Kaddish für einen Dreihundertjährigen

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»Musik bespült die Gedankenküste«, heißt es da und entsprechend strebt Lasters Sprache und Denken in den verschiedensten Variationen zum Musikalischen hin. Da werden »Nippel pizzicato« gezupft oder, so simpel wie genial, der englische Ausdruck faggot dem Fagott gegenübergestellt. Lügen überschlagen sich »im prestissississississississimmo«, das Publikum wird mit musikalischen Signalen – »langsam, rit – ritardando« – um Geduld oder – »pssssssssssssst! ppppppppppppp« um Ruhe gebeten. Oftmals rutscht die Musikalität stärker in den Rhythmus, etwa wenn ein Aufzug »hoch hoch hoch in die Höhe« fährt, sich der Erzähler in die »Klein-klein-kleinkindheit« oder die »Tage und Tage und Tage des Träumens zurücksehnt«. Ein Schelm, wer hier an Nabokovs Humbert denkt, der seitenlang von »Lolita, Lolita, Lolita…« träumte. Derart durchsetzt sprengt Cohens gleichermaßen kraftvolles wie gelehriges Prosafeuerwerk jede Sprachregel. Grammatik, Struktur, Syntax und Lesegewohnheit werden in den Wind geschrieben, um Laster den spöttischen Ton zu verleihen, der seinem deutschen Namen gerecht wird. Ein Geschenk, dass sich David-Foster-Wallace-Übersetzer Ulrich Blumenbach diesem Werk verpflichtet hat. Welche Herausforderung damit einhergeht, belegt mitunter die Tatsache, dass Blumenbach für die Übertragung des erst noch kommenden Romanungetüms Witz das mit 50.000 Schweizer Franken dotierte Zuger Übersetzungsstipendium erhalten hat. Es ist auch Blumenbachs beeindruckender Übersetzung zu verdanken, dass man eine Ahnung davon bekommt, auf wie vielen Ebenen der Autor mit der Sprache spielt – etwa wenn er das fordernde »come on« des Originals bewahrt, um den musikalischen Anschluss »come prima, come sopra« in aller Leichtigkeit zu bewahren.

Im Kern geht es hier immer auch um die Frage, was es heißt, jüdisch zu sein. Quasi molto serioso führt Laster diese Frage eng heran an die Grundfrage der Musik. »Es gibt keinen Grund für Musik, wie es für Musik keine Erklärung gibt (Schneidermanns Denken drehte sich immer um Musik), wie es quasi keinen Grund für die Juden gibt, für den Juden, für Jüdischkeit, so gibt es auch keine Erklärung unseres Geistes und unserer Existenz, und wie es keine Verwendung für Musik gibt, so gibt es auch keine Verwendung für die Juden, für den Juden, für Jüdischkeit, Musik und Juden, sie sind beide völlig wertlos, fast vollkommen wertlos, gleichermaßen, und das ist der Grund, warum sie beide fast total und vollkommen ausradiert worden sind«. So provokant diese Szene ist, so konzise analysiert sie das wesentliche Element des Menschseins, verschiebt man nur ein wenig die Ebenen. Denn die Parallele zur Musik, die hier für das Jüdischsein so frappierend treffend herausgearbeitet wird, gilt doch für den Menschen als solchen. Er ist einfach nur da, ohne einen Zweck zu erfüllen. Cohen holt hier das Judentum heraus aus seiner Rolle der marginalisierten Religionsgemeinschaft und bindet es wieder ein in die Menschheitsgeschichte.

Auch Beethovens 9. Sinfonie spielt in diesem Geiger-Roman eine elementare Rolle | Wikimedia Commons

Auch Beethovens 9. Sinfonie spielt in diesem Geiger-Roman eine elementare Rolle | Wikimedia Commons

Dieses mit Philosophie, Religion, Musik und Kunst, europäischer Geschichte und amerikanischem Lifestyle durchsetzte, gleichermaßen kraftvolle wie gelehrige Prosafeuerwerk sprengt jedes Sprachkorsett. So wie auch der Zivilisationsbruch des Holocaust jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Denn nur daran soll sich dieses kühne Debüt messen lassen, das im Kern immer um die Bedeutung des Jüdischseins in einer geschichtsvergessenen Gegenwart kreist.

Leicht zu lesen ist dieser selbstentblößende Holocaust-, Schelmen- und Künstlerroman, diese eigensinnig wilde Kadenz, deren Assoziationsketten sich oft über viele Seiten erstrecken, keineswegs. Cohen kennt die Grenzen der Sprache und sprengt sie bewusst. Es ist seine Art, gegen den vermeintlichen Tod der Literatur vorzugehen, gegen die Langeweile der Fiktion in der amerikanischen Literatur, die in seinen Augen oft verpackte Biografie ist, wie er vor einem Jahr in einem Interview ausführte. Lasters nächtliche Rede fordert den Leser in all seiner Aufmerksamkeit und Konzentration. Cadenza for the Schneidermann Violin Concerto führt hinab in die Untiefen der jüdischen Selbstreflektion und deren »xte Parodie einer Parodie einer Parodie ihrer selbst«, die mit dem Anruf eines Taxifahrers bei der Polizei genüsslich auf die Spitze getrieben wird.

Am sehnsüchtigsten muss man nun den, in der Bibliografie des Autors zweiten Roman erwarten, der bis heute als opus magnum anerkannten Fiktion einer neujüdischen Bewegung mit Anlehnungen an Monthy Pythons Das Leben des Brian, der passenderweise den Titel Witz trägt. Auf diesen durch unzählige Nebenhandlungen und Gedankenströme dahinmäandernden Roman gehen die DFW-Vergleiche zurück. Und auch Blumenbach räumt ein, dass Witz dermaßen schwer sei, dass er es nur »mit viel Kaffee und höchster Konzentration« schaffe, 25 Seiten an einem Abend zu lesen. Mit diesem Wahnsinnsroman hat sich Cohen endgültig vom Familientrauma, der Ermordung zahlreicher Verwandter mütterlicherseits, freigeschrieben. Seither spielt der Holocaust nur noch eine marginale Rolle in seinem Schreiben, er hat sich vor allem dem ambivalenten Dasein in der Internetgesellschaft zugewandt. So in in dem noch zu übersetzenden Book of Numbers oder seinem vor zwei Jahren hierzulande erschienenen Erzählungsband Vier neue Nachrichten, der nur mäßige Reaktionen hervorrief. Darin heißt es an einer Stelle: »Meine Eltern haben Europa überlebt, bloß damit ich darüber schreibe, sie haben Europa überlebt, bloß damit ich’s lasse.« Als Cohen diese Zeilen schrieb, war seine Entscheidung, zu schreiben, längst getroffen.

Ärgerlich ist die Mutlosigkeit des Verlags bei der Wahl des Buchtitels. Denn Cohens kluge Zeile »Kadenz für Schneidermann«, die dem Original vorangestellt ist, wird nicht nur im ersten Absatz vielseitig aufgegriffen – was den Leser der deutschen Fassung eher irritiert als aufklärt –, sondern ist auch viel näher an dem dran, das Laster hier auf seinen Freund und Vertrauten Schneidermann ex tempora singt.

»Alle Geräusche der Zeitlichkeit seien in meinem Stil gefangen. Das mache ihn den Zeitgenossen zum Verdruss«, stellt Cohen mit Karl Kraus seinem Roman voran. Man muss dies im besten Sinne wörtlich nehmen.

g-Cohen-Joshua-Solo-fuer-SchneidermannJoshua Cohen: Solo für Schneidermann

Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach

Verlag Schöffling & Co. 2016

536 Seiten. 26,- Euro

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