Literatur

Die Welt ist am Ende, es lebe die Literatur. Es ist nicht das schlechteste Zeichen, wenn die nominierten Titel für den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse literarisch etwas wagen. Dabei entführen sie nach Norddeutschland, in den wilden Osten oder in die weite Welt, schwanken zwischen Milieustudie, postmoderner Odyssee, Weltminiatur und regionaler Geschichtsschreibung. Neben vier bemerkenswerten Titeln gibt es auch einen, den man schnell wieder vergessen wird.

Umfang ist keine Kategorie, schon gar nicht für die Kritik, sagte Nis-Momme Stockmann kürzlich im Interview mit dem Autor dieses Textes. Sie soll daher an dieser Stelle keine weitere Rolle spielen, außer der Struktur dieser Reise durch die belletristischen Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse die Reihenfolge vorgeben.

Es geht also zunächst in die Geliehenen Landschaften, die Marion Poschmanns Lyrikband den Titel und ihren Texten die Motive geben. Die Anleihe bei den Landschaften darf man wörtlich verstehen, die Wahlberlinerin Poschmann hat Gärten und Parks in Kaliningrad, Kyoto, Helsinki, Shanghai oder New York Gärten aufgesucht, um sich dort sinnliche Anregungen und visuelle Eindrücke für ihre Texte zu holen. In neun Zyklen mit jeweils neun Texten hat sie die Nachwirkungen dieser Impressionen verarbeitet. So springt sie von den Plattenwegen in Berlin Lichtenberg auf die Phantomsteine der eigenen Biografie, reist von den japanischen Kieferninseln in Lenins Umkleidekabine. Die Wege, auf denen sie dabei wandelt, sind ungewöhnlich, der Blick, den sie einnimmt, geht in die Tiefe.

»Ich schnitt Sonnenscheiben, reichte sie weiter«, notiert sie während ihres Spaziergangs durch die rostigen Überreste des Vergnügungsparks auf Coney Island, die Hurrikan Sandy zurückgelassen hat. Wie Sonnenscheiben sind auch die 81 Miniaturen, die in diesem Kleinod der Poesie, das sich der Welt zuwendet, indem die Autorin die Welt in den Blick nimmt, versammelt sind.

Poschmann_Geliehene Landschaften

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften – Lehrgedichte und Elegien. Suhrkamp 2016. 118 Seiten. 19,95 Euro

Während Jan Wagner, der für seine Gedichte im vergangenen Jahr als erster Lyriker mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, mit seiner naturalistischen Poesie die Welt feierte, lenkt Poschmann die Aufmerksamkeit der Leser auf die Poesie, die in der den Dingen innewohnenden Tiefe liegt. Es geht ihr um die »Einschlüsse, Ausschlüsse und Trübungen durch Bläschen«, wie es in einem Ihrer Texte heißt, denen sie instinktiv nachspürt. Oftmals gibt es nicht einmal ein Anzeichen, dass da irgendetwas ist, Poschmann findet in diesem vermeintlichen Nichts dennoch viel. Wie das funktioniert, schildert sie in einem Text mit dem Titel Ersatzbatterien. »Du beginnst in den Schattenzonen und suchst die geheimen Grundlagen dunkler …, wovon? Einzelne Zweige fliehen vor dir in den Wind. Du versuchst es mit Einfühlung, aber die Wälder ziehen sich weiter zurück in die Abgründe deines Bewußtseins. Ihr Sinn erschließt sich allein den Gedichten in Schönschrift. Der Rest ist Gekritzel.« Wo Jan Wagner die äußere Hülle als Wesen gefeiert hat, nimmt seine Dichterkollegin erst einmal nur wahr und beginnt dann, entlang von »Kraftlinien«, zwischen »Mondphantom« und »Ichphantom« nach dem Wesen zu suchen.

Das Motiv des Titels ist der ostasiatischen Gartenkunst entnommen, in der damit die Einbeziehung der Landschaft außerhalb eines Gartens in dessen Gestaltung gemeint ist – etwa indem eine Hecke so angelegt ist, dass sie den Blick auf ein in weiter Entfernung stehendes Gebäude oder eine Bergkette freigibt. Dieses Prinzip der Einbeziehung fremder Elemente hat sie sich auch für Ihre Texte vorbehalten. So ist dieser Lyrikband auch voller Experimente, ein Versuchslabor dessen, was Sprache zu bebildern vermag. Dabei zieht sich eine warme Melancholie, eine beglückende Traurigkeit, durch die Texte, wie man sie auch schon von ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Die Sonnenposition kennt.

Poetische Landschaftsmalerei könnte man die Arbeiten von Poschmann nennen, träfe damit irgendwie den Punkt und zielte doch daran vorbei. Wie bei Nadav Kanders Fotografien liegt der Zauber ihrer Texte nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe, der Komposition, im lockenden Zusammenspiel der Bilder, die sie im Kopf des Lesers aufruft und denen sie ihre eigenen gegenüberstellt. Wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, dann findet man in diesem Band so viele Glücksmomente zwischen den Zeilen, so dass man immer und immer wieder zu ihm greifen will – selbst dann, wenn es politisch wird. »Fledermäuse kreisen im Niedriglohnsektor. Du siehst Gewinne verfallen und wolltest dagegen gewesen sein, immer dagegen.«

Ein Gedanke zu “Literatur, lass es krachen

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