Living La Vida, Locas!

Titelbild-Hernandez

Die kalifornischen Hernandez-Brüder sind die Schöpfer der genialsten amerikanischen Langerzählung der Neunten Kunst. Der Reprodukt-Verlag lässt weckt zu seinem 25. Geburtstag mit zwei erzählerischen und zeichnerischen Perlen aus dem »Love and Rockets«-Universum die Hoffnung auf mehr.

Sparen wir uns die Vorrede. Die Soap-Opera, an der die in den USA geborenen Brüder Mario, Gilbert und Jaime Hernandez seit Anfang der 1980er Jahre zeichnen, ist eines der wenigen seriellen Werke, die als Opus Magnum unbestritten zu den ganz großen Klassikern der Neunten Kunst gehören. Wenn es eine Geburtsstunde der Alternativcomics gab, dann kann man sie nicht von dieser vielfach ausgezeichneten Serie trennen, deren Stil und Charaktere zahlreiche Comiczeichner inspiriert haben. Love and Rockets ist an zwei Orten verankert, dem fiktiven mexikanischen Ort Palomar (Gilbert Hernandez) und dem kalifornischen Fantasieort Hoppers (Jaime Hernandez), der wegen des hohen Latino-Anteils in der Bevölkerung auch als Locas bezeichnet wird. Los Bros Hernandez erzählen vom Alltag an beiden Orten und der Leser nimmt gewissermaßen live am Leben von über einem Dutzend Haupt- und unzähligen Nebenfiguren teil.

Im Zentrum von Gilbert Hernandez Palomar-Kosmos steht die selbstbewusste Luba, die in ihrer Mischung aus feministischer Vorkämpferin und sexbesessenem Vamp von dem Herausgeber des Comic Buyers Guide, Brent Frankenhoff, zu den 100 sexiest female comic characters gezählt wird. Gemeinsam mit ihrer Cousine Ofelia schmeißt sie den männerlosen Haushalt mit insgesamt sechs Kindern und findet nebenher noch Zeit, um ihre zahlreiche Affären zu pflegen. Ein leidenschaftliches und experimentierfreudiges Liebesleben pflegen übrigens fast alle Bewohner des mexikanischen Ortes, weshalb Gilbert Hernandez’ Beiträge zur Comicreihe manche Leser als sexuell überfrachtet empfinden. Es geht tatsächlich überaus explizit zu, Sex ist aber nicht allein frivole Spielerei, sondern Teil eines komplexen Emanzipationsprozesses der starken weiblichen Figuren, die sich inmitten einer Machisto-Gesellschaft, die von politischer Korruption, Gewalt, Rassismus und Jugendrevolte durchgeschüttelt wird, meist geradezu heroisch behaupten.

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Gilberts zwei Jahre jüngerer Bruder Jaime hat sich in seinen Hoppers-Geschichten ganz der Kultur gewidmet, die ihn in seiner kalifornischen Heimatstadt Oxnard umgab. Zentral sind von Anfang an die beiden Freundinnen »Maggie« Chascarrillo und »Hopey« Glass, die sich in der Punkrockszene kennenlernen, deren Wege sich später aber für Jahre trennen werden. Sie sind Teil einer Gang, zu der auch Sexbombe Beatriz, die intellektuelle Isabel, ihr Draufgänger-Bruder »Speedy« Eulalio sowie der schräge Künstler Ray Dominguez gehören. Maggies und Hopeys Wege entfernen sich im Laufe der Serie zunehmend voneinander, trennen sich aber nie wirklich, was dieser Kernerzählung ihren dramatischen Kern verleiht. Ihre Erlebnisse bilden das Zentrum einer Erzählung, die sich in ihrer sensationell zurückhaltenden Darstellung wie eine wehmutsvolle Ode an das Leben liest.

Die Faszination von Love and Rockets speist sich nicht nur aus der magischen Anziehung, die die liebevoll gezeichneten Hauptcharaktere ausstrahlen, sondern in der Erzählung in Echtzeit, die dazu führt, dass Leser und Figuren gemeinsam heranwachsen, Erfahrungen machen und altern. Leser und Figuren werden wie Freunde miteinander klüger und bleiben naiv. Dabei hat vor allem Jaimes betörende Heldin Margarita »Maggie« Chascarrillo unzähligen Lesern den Kopf verdreht, während Gilberts großgewachsene Amazone Luba mit ihrer Entourage noch die letzte sexuelle Fantasie in die Tat umsetzte. Niemals zuvor wurden das Vergnügen, aber auch das Tragische des menschlichen Daseins im Comic derart explizit, kraftvoll und authentisch abgebildet wie in der Latino-Soap der Hernandez-Brüder. Darüber hinaus war sie in ihrer sprunghaften Konstruktion seit jeher ihrer Zeit weit voraus. Mit ihren unmittelbaren Vor- und Rückblenden, Ortswechseln und Perspektivverlagerungen nahm sie schon früh den rasanten Schnitt der avancierten Serien dieser Tage vorweg. Es ist kein Zufall, dass das vielstimmige Comicepos unter Kennern einen ähnlichen respektablen Ruf genießt wie Breaking Bad oder Game of Thrones bei den Serienjunkies.

Einer ihrer engagiertesten Fans ist Reprodukt-Verleger Dirk Rehm, der sich vor 25 Jahren auch deshalb entschied einen Comicverlag zu gründen, um dem Epos der Hernandez-Brüder hierzulande ein Zuhause zu geben. Bislang hat er jeweils zwei Bände aus dem mehrere tausend Seiten umfassenden Palomar- und dem Hoppers-Universum aus dem inzwischen auf knapp 30 Comicalben angewachsenen Werk der kalifornischen Comicbrüder verlegt, zum diesjährigen Verlagsjubiläum sind zwei weitere Alben von Jaime Hernandez erschienen. Der Tod von Speedy ist aus dem Jahr 1989, das mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Album The Love Bunglers (hier unsere Rezension der US-Ausgabe), das in der deutschen Übersetzung von Conny Lösch den Titel Liebe und Versagen trägt, 2014 in den USA erschienen.

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Obwohl 25 Jahre zwischen beiden Comics liegen, passen Sie zusammen, als wären sie in einem Ritt entstanden. Der erstmals, von Oliver Köll ins Deutsche übertragene ältere Band erzählt von Maggies wilden Zeiten als Punk- und Riotgirl, die sich auf der Suche nach sich selbst erst in den Augen des Mädchenschwarms Speedy Ortiz verliert und nach dessen plötzlichem Tod (ein erstes Mal) Trost in den Armen von Ray Dominguez findet. Es ist der Beginn einer ewigen On-&-Off-Beziehung, die sich durch zahlreiche Bände zieht und in Liebe und Versagen aufgegriffen sowie durch Rückblenden in den komplexen Kontext von Maggies wechselhafter Biografie eingebettet wird. Wie ein Metronom pendelt die Erzählung zwischen Erinnerung und Gegenwart, bei der jeder Zeigerschlag tiefer hinab in die zerrissene Seele von Jaime Hernandez tragischer Heldin. Ist Der Tod von Speedy in seiner vielversprechenden erzählerischen Eröffnung ein überaus beeindruckendes Werk, so ist Liebe und Versagen nichts anderes als der phänomenale Abschluss dieser Geschichte. Ein Meisterwerk der Comickunst, bei dem jeder Strich sitzt und jedes Wort ins Herz des Lesers zielt.

Jaime Hernandez beherrscht die Mittel des Mediums in Perfektion und erreicht hier ein Niveau, das selbst Granden wie Adrian Tomine und Frank Santoro umgehauen hat. In der amerikanischen Ausgabe wird der perfekte Strich aufgrund des größeren Formats etwas stärker betont als beim Reprodukt-Band, weil der Verlag das Format an die quadratische Standardgrößer der US-Flexicover-Ausgaben angepasst und den Band damit auch haptisch stärker in die serielle Erzählung eingepasst hat. Dennoch wird offensichtlich, wie Hernandez seinen Strich perfektioniert hat, ohne dabei mit dem Stil zu brechen.

Love and Rockets flog hierzulande bislang weitgehend unter dem Radar der medialen Aufmerksamkeit hindurch, wohl auch, weil die Serie vor dem Boom des Genres und nur in Auszügen publiziert wurde. Es ist zu hoffen, dass das beeindruckende, abwechslungsreiche und vielstimmige Werk der Hernandez-Brüder (Wer tiefer einsteigen will, dem sei das unten eingebettete The Comics Journal-Videointerview zum 30. Jubiläum des Werks mit Gilbert, Jaime, and Mario Hernandez empfohlen) jetzt endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient. Ein Erfolg dieser beiden Bände könnte bestenfalls der Auftakt einer neuen Gesamtausgabe dieser legendären Doppelerzählung sein, an der die beiden kalifornischen Brüder übrigens immer noch weiterzeichnen.

9783956400704Jaime Hernandez: Der Tod von Speedy

Aus dem Amerikanischen von Oliver Köll

Reprodukt Verlag 2016

136 Seiten. 24,- Euro

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9783956400698Jaime Hernandez: Liebe und Versagen

Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch

Reprodukt Verlag 2016

112 Seiten. 24,- Euro

Hier bestellen

 

2 Gedanken zu “Living La Vida, Locas!

  1. Pingback: Graphic Novel » Blog Archiv » Graphic Novels in den Medien – 25. Juli 2016

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