Der Treibstoff der schwarzen Vernunft

»Colored« drinking fountain from mid-20th century with african-american drinking | wikimedia commons

Der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates schrieb im vergangenen Jahr seinem Sohn einen Brief, in dem er der Frage nachgeht, wie man in einem traumverlorenen Land in einem schwarzen Körper leben soll. Die Ereignisse in Louisiana zeigen, wie aktuell sein Werk ist. Die »Kritik der schwarzen Vernunft« des Nigerianers Achille Mbembe attestiert gar dem Kapitalismus rassistische Grundzüge, während sich der Sprachwissenschaftler Robert Stockhammer in den Untiefen der »Afrikanischen Philologie« verzettelt .

Es ist dunkel, als Mitte der neunziger Jahre ein junger Mann in PG County angehalten und von Polizisten kontrolliert wird. Während die Cops mit ernstem Blick seine Papiere durchsehen, steigt in dem Mann Panik auf, denn er ist schwarz und die Polizisten dieses Distrikts sind bekannt für ihren freizügigen Gebrauch der Waffe. Doch die Beamten haben nichts zu beanstanden, der Mann kann unbehelligt weiterfahren. Wenige Wochen später wird sein Sohn geboren.

Ta-Nehisi Coates hat Glück gehabt, ihm ging es nicht wie dem 37-jährigen Alton Sterling, der von zwei Polizisten zu Boden gedrückt und aus nächster Nähe erschossen wurde, und auch nicht wie dem 32-jährigen Philando Castile, der im Zuge einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten angeschossen wurde und auf dem Sitz seines Autos verblutete. Seine Freundin streamte den Vorfall live via Facebook. Man sieht auch, wie ein Polizist, statt einen Krankenwagen zu rufen, durch das offene Fenster weiter mit seiner Waffe auf Castile zielt.

Das alles ereignis sich knapp zwei Jahre, nachdem der 18-jährige Michael Brown von dem Polizisten Darren Wilson erschossen wurde. Als die Geschworenen der Jury vor anderthalb Jahren verkündeten, dass Wilson für seinen Mord an Brown unbescholten auf freiem Fuß bleibt, verfolgt Coates dies mit seinem Sohn vor dem Fernseher. »Ich muss los« ist alles, was der 15-Jährige seinem Vater sagen kann. Dann läuft er auf sein Zimmer, die Tür fällt hart ins Schloss. »Das tat mir weh, weil ich mich, so verschieden unsere Welten sein mögen, in deinem Alter genauso gefühlt habe«, erinnert sich der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates in seinem Brief an einem bewegenden und aufrüttelnden Brief Sohn, den er nach den Ereignissen geschrieben hat. In den USA stürmte der Essay die Bestsellerlisten, wurde zum Klassiker der Moderne und von Toni Morrison zur »Pflichtlektüre« erhoben, der nun unter dem Titel Zwischen mir und der Welt vorliegt.

Der Brief ist eine gleichermaßen kraftvolle wie poetische Reflektion der Frage, »wie man in einem schwarzen Köper leben soll, in einem traumverlorenen Land«, in dem es Tradition ist, »den schwarzen Körper zu zerstören«, wie es Coates selbst formuliert. Er ist auch eine Odyssee, die gleichermaßen in die Geschichte der USA wie in die Erinnerung des Autors führt und den Weg von der Ausbeutung des schwarzen Körpers durch die Sklaverei bis in die Gefängnisse der USA nachzeichnet, wo »unsere Körper den Traum vom Weißsein refinanzieren«.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkos. Hanser Literaturverlage 2016. 234 Seiten. 19,90 Euro.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkos. Hanser Literaturverlage 2016. 234 Seiten. 19,90 Euro.

Bereits im Juni 2014 hatte er in dem US-amerikanischen Magazin The Atlantic geschrieben, dass die amerikanische Geschichte eine »Geschichte der Behandlung schwarzer Menschen als minderwertige Bürger, minderwertige Amerikaner und minderwertige Menschen« sei. In dem ebenfalls in dem Buch enthaltenen Essay The Case for Reparations forderte er staatliche Reparationszahlungen an die schwarze Bevölkerung, weil Amerika »auf der Vorzugsbehandlung von Weißen errichtet [wurde] – 395 Jahre lang.« Dies zu vergessen, während man weiterhin der Gefallenen im Unabhängigkeitskrieg gedenke, sei »Patriotismus à la Carte«, kritisierte der heute 40-Jährige und wurde schlagartig zum womöglich einflussreichsten Sprecher des schwarzen Amerikas nach Barack Obama. Nur setzt Coates nicht auf Versöhnung, sondern auf Ausgleichszahlungen, weil damit ein Anerkennen der eigenen schuldhaften Geschichte einhergeht; für ihn eine Grundvoraussetzung für die Lösung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme.

Anders als der US-Präsident bemüht sich Coates nicht mit Euphemismen um Verständnis und Versöhnung. Er nennt die Dinge beim Namen, ohne Furcht, sich an dem heißen Eisen der US-amerikanischen Nation die Finger zu verbrennen. Etwa wenn er Rassismus von der Sklaverei als physische und individuelle Erfahrung spricht und vor Augen führt, dass sie nichts anderes bedeute, als »den Einsatz von Kutschgerten, Zangen, Schüreisen, Handsägen, Steinen, Briefbeschwerern oder was auch immer griffbereit war, um den schwarzen Körper zu brechen, die schwarze Familie, die schwarze Gemeinde, die schwarze Nation.«

Dieser schonungslose Ton erinnert nicht zufällig an die Black-Panther-Bewegung, Coates Vater war darin aktiv. Der Brief ist Coates Mittel, seinen Blick auf die Geschichte der Sklaverei, die Bürgerrechtsbewegung und den Einfluss beider auf seine éducation intellectuelle zu einem Appell an seinen Sohn zu verbinden, der sich an alle Söhne der USA richtet. Er ruft dafür seine eigene Jugend in Baltimore in Erinnerung, in der Schwarzsein bedeutete, »den Elementen der Welt – Schusswaffen, Fäusten, Messern, Crack, Vergewaltigung, Krankheit – nackt ausgeliefert zu sein.« Jede schwarze Familie habe damals ein Kind verloren, an die Straße, an das Gefängnis, an Drogen, an eine Kugel, so dass ihm nichts anderes übrig geblieben sei, als die Kultur der Straße anzunehmen, »eine Kultur, die in erster Linie der Sicherung des Körpers dient.« Nicht gewalttätig genug zu sein habe ihn seinen Körper kosten können, zu gewalttätig zu sein ebenfalls.

Schon in seinen Jugendjahren wendet sich Coates den intellektuellen Vordenkern der schwarzen Emanzipationsbewegung zu. »Vielleicht könnte auch ich diese alte Kraft nutzen, die unsere Vorfahren beseelte, die in Nat Turner lebte, in Harriet Tubman, Granny Nanny, Cudjoe und Malcom X. Vielleicht könnte auch ich so sprechen – nein, handeln –, als gehörte mein Körper mir«, habe er damals gedacht, erinnert er sich. Die Ansprachen von Malcom X, der seit fünfundzwanzig Jahren tot war, wurden von Hip-Hop-Künstlern wiederentdeckt. Sie legten seine Reden über die Breaks oder ließen sein Konterfei in ihren Videos aufblitzen. Der Rapper Ice Cube verkündet auf seinem Album Death Certificate »Let me live my life, if we can no longer live our life, then let us give our life for the liberation and salvation of the black nation.« Dieses Motto, der Black-Panther-Bewegung entnommen, prägte auch Coates Bildungsweg.

Während des Studiums an der renommierten afroamerikanischen Howard University setzte er sich intensiv mit Rassismus-Theorien auseinander und reflektierte sie vor der ihn umgebenden Gegenwart. In diesem Mekka der schwarzen Emanzipation eignet sich Coates die theoretischen Grundlagen an, mit denen er hier die Gegenwart seziert. Vorherrschaft und Ausgrenzung, das begreift er an der Howard, sind die zentralen Motive für »die Überhöhung des Glaubens an das eigene Weißsein«, das »durch Plünderung von Leben, Freiheit, Arbeitskraft und Land; durch das Auspeitschen von Rücken, das Anketten von Gliedmaßen, das Erdrosseln von Andersdenkenden, die Zerstörung von Familien, die Vergewaltigung von Müttern, den Verlauf von Kindern und diverse andere Maßnahmen, die in erster Linie dir und mir das Recht absprechen sollten, in Sicherheit über unseren eigenen Körper zu bestimmen.« Das Stakkato dieser und anderer Aufzählungen ist auch vom Hiphop inspiriert, über dessen Umweg er zur Literatur fand.

2 Gedanken zu “Der Treibstoff der schwarzen Vernunft

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