Erkenntnisse, die schmerzhaft sind

produkt-12279_Auszug

Wiegt die »Last« des Umgangs mit dieser Geschichte in der Enkelgeneration weniger schwer?

Als Dritte Generation, die wir mehr zeitlichen und deshalb auch emotional mehr Abstand haben, haben wir bessere Chancen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich persönlich empfinde es als Verantwortung, reinen Tisch zu machen: Und zwar vor allem gegenüber den Opfer und Überlebenden des Holocaust. Meine eigenen Kinder haben auch erfahren, was gewesen ist. Deshalb müssen sie sich nicht mehr durch das Dickicht an Verdrängung und Leugnung kämpfen, wie ich es noch musste. Meine Hoffnung ist, dass ich – anders als die Generation meiner Mutter – ihnen damit eine schwierige Aufgabe abgenommen habe. Jedenfalls leben sie nicht mehr unter dieser spezifischen Belastung.

Welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach die »Erzählhoheit«, die Hoheit über die Deutung der Geschichte, nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch zwischen den Nachkommen der NS-Täter und denen der NS-Opfer?

Jeder, der seine persönliche Geschichte erzählt, hat die Erzählhoheit über das eigene Narrativ, das liegt in der Natur der Sache und zwar gleichgültig, ob man es im privaten Kreis darlegt oder öffentlich in Form eines Buches, Films, Kunstwerks usw. Mann kann sein Narrativ auf der Basis von Fakten einerseits und den eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen andererseits darstellen. Wichtig ist es, beides zusammenzubringen: die Fakten (die man kennen und akzeptieren sollte) sowie die eigene Sicht und die eigenen Gefühle. Dann kann man wirklich konstruktiv mit der Vergangenheit umgehen.

Niemand hat das Monopol auf die Familiengeschichte, die zwangsläufig aus verschiedenen Perspektiven besteht. Sobald es aber Tabus gibt und Narrative unterdrückt werden, wird Macht ausgeübt, um das Monopol aufrechtzuerhalten, und das kann dann im Zusammenhang mit Verbrechen – insbesondere der NS-Verbrechen – sehr problematisch werden.

Ich würde niemanden davon abhalten wollen, seine/ihre eigene Geschichte zu erzählen, solange das nicht in Form einer persönlichen Abwertung und Abrechnung stattfindet. Ich müsste es aber aushalten, wenn die Perspektive eine gänzlich andere als meine wäre.

Ist der Schritt in die Öffentlichkeit ein zwingender Bestandteil, sich dieser Familiengeschichte zu stellen, oder eine mögliche, aber nicht zwingende Option?

Niemand muss sich mit seiner Geschichte öffentlich zeigen – Hauptsache, die Aufklärung findet überhaupt statt. Öffentlichkeit zu wagen ist lediglich ein weiterer Schritt des sich der Geschichte-Stellens. Wer es vermag, seine Geschichte sogar in die Öffentlichkeit zu tragen, macht anderen Mut, sich ebenfalls damit auseinanderzusetzen. Und wenn dabei Diskurse angeregt werden: umso besser!

Anstatt der Unmenschlichkeit des NS-Systems durch Verdrängen und tradierte Verhaltensweisen weiter Futter zu liefern, sollten wir mit Menschlichkeit reagieren, und dazu gehört aus meiner Überzeugung, sich zu für sich selbst und für andere zu öffnen, wahrhaftig zu sein und zu lernen, im richtigen Moment NEIN zu sagen und Entscheidungen zu treffen, die auch Mut kosten.

IMG_7327Warum ist die familiäre Aufarbeitung der NS-Täterschaft für unsere Gesellschaft immer noch wichtig?

Viele der heutigen, rechtsextremistischen Bewegungen und Gewalttaten entspringen meines Erachtens verdrängter Geschichten aus der NS-Zeit, die sich mystifiziert, verklärt und verdreht in den Familien als Narrativ tradiert haben. Die Denk- und Gefühlsmuster aus der NS-Zeit sind nie durchbrochen, sondern vielfach weitergegeben worden, verbal und non-verbal. Allein das Vertuschen erzeugt eine passive Form der Weitergabe.

Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit waren in der Gesellschaft trotz gesellschaftlicher Tabus ungebrochen vorhanden, da nicht darüber reflektiert wurde, zu welchen katastrophalen Ergebnissen diese Polarisierungen in der Gesellschaft führen können. Die Dichotomisierung der Gesellschaft von Wir und die Anderen ist auch nach dem Krieg erhalten geblieben und hat nach dem Mauerfall noch eine andere Schärfe und Wendung bekommen.

Wird der, um im Bild des Buchtitels zu blieben, Schatten der Täter im Laufe der Zeit nur immer länger oder halten sie ein Heraustreten aus dem Schatten des NS-Erbes und einen bewussten Umgang mit ihm für möglich?

Ich halte es durchaus für möglich, sich bewusst mit dem Schatten der Täter zu befassen und die Muster zu durchbrechen, die wir jahrzehntelang – in den Familien und in der Gesellschaft – gelernt haben. Das Schweigen unserer Tätervorfahren wurde ja von der Gesellschaft flankiert. Mir wird öfter gesagt, warum befasst du dich mit dieser düsteren Zeit und schaust nicht nach vorn, lässt die Geschichte hinter dir. Hinter dieser Suggestivfrage verbirgt sich oft die Angst, sich selbst damit zu befassen, man könnte ja Dinge entdecken, die sehr unangenehm sind. Doch so schwierig es ist, sich mit diesem Kapitel unserer Geschichte und seiner Wirkung bis heute auseinanderzusetzen, so muss das keineswegs gleich alles nur negativ sein, ganz im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass der Teufelskreis von Destruktivität und rassistischen Mustern dadurch gebrochen und neue Energie freigesetzt werden kann. Sich damit zu befassen, inwiefern die Vergangenheit noch heute ihre Macht entfaltet, heißt, dieser Macht etwas Positives entgegenzusetzen und sie zu schwächen. Anstatt der Unmenschlichkeit des NS-Systems durch Verdrängen und tradierte Verhaltensweisen weiter Futter zu liefern, sollten wir mit Menschlichkeit reagieren, und dazu gehört aus meiner Überzeugung, sich zu für sich selbst und für andere zu öffnen, wahrhaftig zu sein und zu lernen, im richtigen Moment NEIN zu sagen und Entscheidungen zu treffen, die auch Mut kosten.

Alexandra Senfft, vielen Dank für das Gespräch.

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Alexandra Senfft: Der lange Schatten der Täter

Piper Verlag 2016

352 Seiten. 22,- Euro

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Ein Gedanke zu “Erkenntnisse, die schmerzhaft sind

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