Die Zeit der großen Gebildeten ist vorbei

© Karin Rocholl

Thea Dorn hat mit ihrem Roman »Die Unglückseligen« (hier unsere Besprechung) einen fulminanten Wissenschaftsroman geschrieben, mit dem sie den Fauststoff in die Gegenwart hebt. Wir sprachen mit ihr über Grenzüberschreiter, Naturphilosophen, Blowjobs, »Breaking Bad« und die Position der Autorin im Literaturbetrieb.

»Die Unglückseligen« ist unschwer als Faustroman zu dechiffrieren. Ist es nicht ein wenig vollmundig, sich in eine solche Tradition neben beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe und Thomas Mann, um mal die ganz Großen zu nennen einreihen zu wollen?

Zu dem Thema hat Nikolaus Lenau, dessen »Faust« leider zu den vergessenen »Fäusten« gehört, die schöne Replik formuliert, dass Goethe kein Monopol auf diesen Stoff hat, sondern dass es ein Menschheitsstoff ist. Es ist ja nicht so, dass sich neben Goethe und Mann kein anderer an den Stoff gewagt hätte. Vom letzten Drittel des 18. bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde alle Naslang ein neuer »Faust« geschrieben oder komponiert. Ich habe mich gefragt, warum dieser Mythos vom radikalen Grenzüberschreiter, der uns heute doch am Allernächsten sein müsste, in der aktuellen Literatur nicht mehr vorkommt. Der einzige originäre »Faust« der letzten Jahre ist der Film des russischen Regisseurs Alexander Sokurow, den ich allerdings deutlich zu pittoresk finde. Das Einzige, was man mit einem »Faust«-Roman – wie mit jedem Buch – riskiert, ist, im Schatten der Giganten auf dem Schrotthaufen der Geschichte zu landen. Allerdings kann ich nur sagen, dass ich die Auseinandersetzung mit einem so gewaltigen Stoff, der von dem, der ihn zähmen will, alles abverlangt, zutiefst geschätzt habe.

Haben Sie anfangs einen großen Bogen um »Faust«-Bearbeitungen gemacht oder sind erst recht in den Kosmos eingetaucht?

Bei Goethe habe ich mir nur den »Faust II« nochmals gründlicher angeschaut, den Ersten Teil habe ich seit meiner Schulzeit verinnerlicht, seit ich bei einer Schulaufführung das Gretchen spielen musste. Thomas Manns »Doktor Faustus« habe ich auch noch einmal gelesen – und einmal mehr festgestellt, dass es nicht mein Lieblingsroman von ihm wird. Lange bevor ich mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich eine umfangreiche literarische Recherchetour gemacht. Dabei habe ich Friedrich Maximilian Klingers »Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt« gelesen oder Nikolaus Lenaus »Faust. Ein Gedicht«. Und sehr genau habe ich mir natürlich das Volksbuch aus dem 16. Jahrhundert angeschaut, in welchem der Faust-Mythos zum allerersten Mal erzählt wird. Von Lord Byron habe ich ein sagenhaftes »Kain und Abel«-Drama entdeckt, was nicht direkt mit Faust, aber viel mit dem Teufel zu tun hat.

Die Unglueckseligen von Thea Dorn

Die Auseinandersetzung mit dem Fauststoff lag in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger brach. Was macht den Mythos von Dr. Faust und seinem Pakt mit dem Teufel aus Ihrer Sicht heute wieder aktuell?

Wenn ich über die Menschheit als Grenzüberschreiterin nachdenke, fallen mir Prometheus und Faust als die beiden zentralen Mythen ein. Der eine raubt den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen, um ihren Kampf gegens Schicksal, ihre Rebellion gegens Göttliche, im wahrsten Sinne des Wortes zu befeuern, der andere schreckt vor nichts zurück, um die Grenzen dessen zu überspringen, was der Mensch bislang wissen, erfahren, fühlen durfte. Deshalb ist es kein Wunder, dass Faust immer dann Konjunktur hatte, wenn die Menschheit dabei war, eine alte Epoche zu begraben und die Tore zu etwas Neuem aufzustoßen. Der historische Faust war ein Zeitgenosse Luthers, tauchte also an der Grenze vom Mittelalter zur Neuzeit auf. Die zweite Hoch-Zeit des »Faust« begann mit der Aufklärung, in dem Moment, in dem sich die moderne Wissens-, Technik- und Leistungsgesellschaft endgültig durchsetzte. Falls die Menschheit in 100 oder 200 Jahren noch auf sich selbst zurückblicken kann, wird sie vermutlich sagen, dass nicht nur 1500 und 1800, sondern auch die Zeit um 2000 herum einer der großen Epochenumbrüche gewesen ist. Noch haben wir kein rechtes Wort für das höchsttechnologisierte, digitalisierte Zeitalter, an dessen Anfängen wir uns bewegen, aber ich bin sicher, dass die klassische Aufklärungs-Moderne seit einer Weile zu Ende ist. Eigentlich müssten wir uns vor »Fäusten« gar nicht retten können, denn mit all dem Irrationalen, Ungeduldigen, Maßlosen, das dieser merkwürdige Alchemist mit sich herumschleppt, scheint er mir absolut auch ein Kind unserer Zeit zu sein.

Der Fauststoff allein war Ihnen aber scheinbar nicht genug. Ganz nebenbei flechten Sie Motive und Anspielungen von Werken aus dem westlichen Kanon der Weltliteratur ein. Wenn es da heißt, »unser Ritter… eine traurige Gestalt«, denkt man sofort an Cervantes, bei der »ungläubigen Johanna« an die Bibel. Eine Komponente des Stoffes scheint aber zu kurz zu kommen, oder um mal eine Gretchenfrage zu stellen: Nun sag, wie hast Du’s mit der Melancholie?

Finden Sie nicht, dass Ritter ein großer Melancholiker ist? Aber vielleicht haben wir unterschiedliche Melancholie-Begriffe. Für mich ist Melancholie ein prinzipielles Leiden an der Wirklichkeit, die Sehnsucht, für eine Sekunde hinter den Schleier schauen zu können, den Kern der Dinge zu erfassen. Ritter ist tief davon überzeugt, dass alles, was er treibt, vollkommen sinnlos ist. Und auch Johanna ist, obwohl sie die Unsterblichkeit erringen will, alles andere als ein lebensfroh vergnügter Mensch. Es ist eine meiner liebsten Dialogstellen im Buch, wenn Ritter Johanna fragt, was sie eigentlich genau durch die Unsterblichkeit zu gewinnen glaubt, wo sie doch jetzt schon nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.

Die Figur der Johanna macht im Roman eine enorme Entwicklung durch. Aus der selbstbewussten, karriereorientierten Wissenschaftlerin wird eine beinahe esoterische Naturphilosophin, die in traditionelle Genderrollen zurückfällt. Ist ein Faust mit einer durchgehend modernen und selbstbewussten Frau nicht machbar, weil es immer ein naives Gretchen braucht?

Meine Johanna scheint mir, auch wenn sie sich zum Schluss in einer komplizierten Schwangerschaft wiederfindet, nur eine sehr entfernte Verwandte von Goethes Gretchen sein. Viel eher ist sie selbst eine Faust-Figur. Und Faust ist ein viel zu gebrochener, widersprüchlicher Charakter, als dass er sich eignen würde, um eine glatte Emanzipations- beziehungsweise Erfolgsgeschichte zu erzählen. Ganz gleich, ob es sich um einen männlichen oder einen weiblichen Faust handelt. Vergessen wir nicht: Bevor Goethe kam, musste Faust am Schluss jedes Mal zur Hölle fahren. Und selbst wenn wir heute nicht mehr an eine Hölle mit ewigem Feuer und Kesseln und Hilfs- und Nebenteufelchen glauben, bleibt es dabei, dass »Faust« die Geschichte einer großen Verzweiflung ist. Und überhaupt: Ist es nicht ein gewaltiger Emanzipations-Erfolg, dass der verschrobene, kaputte, aber eben auch höchst interessante Doktor zum ersten Mal eine Frau sein darf?