Literatur, lass es krachen

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Der Fuchs in Nis-Momme Stockmanns gleichnamigen Roman taucht in einem Kinderbuch auf und verschlingt die ihn umgebende Welt. So wie die Flut die norddeutsche Kleinstadt Thule, die eine Hauptrolle in diesem fulminanten Weltabgesangsroman spielt. Auf verschiedenen, kompliziert ineinander gewundenen Erzählbahnen schlittern die Leser durch das komplexe Ideen- und Gedankengebäude des Erzählers Finn Schliemann, in dessen Kopf Zustand und Perspektive von Mensch, Welt und Kosmos vielstimmig verhandelt werden.

Die Flut, die die norddeutsche Kleinstadt Thule mit sich reist, bereitet der Welt, wie sie Finn Schliemann kennt, ein Ende. In Stockmanns modernen Atlantis-Erzählung wird die unauflösliche Komplexität der Gegenwart von der Kultur (oder Unkultur) der Postmoderne in die Tiefe gerissen und somit ist der Roman als literarische Dystopie und der Suche nach einem neuen Utopia zuzuordnen.

978-3-498-06153-1(1)

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt Verlag 2016. 720 Seiten. 24,95 Euro

Gesellschaftliche Grundsatzfragen radikal einfach, aber niemals simpel zu verhandeln, darin liegt Stockmanns großes Talent. 2009 gewann er bei den Stückemärkten in Berlin und Heidelberg die Hauptpreise. Im Jahr darauf wurde er zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. »Talent? Oder doch nur Genie?« titelte damals DIE ZEIT. Seither hat er zahlreiche Theaterstücke geschrieben, in denen er auf die ein oder andere Art seine Zeit- und Gesellschaftskritik einbringt.

Dass er für das Theater schreibe, sei der eigentliche Zufall in seinem Lebenslauf. »Da bin ich eher so reingerutscht«, sagt das immer noch amtierende Wunderkind des Theaterbetriebs. Mit dem Roman scheint er seine tatsächliche Bestimmung gefunden zu haben. »Ich fühle mich in der Prosa zuhause«, erklärte Stockmann kürzlich im Interview auf diesen Seiten.

Mit Der Fuchs hat er (sich) bewiesen, dass er auch die Königsdisziplin beherrscht. Mit klarem Blick für die Dinge und großem Gespür für die Musikalität der Sprache erzählt er darin vom Wegbrechen der alten Lebensentwürfe und der gähnenden Leere, die bleibt. Es sei ein Buch über ein bestimmtes Zeitgefühl, wie er im Gespräch ausführte. »Wenn Sie mich fragen würden, wovon dieses Buch handelt, würde ich Ihnen antworten, dass es vom Ende der Postmoderne und dem Wirklichkeitsbild dieser Epoche handelt. Davon, wie wir Wirklichkeit verstehen und wie wir selbst verstehen. Wie die alten Ideologien zerbrechen und eine große Sehnsucht nach neuen Lebensentwürfen herrscht. Das kann ich natürlich in einem Essay analytisch erklären. Aber das Lebensgefühl kann ich nicht transportieren, ohne es in das komplexe Gefäß zu stecken, in dem ich es selbst sehe und empfinde. Darin besteht auch die Magie eines Romans.«

Tatsächlich entwickelt der Roman seinen eigenen Zauber, fasziniert in der Verschränkung der verschiedenen Ebenen zwischen den Ereignissen der Flut, dem Erinnerungsstrom, den das Vorbeitreiben der alten Welt in Finn Schliemann auslöst, und den fantastischen Ereignissen des babylonischen Götterkriegs, den er in einer Parallelwelt ablaufen lässt. Was Wirklichkeit und was Hirngespinst ist, diese Unterscheidung kann man mit jeder Seite weniger treffen. Zumal nach der Hälfte des Romans die verschiedenen Motive der Erzählung auch grafisch auf unterschiedliche Ebenen gesetzt werden, um am Ende in einer gewaltigen Erzählung zu kulminieren.

Müsste man diesem atmosphärisch dichten Roman ein Etikett verpassen, es stünde »Lesepflicht!« darauf. Denn er bringt das Chaos der Gegenwart in den Fragen, die er aufwirft, auf den Punkt.

2 Gedanken zu “Literatur, lass es krachen

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