Literatur, lass es krachen

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Alles andere als melancholisch ist Roland Schimmelpfennigs Roman An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Mit dem titelgebenden Satz beginnt seine Geschichte, die von einem Wolf erzählt, der sich aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet bis in die Innenstadt von Berlin verirrt. Ihm vorausgegangen ist ein junges polnisches Pärchen, das in der Hauptstadt eher schlecht als recht über die Runden kommt. Im Windschatten des Wolfes haut ein junges Duo aus Brandenburg vor den selbstverlorenen Eltern ab. Und je näher die Bestie an Berlins Zentrum heranrückt, desto aufgeregter wird die Hauptstadtgesellschaft. So in etwa könnte man die drei Erzählsprünge dieser hektischen Erzählung zusammenfassen.

Der Dramatiker Schimmelpfennig hat den mit Abstand schwächsten Titel ins Rennen um den Messepreis geschickt. Der Roman ist derart von dem weit verzweigten Figurenkabinett überfrachtet, dass der Autor alle Kräfte darauf konzentrieren muss, dieses zusammenzuhalten. Das gelingt ihm zugegebenermaßen sogar recht gut, die vielfach verschachtelten Beziehungen seiner Charaktere untereinander bleiben lange im Dunkeln und lösen sich erst am Ende sinnvoll auf. Für diese kühne Komposition seiner Geschichte gebührt Lob und Anerkennung.

Schimmelpfennig_Januarmorgen

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. S. Fischer 2016. 254 Seiten. 19,99 Euro

Der Preis dessen ist, dass es kaum erzählende Passagen gibt. Schimmelpfennigs Roman besteht vor allem aus aneinandergestückelter Handlung. Den Leser treibt es von einem Ereignis zum nächsten und dort, wo man mal verweilen und in die Tiefe gehen könnte – etwa in einem entkernten Altbau in der Lychener Straße –, entscheidet sich Schimmelpfennig dafür, das Personen- und Szenenkarussell weiter kräftig am Drehen zu halten. Statt Tiefe bekommt der Roman nur Breite, statt historischer Komplexität werden simple Prekariatsbiografien miteinander verwoben. Das ist bedauerlich, denn Ansätze zu einer tieferen Erzählung findet man immer wieder.

Eine andere Schwäche des Romans liegt in der Zeichnung der Landschaft, in die Schimmelpfennig seine Geschichte eingebettet hat. Da ist zum einen Berlin, genauer gesagt der Prenzlauer Berg, den seine Figuren für den Leser in GoogleMap-Manier abschreiten. Passagen mit Straßennahmen über Straßennahmen nehmen viel Raum ein, selbst die S-Bahnstationen, durch die Schimmelpfennig sein Personal fahren lässt, werden kleinteilig aufgeführt. Allein wozu, fragt man sich als Leser. Auf der anderen Seite spielt ein Großteil der Handlung in der brandenburgischen Region rund um die Kleinstadt Beeskow, in der der Autor dieses Textes groß geworden ist und wo er zu Beginn des 21. Jahrhunderts seinen Zivildienst leistete. Dort gab es damals weder einen »Bahnhofsvorplatz«, auf dem man sich aufhalten hätte können, noch ausreichend Zugverkehr, um bei einer Person in den Gleisen – in Beeskow sind ständig Personen in den Gleisen, weil man einfach so über die Schienen geht – die Züge vor der Stadtgrenze warten zu lassen (bei einem Zug pro Stunde zudem kein realistisches Szenario).

Nun sind Romane nicht dazu angehalten, die Wirklichkeit zu spiegeln. Wenn aber einerseits detaillierte Akkuratesse an den Tag gelegt wird (Berlin), andererseits aber ein wildes Fiktionalisieren stattfindet (Beeskow), dann ist das zwar Teil der schriftstellerischen Freiheit, aber eben auch schlampig erzählt. Der Sinn und Zweck scheinen die Klischees zu sein, die Schimmelpfennig für seine Erzählung braucht. Das erstreckt sich auch auf einzelne Figuren, etwa wenn das märkische Teenagerpärchen auf seinem Weg von Sauen nach Berlin schon nach zwei Stunden planlos durch die Wälder irrt. Vielleicht hat Schimmelpfennig nie auf dem platten Land gelebt, aber in Brandenburg wird er kaum einen Teenager finden, der nicht jeden Waldweg bis zur nächstgrößeren Stadt kennt und von dort problemlos zum nächsten See oder zur übernächsten Disko und so weiter findet. Die terra incognita, die er seinen Protagonisten unterjubelt, gibt es nicht.

So irrt man als Leser verloren durch die wenig komplexe Kulturlandschaft zwischen Berlin und Frankfurt/Oder, friert sich mit den zum Teil ziemlich besoffenen Figuren durch die 250 Seiten und legt dieses Buch am Ende recht abgekühlt zur Seite. Wie sich dieses Buch etwa gegen Karen Duves Macht, Juli Zehs Unterleuten oder Thea Dorns Die Unglücksseligen durchsetzen und auf die Nominiertenliste gelangen konnte, ist ein Rätsel und lädt ein zu Verschwörungstheorien.

3 Gedanken zu “Literatur, lass es krachen

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