Berge, Meere und Giganten

Von Scott Ehardt - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1454660

Der britische Journalist Tim Marshall wirft in seinem neuen Buch einen erhellenden Blick auf »Die Macht der Geografie« im globalen Ringen um die Weltherrschaft. Allerdings macht die von Terrorgruppen und Milizen inszenierte asymmetrische Kriegsführung seinem Konzept ein Strich durch die Rechnung.

1924 erschien das Buch Berge Meere und Giganten von Alfred Döblin. In diesem experimentellen Roman erzählt der Autor die Zukunft der Menschheit vom 23. bis ins 28. Jahrhundert. Die Rivalität zwischen dem Westen und dem Osten mündet im 27. Jahrhundert in einem Uralischen Krieg. Der Osten siegt und drängt nach Europa und Nordamerika. Neue Lebensräume werden auf der Insel Grönland erschlossen, wo das schmelzende Eisschild urzeitliche Ungeheuer zum Leben erweckt. Die Menschen schaffen daraufhin die Giganten, die die Ungeheuer bekämpfen.

Diese Utopie hat viel mit dem zu tun, wie ein Außenpolitiker der realistischen Schule die Welt der Gegenwart beschreibt. Tim Marshall tut dies in seinem Buch Die Macht der Geographie, in dem er die »Weltpolitik anhand von 10 Karten« zu erklären versucht. Auch hier sind es Berge, Meere und Giganten, die die Läufe der Welt prägen und gestalten. »Seit jeher hat uns das Land, auf dem wir leben, geformt. Es hat die Kriege, die Macht, die Politik und die gesellschaftlichen Entwicklungen der Völker geformt, […]. Technologien überwinden scheinbar die mentalen wie räumlichen Entfernungen zwischen uns, sodass leicht vergessen wird, dass das Land, in dem wir leben, arbeiten und unsere Kinder aufziehen, höchst bedeutsam ist und dass die Entscheidung derer, die die sieben Milliarden Bewohner dieses Planeten führen, in gewissem Maße schon immer durch die Flüsse, Berge, Wüsten, Seen und Meere, die uns alle eingrenzen, geformt werden.«

Der Autor zeigt, wie die internationale Politik vor dem Hintergrund geographischer Faktoren zu verstehen ist, welche Auswirkungen Landschaften, Klima, Demographie, Kulturregionen und der Zugang zu natürlichen Ressourcen auf etliche Bereiche von Gesellschaften haben. Für Tim Marshall ist Geographie ein maßgeblicher Faktor für den Verlauf der Geschichte und ein grundlegender Teil des Warums und des Was internationaler Beziehungen. Ein grundlegender Aspekt – natürlich nicht der einzige. Auch darauf verweist er. Moderne Technologien brechen im Moment die ehernen Regeln der Geographie. Aber die Geographie hat Kulturen, Gesellschaften und Staaten geprägt und diese Geschichte bleibt wesentlich für das Verständnis der heutigen Welt wie der Zukunft.

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Seine Thesen verdeutlicht Marshall anhand von zehn Landkarten. Am klarsten kommen sie bei den Beispielen Russland, China und USA zum Vorschein. Die Lage der USA etwa bezeichnet Marshall als einen Sechser im Lotto. »Die Vereinigten Staaten liegen in einer wunderbaren Gegend, die Aussicht ist atemberaubend und es gibt faszinierende Wasserformationen. Die Verkehrsbindungen sind ausgezeichnet. Und die Nachbarn? Die Nachbarn sind großartig, es gibt überhaupt keinen Ärger.«

Von Vorteil ist natürlich auch, dass Nordamerika nicht in unzählige Länder aufgeteilt ist, in denen die Einwohner unterschiedliche Sprachen sprechen und mit verschiedenen Währungen bezahlen, wie es in Europa der Fall ist. Die Identifikation der Amerikaner mit den USA lässt sich nicht mit der Geschichte des Kontinents erklären, sondern auch mit seiner Geographie.

Geographisch lässt sich Nordamerika in drei Teile unterscheiden. Das Gebiet der Ostküstenebene bis zu den Appalachen, ein Gebiet mit kurzen, aber schiffbaren Flüssen und fruchtbaren Boden. Zwischen den Appalachen und den Rocky Montains liegen die Great Plains, wo sich auch das Becken des Mississippi mit seinem Netzwerk riesiger, schiffbarer Flüsse befindet, das im Golf von Mexiko mündet. Allein in dieser Region gibt es mehr schiffbare Flusskilometer als im Rest der Welt zusammen. Und schließlich gibt es noch die Region zwischen den Rocky Montains und dem Pazifik, in der Kalifornien zum Beispiel seit jeher als Sehnsuchtsort gilt. Die nördlichen Nachbarn sind die Kanadier, von denen die Amerikaner nichts zu befürchten haben, und zu den südlichen Nachbarn, den Mexikanern, trennt sie die wüstenartige Gegend Nordmexikos.

Mit diesem geographischen Vorteil entwickelten sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur globalen Supermacht. Unangreifbar von zwei Meeren geschützt, mit zwei schwachen Nachbarländern gesegnet. Als größte ökonomische und militärische Nachkriegsmacht der Welt kontrollieren sie die Seewege der Erde. Dies ist notwendig, um amerikanische Waren auf die Märkte zu bringen und eine globale pax americana aufrechtzuerhalten.