Argumente gegen die Religion des permanenten Wachstums

Titelbild-Kocka-Mekiffer

Tausch und Handel, im weitesten Sinne jede ökonomische Aktion hat in ihrem Kern eine soziale Dimension. Darauf hat auch Pierre Bourdieu 1987 in seiner »Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft« Die feinen Unterschiede hingewiesen. Wir konsumieren ja nicht das, was uns gefällt, sondern wir essen und trinken, hören jene Musik und mögen diese Kunst, kleiden und richten unsere Wohnung so ein, um unseren sozialen Status zu manifestieren. Unser Geschmack, ausgedrückt in etlichen Konsumentscheidungen, stabilisiert und manifestiert die sozialen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Wer über Geld redet, redet also auch immer über die soziale Dimension einer Gesellschaft.

Noch einmal zwei Schritte zurück und zur Kernthese von Mekiffer: »Zu Beginn des Geldes standen sich also zwei Modi des Austausches gegenüber: der Tauschhandel zwischen Fremden mit Nützlichem als Währung und der Geschenkeaustausch, der auf Vertrauen beruht und auf Gemeinschaften beschränkt war. Das Geld sollte diese Kluft überwinden, indem es dem Vertrauen in eine Gegenleistung einen berührbaren und handelbaren Körper gab.« Notwendig wurde dies mit der Entstehung größerer sozialer Einheiten wie etwa Städten.

Neben der sozialen Dimension hat Austausch und Handel zweitens immer auch eine moralische und damit auch normative Dimension. Allein der Begriff Geld eröffnet diese Perspektive. Geld hat weniger mit Gold als vielmehr mit dem englischen Wort guilt, der Schuld, zu tun. Geld, Schuld, Schulden, diese Begriffe hängen eng miteinander zusammen. Zu diesem Wortfeld gehört auch der Begriff Kontrolle, der sich aus dem Französischen contre rôle herleitet und seit dem 19. Jahrhundert im Gebrauch ist. Es bezeichnet das Gegenregister, die die Buchhaltung beglaubigt. »Jemand zu kontrollieren bedeutet, durch eine Zahl beweisen zu können, wie viel er schuldet – und die Tilgung durchzusetzen.«

Drittens hat Geld eine magische Dimension. Wer sich jüngst über die Vodoo-Ökonomie von Bankern gewundert hat, die aus Geld durch nichts mehr Geld machen woll(t)en, sei getröstet. Geld war seit jeher ein Glaubenssystem. Es funktioniert als Magie und Zauber. Jeden Tag. Jeden Tag glauben wir daran, dass wir mit einem bunten Stück Papier, das in der Herstellung vielleicht einen Cent kostet, vielleicht auch weniger, Dinge erhalten, die fünf, zehn, zwanzig oder mehr Euro kosten. Die erste Münze, auf die ein Wert geprägt wurde, war das Geld nicht wert, das sie nun kostete. Mit diesem Trick haben sie uns heute immer noch. Jeden Kontoauszug, jeden Rentenbescheid, vor allem dieser, betrachten wir, als bilde er Realität ab. Er bildet die Realität ab, die wir uns von ihnen wünschen. Sie sind das Papier nicht wert, auf denen sie gedruckt sind. Nur so konnten sich auch diese mathematischen Spielereien durchsetzen, die wir als Finanzkapitalismus kennen.

Montage-1Die Subprime-Krise, ein wesentlicher Bestandteil der Finanzmarktkrise des Jahres 2008, ist schönes Beispiel für diese Form der Vodoo-Ökonomie. To make a long story short: Als Subprime wurden jene Kredite zum Erwerb von Wohneigentum bezeichnet, bei denen Banken von einer großen Gewissheit ausgingen, dass sie wohl nicht zurückgezahlt werden. Weil sie an Personen vergeben wurden, auch aufgrund politischer Vorgaben, die sich diesen Kredit eigentlich nicht hätten leisten können. Normalerweise unterliegen Banken Regeln, die ihr Eigenkapital betreffen. Hätten die Banken die Subprime-Kredite behalten, hätten sie einen gewissen Anteil ihres Eigenkapitals hierfür hinterlegen müssen. Dann hätten Banken weniger dieser Kredite vergeben können, was schlecht für ihren Umsatz ist, und sie hätten gleichzeitig Anstrengungen unternehmen müssen, die Bonität der Kreditnehmer strenger zu prüfen. Dies war politisch nicht gewollt, die Politik wollte, dass sich Menschen Wohneigentum als Wertanlage und Sicherheit im Alter anlegten. So strukturierten, so nennt sich das, die Banken diejenigen Kredite zu Paketen oder Portfolios um, die zu hundert Prozent aus Subprime-Krediten bestanden. Diese wurden mithilfe von Ratingagenturen durch Strukturierung in scheinbar erstklassige Wertanlagen transformiert. Durch die Strukturierung konnten die tatsächlich drittklassigen US-Hypothekenkredite an Banken und Versicherungen sowie deren Kunden sowohl in den USA als auch ins Ausland verkauft werden. Drittklassige Hypothekenkredite als erstklassige Wertanlagen. Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Und diese Idee auch noch umsetzen können.

Stefan Mekiffer verweist darauf, dass die Wertschöpfung von Geld, also die Vermehrung von Geld, dem Monopol der Banken unterliegt, die Kredite vergeben können und dürfen. Monopole haben aber die Tendenz, dass am Ende die meisten ein wenig ärmer, die Monopolisten aber ein wesentliches Stück reicher sind. Ungleichverteilung ist quasi im System angelegt. Wie dagegen angehen? Stefan Mekiffer schlägt »Schwundgeld« vor, also zinsloses Geld, Geld mit Verfalldatum, Geld, das an Wert verliert. Wäre Warum eigentlich genug Geld für alle da ist vor fünf oder drei Jahren erschienen, hätten die meisten Leser das Buch wohl spätestens an dieser Stelle lachend bei Seite gelegt. Jeden Unsinn müsse man schließlich nicht lesen. Heute ist diese spinnerte Idee längst Realität. Bereits im Juni 2014 hat die Europäische Zentralbank beim Einlagesatz einen Negativzins eingeführt, um Bankguthaben bei ihr unattraktiv zu machen und gleichzeitig Kreditinstitute dazu zu bewegen, eine erhöhte Kreditvergabe vorzunehmen. Im August dieses Jahres hat die Raiffeisenbank am Tegernsee einen Strafzins eingeführt. Nun gut, die Menschen in dieser Region sind ein sehr solventes und reiches Völkchen und wohl kaum mit der Klientel in Ostbrandenburg, in Duisburg-Marxlohe oder München-Hasenbergl zu vergleichen. Aber keiner mehr wird über die Ideen von Stefan Mekiffer als utopisch, nicht realisierbar und weltfremd herziehen können.

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Noch einmal zurück zu Jürgen Kocka. Er konzediert dem Kapitalismus besondere Gaben. Er kann in den verschiedensten politischen, sozialen und kulturellen Kontexten existieren, selbst in Ländern, die kommunistisch regiert werden. Er kann unterschiedliche Ausformungen und Gestalten annehmen, er ist lernfähig und er ist erfolgreich. Der Kapitalismus erwies sich in den vielen Jahrhunderten seiner Existenz oft auch als zivilisierende Kraft. Er hat dazu geführt, dass in großen Teilen der Welt sich die materiellen Verhältnisse der Menschen verbessert haben, auch, dass sich Menschen politisch für mehr Freiheit engagiert haben.

Die Gegenentwürfe zum Kapitalismus haben sich spätestens 1989 als unterlegen erwiesen, weder konnten sie das Niveau an Wohlstand und Reichtum produzieren, noch jenes Maß an Freiheit gewähren, wie die Ländern, die von Demokratie und Marktwirtschaft geprägt waren. Der Untergang des Kommunismus war eine Niederlage der Alternativen des Kapitalismus. Unter diesem Stern stehen auch die Möglichkeiten des Wirtschaftens, die Stefan Mekiffer skizziert. Es sind aber Alternativen denkbar und auch politisch möglich, die anders sind als der gefräßige Heuschreckenkapitalismus der letzten Jahrzehnte. Die können in Nordhessen beginnen, aber sie dürfen dort nicht stehen bleiben.

Auf eines verweist Stefan Mekiffer vor allem im zweiten Teil seines Buch zurecht: Das bestehende Geldsystem erzeugt nicht nur permanente Ungleichverteilung, sondern zugleich einen systemischen Wachstumszwang. Dieser Wachstumszwang unterwirft zunehmend alle Bereiche des Lebens unter einer Logik von Kommerz, Profit und Extraktion. Mekiffer möchte aber nicht eine einem Blame-Game enden, in dem den bösen Kapitalisten alle Schuld geben wird und als angeblich naheliegende politische Lösung die Enteignung evoziert wird. Letztlich trägt auch das Konsumverhalten der Allgemeinheit Verantwortung für diese Situation. Wir alle sind Opfer und Akteure dieses Systems. Gilt es nun die Natur des Menschen selbst zu verändern? Nein, das gerade nicht, so Mekiffer. Er möchte Alternativen aufzeigen, die sich einer, wie er es nennt, pathologische Wachstumsideologie entgegenstellt. Alternativen als Reparatur im System, das gegenwärtig nicht mal mehr seinen Eliten so dient, wie die sich das vorstellen. Auch sie müssten letztlich ein Interesse an Veränderungen haben. Naiv ist Mekiffer nicht, er versteht diese Reparatur als eine gesellschaftliche Mammutaufgabe. Sie erscheint ihm aber in jedem Fall deutlich einfacher als die Enteignung ganzer Klassen oder die Neuerschaffung des Menschen. Auch deswegen legt er so viel Wert auf die Geschichte der von Geld und Zins induzierten Kommerzialisierung. Und gerade deswegen lohnt sich die Lektüre dieses Buches.

9783406654923_coverJürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Verlag C.H.Beck 2013

144 Seiten. 8,95 Euro

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Mekiffer_OrganischeWirtschaft_P06_DEF.inddStefan Mekiffer: Warum eigentlich genug Geld für alle da ist

Hanser Literaturverlag 2016

304 Seiten. 18,90 Euro

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94767-0_Graeber_Schulden.inddDavid Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre

Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer

Verlag Klett-Cotta 2012

536 Seiten. 26,95 Euro

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