Erkenntnisse, die schmerzhaft sind

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Die Publizistin Alexandra Senfft stellte sich mit Ihrem Buch »Schweigen tut weh« der verhängnisvollen NS-Geschichte Ihrer Familie. In ihrem neuen Buch »Der lange Schatten der Täter« erzählt sie die Geschichten von NS-Nachkommen, die sich an sie gewandt haben. 

Alexandra Senffts »Der lange Schatten der Täter« ist nach Naomi Schencks »Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12« (hier unser Interview) sowie dem von Dr. Oliver von Wrochem herausgegebenen Sammelband »Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie« (hier unser Interview) der dritte gewichtige Titel, der in diesem Jahr zum Themenkomplex »NS-Täterschaft und Familienbiografie« erscheint. Wir sprachen mit der Autorin über die Schuld des »kleinen Mannes«, die Normalität des Schweigens und die folgenschweren Konsequenzen fehlender Aufarbeitung.

Frau Senfft, in Ihrem neuen Buch »Der lange Schatten der Täter« dokumentieren Sie die Gespräche mit gut einem Dutzend NS-Täter-Nachkommen, deren Vorfahren meist eher Bystander und einfache Profiteure im Dritten Reich waren – also eher »kleine Fische«. Umso schwieriger, sie zu finden. Wie sind Sie zu Ihren Gesprächspartnern gekommen? Was war deren Beweggrund, das Schweigen zu brechen?

Die meisten meiner Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen sind Leser meines Buches »Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte« gewesen, das 2007 erstmals erschien. Sie haben auf die Lektüre teils sehr emotional reagiert und mir geschrieben, weil sie sich noch nicht ausreichend mit der Vergangenheit ihrer Eltern oder Großeltern auseinandergesetzt hatten und sich mit mir austauschen wollten. Es war berührend, dass einige davon Kinder von damaligen Freunden meiner NS-Großeltern sind, darunter sogar zwei Patenkinder meiner Großeltern, die nun unter ganz anderen politischen Vorzeichen mit mir in Kontakt kamen und wir uns sogar anfreundeten.

Andere Protagonisten in meinem Buch habe ich über andere Zusammenhänge kennengelernt, wie z. B. über den Arbeitskreis Intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) in Köln. Mit meinen Gesprächspartnern verbindet mich die Überzeugung, dass es wichtig ist aufzuklären, inwiefern und inwieweit unsere Angehörigen sich in der NS-Zeit schuldig gemacht haben. In meinem Buch kommen aber auch Historiker, Psychologen, Psychoanalytiker oder Soziologen zu Wort, die dem Leser helfen, die Lebensgeschichten besser einordnen und in einem breiteren Kontext verstehen zu können. Im Handlungsstrang spielen zudem Orte eine große Rolle sowie nicht zuletzt die aktuellen politischen Entwicklungen: AfD, Pegida, Antisemitismus, Antimuslimismus, Rassismus oder der Umgang mit den geflüchteten Menschen.

Gab es Geschichten, die Sie mehr als andere bewegt haben – vielleicht weil sie der Ihren so ähnlich waren oder gerade nicht?

Ich porträtiere meine Gesprächspartner nicht als neutrale Journalistin oder Akademikerin, die eine distanzierte Haltung einnimmt, sondern ganz bewusst als involvierte Gesprächspartnerin, die durch ihre eigene Familiengeschichte mit dem Thema ebenfalls beschäftigt ist und sich selbst einbringt. Ich wollte zwischen mir und den Gesprächspartnern keine Asymmetrie entstehen lassen, sondern immer wieder auch spiegeln, wie es mir in bestimmten Situationen ging, um sie in die Öffentlichkeit zu begleiten. Mir war es ferner wichtig, die Möglichkeiten und Grenzen solcher Dialoge aufzuzeigen. Ich habe durch diesen persönlichen Zugang eine Gesprächsdynamik erzeugt, die nicht spannungsfrei war, weil jeder meiner Gesprächspartner eine andere Perspektive auf die familiäre Vergangenheit entwickelt hat und sie anders bewertet. Manche Protagonisten sind in der Aufarbeitung schon sehr weit, konsequent und klar, andere eher zögerlich oder noch ängstlich und ambivalent. Gerade letztere machen deutlich, wie emotional belastend es sein kann, damit fertig zu werden, wenn Angehörige sich als NS-Täter, Bystander oder Zuschauer schuldig gemacht haben. Berührt haben mich alle meine Gesprächspartner an verschiedenen Punkten ihrer Lebensgeschichten.

Warum ist es wichtig, diese Geschichten zu erzählen?

Wir wissen mittlerweile aus der Psychologie, dass Traumata, unaufgeklärte Verbrechen, Schuld und Scham über Generationen hinweg wirken und Menschen psychisch stark belasten können. Der Krieg und Holocaust waren ja nicht nur für die Opfer und Überlebenden katastrophal, sondern haben – wenn auch ganz anders und in keiner Weise vergleichbar oder gar gleichzusetzen – auch Folgen für die Nachkommen der Täter, oft sogar destruktive und selbstdestruktive Folgen, die an die Kinder weitergegeben wurden und werden. Viele Verhaltensweisen und leider auch politische Einstellungen lassen sich auf die NS-Zeit zurückführen, weil bis heute Gefühls- und Denkmuster in Familien tradiert werden, verbal oder non-verbal. Das beeinflusst nicht nur Individuen und Familien, sondern auch die Gesellschaft. Der heute zu beobachtende Rechtsruck sowie der Populismus, der die Menschen stark polarisiert und aufhetzt, sind für mich Indiz, dass solche Muster unreflektiert weitergegeben wurden und eine gefährliche Wirkung entfalten können, es zum Teil ja bereits tun.

Viele Verhaltensweisen und leider auch politische Einstellungen lassen sich auf die NS-Zeit zurückführen, weil bis heute Gefühls- und Denkmuster in Familien tradiert werden… Der heute zu beobachtende Rechtsruck sowie der Populismus, der die Menschen stark polarisiert und aufhetzt, sind für mich Indiz, dass solche Muster unreflektiert weitergegeben wurden und eine gefährliche Wirkung entfalten können, es zum Teil ja bereits tun.

Copyright: Judah Passow

Copyright: Judah Passow

Deshalb ist es wichtig, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, um zu begreifen, wie Menschen, selbst oder gerade die mit großer Bildung, damals massenweise zu Mördern und Komplizen werden konnten. Wir haben bereits viel über die Geschichten der Opfer gehört und gelesen, die Geschichten der Täter in den eigenen Familien sind aber bis heute meistens verdrängt und verschwiegen. Meine Protagonisten brechen das Schweigen und verdeutlichen, dass es nicht nur erlaubt sondern sogar notwendig ist, sich auch mit den Verhaltensweisen der eigenen Angehörigen in der NS-Zeit und danach auseinanderzusetzen und zu analysieren, wie diese Dinge das eigene Leben und Beziehungsmuster geprägt haben. Sie machen damit anderen Menschen Mut, sich selber zu öffnen und ihre Geschichten zu rekonstruieren.

Die Begegnungen mit Ihren Gesprächspartnern waren immer sehr unterschiedlich. Mal fuhren Sie an die Schauplätze der Kindheit, mal trafen Sie Ihre Gegenüber am Rande von Prozessen, in denen sich NS-Täter Ihren Taten stellen mussten. Hatten Sie bei diesen Begegnungen einen »Fahrplan«, um sich auf das unsichere Terrain der familiären Traumata vorzutasten?

Ich habe mich überwiegend auf das Vertrauen und die Dynamik verlassen, die sich zwischen meinen Gesprächspartnern und mir entwickelt hat. Ich habe einen Teil des Weges mit ihnen geteilt und manches vollkommen ungeplant dem Prozess zu überlassen. Dadurch kamen sehr bewegende Momenten zustande, mitunter auch überraschende oder schwierige. Ich habe meine Protagonisten gebeten, mich an Orte mitzunehmen, die für sie von Bedeutung sind, denn auch Orte erzählen Geschichten und können einen symbolischen Charakter haben. Im letzten Kapitel fahre ich mit nicht-jüdischen und jüdischen Freunden von PAKH das erste Mal nach Auschwitz. Das war eine emotional sehr schwere Reise, die uns aber auch Hoffnung gemacht hat.

Ich habe in Ihrem Buch Beispiele gescheiterter Begegnungen vermisst. Warum haben Sie sich dafür entschieden, diese weitgehend auszuklammern?

Ich habe sie keineswegs ausgeklammert: Erstens erzähle ich immer wieder von den gescheiterten Beziehungen in meiner eigenen Familie. Weil wir so gegensätzliche Perspektiven auf die familiäre Vergangenheit haben, war es nie möglich, wirklich aufeinander zuzugehen, vielmehr ist der Graben zwischen einigen von uns immer tiefer geworden.

Im dritten Kapitel schildere ich ferner auch Erfahrungen mit Gesprächspartnern, mit denen der Dialog zusammenbrach, weil sie aus dem Prozess ausstiegen und sich ihrer Geschichte letztendlich nicht stellen wollten oder konnten. Da diese Menschen aber nicht in Erscheinung treten wollen und deshalb einer Veröffentlichung nicht zugestimmt haben, musste ich ihre Persönlichkeitsrechte wahren. Ich habe sie im Buch nicht bloßgestellt, sondern nur allgemein darüber geschrieben, wie schwierig solche Begegnungen sein können und meist noch sind.

Meine Protagonisten gehören zu einer Minderheit von Menschen, die sich der NS-Geschichte ihrer Verwandten mutig stellen. Sie stehen zu ihren Geschichten und hatten deshalb keine Angst. Beziehungsweise sie haben ihre Ängste überwunden und sich sogar öffentlich gezeigt. Das bewundere ich sehr, denn es ist keineswegs selbstverständlich: Schweigen und Verdrängungen sind in deutschen Familien noch immer die Norm.

Grundsätzlich habe ich die Narrative und Grenzen meiner Gesprächspartner respektiert und ihre Aussagen nur dann kommentiert, wenn sie damit einverstanden waren. Das heißt, ich habe ihre Sicht der Dinge so stehen lassen, auch wenn ich nicht immer derselben Meinung war.

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