Autoren in den Kopf geschaut

Du_Portraits

Die Angst geht um unter den ganz großen der Literatur. Ob Haruki Murakami, Jonathan Franzen oder Stephen King – sie fürchten den Moment, wenn sie den Anforderungen ihrer Leser nicht mehr gewachsen sind. Das Kulturmagazin »Du« hat Künstler-Porträts versammelt, die tiefe Einblicke in die Seelen mancher Autoren ermöglichen.

Stephen King hat nur eine Angst, die vor der Diagnose Alzheimer. »Mein Gehirn ist mein wichtigstes Werkzeug, und ich möchte es nicht verlieren«, wird er von der britischen Journalistin Susan Griffin zitiert, die für die aktuelle Ausgabe des Schweizer Kulturmagazins Du ein Porträt vom Großmeister des Horrors beigetragen hat.

Das Magazin bereichert seit 1941 die Berichterstattung über Kultur, Philosophie, Architektur und Fotografie. Die März-Ausgabe war David Bowie gewidmet, keine zwei Monate nach dessen Tod. Um Aktualität geht es den Machern von Du aber nicht in erster Linie. »Du ist ein Programm. (…) Zwischen dem Ich und dem Du ist in unserer Zeit ein neues Leben aufgebrochen. Drum schreiben wir das Du aufs Titelblatt unserer neuen Arbeit«, hieß es vor 80 Jahren im ersten Editorial.

thumb_2371_MagazinSlider_largeZum neuen Leben gehört auch die Literatur, allein in den letzten Jahren sind wunderbare Titel wie »Friedrich Dürrenmatt – Denker –Maler – Weltautor«, »Humor – Literarische Hochkomik«, »Roberto Bolaño – Poet und Vagabund« (ausverkauft), »Paul Auster – Harte Texte, weiche Menschen« (ausverkauft) oder »Gibt es eine neue Suhrkamp-Kultur« erschienen, die literarische Themen oder Autoren von Rang und Namen behandelt haben. Einige solcher Autoren, darunter Michel Houellebecq, Doris Lessing oder Alexander Kluge, waren im Dezember 2014 Teil einer Ausgabe zum Interview-Projekt von Hans Ulrich Obrist. Nun ist eine Porträt-Ausgabe erschienen, die 14 Porträts enthält. Neben Damien Hirst, Tracey Emin, Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Enya und Janis Joplin werden dort auch einige Weltautoren porträtiert.

Zum Beispiel John Grisham, der weltweit 275 Millionen Bücher (sic!) verkauft hat und deshalb einer der wenigen Autoren, wenn nicht sogar der einzige ist, der einen Privatjet besitzt. Dazu beigetragen hat auch, dass nicht wenige seiner Romane als Vorlage für so manchen Hollywood-Blockbuster dienten. Der britische Journalist Peter Forster hat ihn in seinem Büro besucht, mit ihm über seine Erfolge und Misserfolge gesprochen, über Buchpläne Dicken’schen Ausmaßes und seine Aversion gegen die Politik.

thumb_2366_MagazinSlider_largeDer amerikanische Kritiker Stephen Amidon unterhielt sich mit Jonathan Franzen unter anderem über den Unterschied zwischen Romanen und Onlineforen. »Der Typ Mensch, der Schriftsteller wird, ist jemand, der Jahre versucht, es richtig hinzukriegen. Der Typ Mensch, der Tweets schreibt, ist jemand, der sich nicht darum kümmert, es richtig hinzukriegen, und bereit ist, aus der Hüfte zu schießen, mit einer räumlichen Begrenzung, die nicht einmal einen Nebensatz erlaubt«, sagt Franzen da. Ein Schelm, wer dabei an seine Onlineaffine Heldin Purity (Pip) Tyler aus Freiheit denkt. Für das Schreiben seines neuesten Großromans habe er »tatsächlich körperlich« zahlen müssen, gesteht er im Gespräch. »Mein Haar ist weißer als noch vor zwei Jahren. Ich habe zu viel getrunken, ich war auf Nikotin während des gesamten Buches, auf hausgemachten Dips.«

Wie Franzen fällt auch Stephen King das Schreiben zunehmend schwerer, liest man in Griffins Porträt. »Ich glaube nicht, dass ich noch so viel zu sagen habe wie früher, und daher schreibe ich weniger«, erklärt King. Seine größte Herausforderung sei die, herauszufinden, »wann ich die Klappe halten soll. Ich möchte die Menschen zu einem Zeitpunkt verlassen, an dem sie noch etwas von mir wünschen und nicht sagen: „Dieser Kerl ist ein alternder Langeweiler“«.

thumb_2365_MagazinSlider_largeTim Martin, Literaturkritiker des Daily Telegraph, hat sowohl Haruki Murakami als auch Mario Vargas Llosa getroffen. Mit einem bescheidenen Herrn Murakami, der gern an dunkle Orte geht, sprach er über die Verwandlung von Biografie in kafkaeske Fiktion, die für den Autor alles andere als surreal ist. »Was ich tue, ist das Schreiben meiner Art von Realismus, meiner realen Welt. … Wenn der Schafsmann auftaucht, ist er real für mich, wissen sie. Kein Symbol. Keine Metapher. Nur er und ich«, gesteht ihm der japanische Daueranwärter auf den Literaturnobelpreis. Erhalten hat diesen schon der Peruaner Mario Vargas Llosa. Der gestand dem Briten, dass er selbst House of Cards möge, derlei Unterhaltung im Gegensatz zur Literatur – vor allem zur engagierten Literatur – aber nicht im Kopf bleibe. »Ich denke, wenn Sie von guter Literatur durchdrungen sind, von guter Kultur, dann ist es sehr viel schwieriger, Sie zu manipulieren.«

Die chilenische Autorin Isabel Allende bekam Besuch von der englischen Reporterin Helena de Bertodano, die mit der Schriftstellerin nicht nur über ihre Bücher, sondern auch über die familiären Dramen der letzten Jahre. Die Emotionen und Trauma, die mit diesen Ereignissen einhergehen, helfen ihr beim Schreiben. »Kreative Menschen werden von Zorn und Leidenschaft angetrieben und von Dämonen und Erinnerungen heimgesucht«, sagt die Chilenin.

thumb_2369_MagazinSlider_largeDie Schwäche der Autorenporträts ist zweierlei. Zum einen hat die Redaktion für diese Ausgabe keine exklusiven Texte eingeholt, sondern eine lesenswerte Auswahl von bereits verfassten Porträts zusammengestellt. Die Literaturbeiträge zu Isabel Allende, Haruki Murakami, Stephen King, Mario Vargas Llosa, Jonathan Franzen, John Grisham und Roberto Saviano findet man unschwer online – zum Teil hinter Paywalls oder leicht gekürzt beziehungsweise umgestellt. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Online dem Print voraus ist, dann wird er hiermit geliefert.

Zum anderen sind die Porträts jeweils an das jüngste literarische Werk der vorgestellten Person gebunden, was dazu führt, dass man es hier immer wieder auch mit Literaturkritik zu tun hat. Das kann – wie bei Jonathan Franzen – im Idealfall dazu führen, dass man die wohl beste und kürzeste Inhaltsangabe seines letzten Romans zu Gesicht bekommt, im schlimmsten Fall aber – bei Isabel Allende – zu einer bemühten Werkinterpretation ausarten.

Wer sich mit einer Handvoll lesenswerter Künstler-Porträts auf die Couch oder in die Sonne legen will, der findet mit der aktuellen Ausgabe des Schweizer Kulturmagazins Du eine gute Lektüre. Internetaffine Lesende können auf diese Form des Textrecyclings verzichten.

thumb_2363_MagazinCover_contentPreviewDu Ausgabe 865: Künstler-Porträts

98 Seiten. 15 Euro

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