Die Berliner Seite von Klagenfurt

Foto: ORF/ORF K/Thomas Feichter

Vom 29. Juni bis zum 3. Juli findet in diesem Jahr der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb statt. In diesem Jahr hätte nicht nur die Namensgeberin des Literaturwettstreits ihren 90. Geburtstag gefeiert, auch der »Bewerb« hat ein Jubiläum, das Vierzigste. Zur Feier fünf Thesen zum fruchtbaren Literaturverhältnis von Berlin und Klagenfurt.

Alljährlich landet das Raumschiff Literaturbetrieb in Kärntens Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee, um die Literatur zu einem stadtweiten Ereignis werden zu lassen. Weil die Lesungen und die anschließende Kritik live von ORF und 3sat übertragen werden, wird der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auch als »letzte Bastion der Literatur im Fernsehen« bezeichnet. Der Hauptpreis der spöttisch als »Wettsingen von Klagenfurt« bezeichneten Tage der deutschsprachigen Literatur gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen in der deutschsprachigen Literatur.

Autoren aus der Hauptstadt haben vielversprechende Aussichten

Allein 15 der 39 Preisträger kommen aus Berlin, alle zwei bis drei Jahre geht der Bachmannpreis damit im Schnitt nach Berlin. Folgt man dieser Logik, können sich in diesem Jahr die beiden Berliner Wettbewerbsteilnehmerinnen, die in London geborene Sharon Dodua Otoo und die gebürtige Hessin Julia Wolf, berechtigte Hoffnung auf den Hauptpreis machen. Denn im vergangenen Jahr triumphierte die Bamberger Lyrikerin Nora Gomringer mit einer ebenso gewitzten wie mitreißenden Leseperformanz, im Jahr zuvor der Wiener Zeichner und Autor Tex Rubinowitz. Sollte es wider Erwarten in diesem Jahr nicht der Hauptpreis werden, dann sollte es doch mit Kelag-, 3sat- oder dem Publikumspreis klappen. Von den in den vergangenen 39 Jahren 150 Nebenpreisen gingen gut vier Dutzend, also etwa jeder dritte Preis, nach Berlin. Auch hier wäre Berlin wieder einmal am Zug.

Foto: ORF/ORF K/Thomas Feichter

Foto: ORF/ORF K/Thomas Feichter

Klagenfurts Line-Up ähnelt globalisierten Metropolen wie Berlin

Groß war die Verwunderung über das diesjährige Teilnehmerfeld, befinden sich unter den vierzehn Kandidaten doch tatsächlich Autoren mit serbischen, israelischen, türkischen, britischen oder französischen Wurzeln. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur sei »eine durch und durch globalisierte«, stellte Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels kürzlich fest. Schon der Blick auf die Preisträger der letzten Jahre macht deutlich, dass der Nachrichtenwert dieser Erkenntnis gen Null tendiert. Die letztjährige 3sat-Preisträgerin Dana Grigorcea ist in Bukarest geboren und aufgewachsen, ihr Vorgänger Senthuran Varatharajah hat seine Wurzeln in Sri Lanka. Katja Petrowskaja, Bachmannpreisträgerin 2013, ist in der Ukraine aufgewachsen, die Lyrikerin Olga Martynowa, die den Wettbewerb 2012 gewann, kommt aus Russland, und ihre Vorgängerin Maja Haderlap hat ihre Wurzeln in der Volksgruppe der Kärtner Slowenen. Dazu kommen Preisträger wie Saša Stanišić, Feridoun Zaimoglu, Terézia Mora, Ilija Trojanow oder Doron Rabinovici, die ihre Wurzeln allesamt nicht in Deutschland haben und durch die kreative Anverwandlungen ihrer Muttersprache in ihren Büchern die deutsche Literatur bereichern. Deutschsprachig heißt zum Glück schon lange nicht mehr deutschstämmig, weshalb sich am Wörthersee seit Jahren eine globalisierte Literaturgesellschaft einfindet, die der Berliner Stadtbevölkerung nicht ganz unähnlich ist.

Ohne die Inszenierung ist alles nichts

Berlin ist die Hauptstadt der Poser, die Inszenierung ist Teil der Selbstbehauptungs- und Überlebensstrategie im Großstadtdschungel. In Klagenfurt ist die Inszenierung programmatisch, weshalb die Uni Hildesheim – an der so manche Nachwuchshoffnung den Abschluss macht, bevor sie über Lesebühnen, Prosawerkstatt und Open Mike nach Klagenfurt strebt – schon mal einen Kurs zur »Schriftstellerinszenierung beim Ingeborg-Bachmann-Preis« anbietet und die Absolventen beim Wettlesen Feldstudien betreiben und darüber schreiben lässt. Schließlich gilt es hier, Publikum und Jury lesender Weise zu überzeugen. Entsprechend einfallsreich sind die Autoren. Nora Gomringer beeindruckte im vergangenen Jahr mit einer bühnenreifen Lesung, die Jurorin Sandra Kegel als »Verstörungskomödie« mit »einzigartiger Stimmenpolyphonie« bezeichnete und das gediegene Publikum im Saal toben ließ. Der Kölner Peter Licht ließ sich 2007 bei seiner Lesung nur von hinten filmen, ein Unikum in der Wettbewerbsgeschichte. Kathrin Passig schrieb für das Wettsingen 2006 ein »Metaphernschneegestöber«, das genau auf Sieg abgestimmt war. »Aus meinen Beobachtungen im Vorjahr habe ich geschlossen, es soll auf jeden Fall kein komischer Text sein, es soll nicht um Beziehungsprobleme gehen und er soll keine schlechten Dialoge enthalten«, gestand sie der FAZ, und räumte damit Bachmann- und Publikumspreis ab. Im Anschluss verlieh sie mit einigen Mitgliedern der Zentralen Intelligenz Agentur um Holm Friebe neun Jahre lang den Preis der Automatischen Literaturkritik, den die FAZ gleich zum »ehrlicheren Bachmannpreis« kürte. Unangefochten bleibt aber Rainald Goetz’ Auftritt anno 1983, als er sich auf offener Bühne die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzte und seine Lesung blutüberströmt beendete (hier ein Auszug auf YouTube). Der Effekt solcher und anderer Textinszenierungen ist die Implosion der Genres zugunsten des literarischen Ereignisses, weshalb Die Zeit einst »mehr Genre-Anarchie in Klagenfurt« forderte, »damit die Literatur mit der Vielfalt der Welt mithalten kann!«

Foto: ORF/BR

Foto: ORF/BR

Literaturverwaltung

Diese Vielfalt boten vor einigen Jahren auch die Berliner Lesebühnen, doch deren große Zeit als Hort junger Literatur ist vorbei. Geht man hin, weiß man meist, was einen erwartet. Denn Wladimir Kaminer, Jochen Schmidt, Bov Bjerg, Ahne und all die anderen sind längst keine unbeschriebenen Blätter mehr. Sie haben ihren Stil, ihre Fans und ihre Verlage. Ähnlich verhält es sich im Bachmannwettbewerb (wenngleich sich Autoren hier der öffentlichen Vernichtung preisgeben). Gab es früher noch den unbekannten Nachwuchs zu entdecken, treten inzwischen vornehmlich Autoren auf, die sich in der Szene längst einen Namen gemacht haben. Entsprechend äußerte sich auch Piper-Lektor Thomas Tebbe in der ORF-Doku Tabula Rasa zum 40. Jubiläum der Literaturtage. Sei Klagenfurt früher eine »Schatztruhe für Verlage« gewesen, gebe es für seinesgleichen kaum noch neue Autoren zu entdecken, weil die meisten Teilnehmenden bereits an Verlage gebunden seien. Er käme daher nicht mehr zum Hören der literarischen Stimmen, sondern zum Beobachten des Ereignisses Literatur. In Klagenfurt wird wie auf Berlins Lesebühnen die etablierte Literatur verwaltet. Wer neue Stimmen entdecken will, muss zum Häschenkurs, zur Prosawerkstatt oder zum Open Mike gehen.

Eine magische Aura

Mit Klagenfurt verhält es sich wie mit Berlin. Jedes Jahr wird darüber geschimpft, dennoch wollen alle hin. Der Wettbewerb ist eine große Projektionsfläche, entsprechend groß sind die Erwartungen und riesig auch die Enttäuschungen. Das war auch bei der Hamburger Autorin Karen Köhler der Fall, die 2013 betrübt absagen musste. Windpocken verhinderten ihre Teilnahme, dank Solidaritätslesung wurde sie aber noch zur Siegerin der herzen gekürt. Einzig vom Österreicher Thomas Glavinic ist überliefert, mehrere Einladungen ausgeschlagen zu haben. Eine absolute Ausnahme. Die Teilnahme am Wettsingen kommt immer noch einem Ritterschlag gleich, die Auszeichnung gilt als Krönung. So bewahrt der Sehnsuchtsort Klagenfurt seinen Reiz, allen Abgesängen zum Trotz. Gelten die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt dem Literaturbetrieb als lästige Pflichttermine, umgibt das Klagenfurter Stelldichein der deutschsprachigen Literatur (das genau zwischen beiden Buchmessen liegt) zudem eine verklärte Aura. Die Anwesenden wähnen sich, sofern sie nicht von der öffentlichen Kritik gedemütigt werden, eher in den Ferien als bei der Arbeit – mit dem alljährlichen Bachmannwettschwimmen ist dieses Gefühl ritualisiert worden. Wer hier angekommen ist, hat es im Literaturbetrieb recht weit gebracht. Ähnliches hört man auch aus der Hauptstadt. Berliner wissen, was sie davon halten sollen.

Anlässlich des 40. Jubiläums der Tage der deutschsprachigen Literatur haben wir nachstehend zehn Titel versammelt, die nach den erfolg- und/oder ruhmreichen Lesungen von Berliner Autoren in Klagenfurt erschienen sind. 

Rainald Goetz: Irre. 1983

Picture 10 of 10

Wenige Monate vor dem Erscheinen seines bis zur Rezensionsunfähigkeit bewunderten Debütromans schlitzte sich der »Archivar der Gegenwart« Rainald Goetz während seiner Lesung 1983 die Stirn auf und sorgte für den legendärsten Moment des »Bewerbs«. Er bleib ohne Auszeichnung, wurde aber einhellig zum medialen Sieger von Klagenfurt gekürt.

Ein Gedanke zu “Die Berliner Seite von Klagenfurt

  1. Pingback: Sharon Dodua Otto gewinnt Bachmannpreis | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.