Fünf Gründe, warum wir Shakespeare lesen sollten

Lars Eidinger als Hamlet an der Berliner Schaubühne | Foto: Arno Declair

Dass Shakespeares dramatisches und lyrisches Werk keine leichte Kost ist, wollen wir nicht bestreiten. Warum sich die (Re-)Lektüre lohnt, und zwar nicht nur an seinem 400. Todestag, sondern immer wieder, dafür gibt es unzählige gute Gründe. Einige der wichtigsten Argumente, »The (Immortal) Bard« immer griff- und lesebereit zu haben, sind hier versammelt.  

Machen wir uns nichts vor. Für die wenigsten von uns war die Pflichtlektüre diverser Shakespeare-Dramen während der Schulzeit ein literarischer Hochgenuss. Ob das der oftmals uninspirierten und schematischen Form der Literaturvermittlung in Schulen oder dem für Englisch Lernende schwer zugänglichem frühneuzeitlichen Englisch geschuldet war – nein, auch die Übersetzungen der deutschen Romantiker_innen August Wilhelm Schlegel, Ludwig und Dorothea Tieck konnten daran nichts ändern –, sei mal dahin gestellt. Einzig die zahlreichen filmischen Adaptionen (unvergesslich ist wohl Romeo and Juliet (1996) mit Claire Danes und Leonardo DiCaprio oder der Macbeth (1971) in der brachialen Verfilmung von Roman Polanski) – oder im besten Fall moderne Theaterinszenierungen (Lars Eidinger als Hamlet an der Berliner Schaubühne ist ganz großes Kino … nein, Theater) – versprechen damals wie heute den niedrigschwelligen und zumeist unterhaltsamen Einstieg in Shakespeares komplexes literarisches Werk und fragmentarische Biographie. Aber es gibt gute Gründe, Shakespeare immer wieder zu lesen:

1. Kaum ein anderes literarisches Werk ist ähnlich tiefgründig und umfassend, wenn es um die conditio human geht. Vor allem Shakespeares Tragödien spiegeln nahezu alle Abgründe und alles Leid des menschlichen Daseins wider. Egal ob Eifersucht (Othello), Wahnsinn und Melancholie (Hamlet), die Leidenschaft der Liebe (Romeo and Juliet) oder Gewalt und körperliche sowie seelische Verstümmelung (Titus Andronicus) – nichts davon ist den zahlreichen Charakteren in Shakespeares 37 Stücken fremd. Mehr noch: kaum einer vermochte es so gekonnt wie der englische Nationaldichter und -dramatiker, die Komplexität und Ambivalenz solcher Gefühle, diese doch (un)menschlichen Taten und psychischen Zustände auf die Bühne zu kriegen.

2. Wer Shakespeare liest, erwirbt gleichzeitig einen großen Wissensschatz an antiken und mittelalterlichen literarischen Texten. Gemäß der frühneuzeitlichen Idee, dass Texte dann schön sind, wenn sie offensichtlich bekannte Themen und Motive aufgreifen – im Gegensatz zu unsere Idee der schönen Literatur, die vor allem von Originalität und „Neuerfindung“ ausgeht und deren Ursprung auf das 18. Jahrhundert zurückgeht – synthetisiert Shakespeare in seinen Werken den damaligen literarischen Kanon. So bezieht sich zum Beispiel die allseits beliebte, auf den ersten Blick beinahe unspektakulär daherkommende Komödie A Midsummer Night’s Dream, deren Geschichte sogar größtenteils Shakespeare selbst zugeschrieben wird, auf Erzählungen des englischen mittelalterlichen Dichters Geoffrey Chaucer, auf Ovid und Apuleius sowie folkloristische Erzählungen Englands. Und erschafft damit, wie nebenbei,…

Urs Zucker und Jenny König in »Hamlet« an der Berliner Schaubühne | Foto: Arno Declair

Urs Zucker und Jenny König in »Hamlet« an der Berliner Schaubühne | Foto: Arno Declair

3. … archetypische master narratives, die sich tief in unser kulturelles Bewusstsein und Erbe gegraben haben. Und die wiederum in ein breites Verständnis einer paneuropäischen Kultur münden. Nahezu universal bekannt und verfügbar sind diese Meistererzählungen und es gibt wohl kaum jemanden im westlichen Kulturkreis, der_die nicht wissentlich und unwissentlich auf Shakespeares Motive und Geschichte zurückgreift. Oder kennen Sie tatsächlich eine Person, die die Szene eines um eine Frau werbenden Mannes vor einem Balkon nicht mit dem Inbegriff der romantischen Liebe – und somit mit Romeo and Juliet – assoziieren würde?

4. Dass das auch weiterhin so bleibt, dafür sorgen die unzähligen Möglichkeiten, Shakespeares Texte zu adaptieren. So gibt es die beliebtesten Shakespeare’schen Dramen für Kinder (z.B. nacherzählt von Barbara Kindermann), die Reihe No Fear Shakespeare, die Shakespeares Texte in ein Englisch des 21. Jahrhunderts übersetzt und somit den leichten Einstieg garantiert, oder Shakespeare for Dummies für den schnellen Überblick. Wichtiger jedoch ist die Tatsache, dass Shakespeares Werk fiktionale Anker für persönliche, gesellschaftliche und politische Problemlagen bietet. Wo, wenn nicht in The Merchant of Venice werden uns antisemitische Strukturen und Stereotypen in all ihrer Deutlichkeit vor Augen geführt; in den Historien (all die Stücke über Henry, Richard, King John und Pericles) erfahren wir unter Umständen mehr über Herrschaft und die Folgen bestimmter Herrschaftssysteme als in manchen Geschichtsbüchern und The Tempest lädt dazu ein, über Magie, (Über)Natürliches und auch über Flucht nach- sowie querzudenken.

5. Nicht zuletzt ist es die unfassbar kraftvolle, poetische Sprache, die Shakespeares Texten eine immer wiederkehrende Anziehungskraft verleiht. Diese tritt sowohl in den Blankvers-Dramen als auch in den Sonetten – nicht grundlos auch »Shakespearean Sonnets« genannt, da William die Sonettform maßgeblich um das sogenannte »heroic couplet« (das berühmte Verspaar) am Ende des Gedichts erweitert hatte, was es grundsätzlich vom italienischen Sonett Francesco Petrarchas unterscheidet – zutage und zieht seine Leser_innen immer wieder in ihren Bann. Ein besonders gelungenes Beispiel gefällig? So, let the »Sweet Swan of Avon« (wie ihn sein Zeitgenosse und Dichterrivale Ben Johnson nannte) sing for us:

That time of year thou mayst in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruined choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day
As after sunset fadeth in the west;
Which by and by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire,
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed, whereon it must expire,
Consumed with that which it was nourish’d by.
This thou perceiv’st, which makes thy love more strong
To love that well, which thou must leave ere long.
(Sonnet 73)

FloethmannHat noch irgendjemand Fragen? Wenn ja, ist die Chance recht hoch, dass der renommierte Shakespeare-Übersetzer Frank Günther sie beantworten kann. Bei Literaturpapst Dennis Scheck hat er dies anlässlich des 450. Geburtstages des »wichtigsten Autors der Welt« im Frühjahr 2014 getan. Hier kann man das Video des Gesprächs anschauen.

Wem Worte zu viel sind – getreu Hamlets gemurmelten »Words, words, words« –, der greife getrost auf Frank Flöthmans neu erschienenen Comic Shakespeare ohne Worte (siehe Titelbild) zurück. Manchmal sind Bilder ja Ausdruck genug.