„Es gibt so viel schlechte Kunst“

Brecht-Vandenbroucke-Portrait

Hast Du Vorbilder in der Comicszene, Menschen, an denen Du Dich orientierst oder deren Kunst wegweisend für Dich war?

Ich habe in Gent bei Atak studiert, nur wegen ihm habe ich überhaupt angefangen zu zeichnen. Als Kind habe ich natürlich Hergé gelesen, vor allem »Stups und Steppke«, erst später dann »Tim und Struppi«. Windsor McCay war ebenfalls wichtig für mich. Es sind also viele alte Sachen, die ich mag. Ich finde aber auch neue Sachen toll, aus Deutschland beispielsweise Paul Paetzel oder Aisha Franz. Aber es gibt viele tolle Künstler aktuell, es gibt eine vollkommen neue Generation von Comiczeichnern, die mich wirklich fasziniert. Ich lese zwar viel weniger Comics als ich vielleicht sollte, aber ich will mich auch nicht nur von Comics beeinflussen lassen. Ich will ich selbst sein dürfen und meine eigenen Sachen machen. Deshalb mische ich momentan zum Beispiel auch in der Mode mit, habe ein paar Schuhe sowie ein Shirt designt. Ich will einfach offen bleiben für verschiedene Dinge und Inspiration aus allen Welten ziehen. Deshalb gibt es für mich auch kein wirkliches Vorbild in dem Sinne. Aber mich sprechen viele Sachen an, zuletzt beispielsweise Richard McGuires »Hier«. Vor allem, weil ich es nicht einmal für ein Comic halte. Es ist kein Comic, eher ein Konzept, und das hat mich umgehauen.

Schaut man sich die flämische und holländische Comicszene an, stellt man fest, dass man diese nicht auf einen Punkt herunterbrechen kann. Sie ist wahnsinnig vielfältig und divers. Wie kommt das?

Einen großen Verdienst daran hat die Flämische Literaturstiftung, die Comickünstlern wie mir und anderen viel Förderung zukommen lässt. Der Vorteil hier in Belgien ist einfach der, das Comics zur Literatur gehören. Das heißt, Comickünstler erhalten Förderung von den Literaturinstituten und können in Ruhe einen eigenen Stil, eine eigene visuelle Sprache finden. So können sie sich einfach die Zeit lassen, die ihre Projekte benötigen. Leute wie Brecht Evens oder Olivier Schrauwen und auch ich haben genau davon profitiert. Diese Förderung spielt eine große Rolle, wenn wir über die Vielfalt der hiesigen Comicszene sprechen. Und natürlich ist das historisch bedingt. Hergé, Franquin, die ganze franko-belgische Tradition – das verpflichtet natürlich auch.

In Deutschland ist die Comicszene relativ klein, jeder kennt im Grunde jeden. Wie ist das hier, wie muss man sich die flämische Comicszene vorstellen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das genau sagen kann. Ich bin zwar Teil der Szene, aber zugleich auch nicht. Ich bin so eine Art Outsider, weil ich so viele andere Sachen nebenher mache; Illustrationen, Gemälde, Mode. Brecht Evens ist ein sehr guter Freund von mir, da besteht ein reger Austausch, mit Ward Swart ebenfalls. Es gibt aber auch viele Künstler, die eher klassische Sachen machen, was gut ist, womit ich mich aber einfach nicht so stark beschäftige. Ich bin eher mit Menschen verbunden, die ein wenig unter dem Radar fahren.

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Wie Aisha Franz, die glaube ich nicht einmal in Deutschland sehr stark bekannt ist, eben weil sie so DIY ist, in Nordamerika aber eines der Zugpferde im renommierten Verlag Drawn & Quarterly ist.

Ja, aber genau das finde ich spannend, wenn Menschen das machen, was sie machen wollen.

Lass uns noch einmal kurz über »White Cube« sprechen. Die Welt ist voller Erwartungen, wie man sich verhalten soll. Deinen Protagonisten ist das egal, sie verhalten sich nie passend. Ist das dein Kommentar auf die Facebook-Gesellschaft, in der wir uns alle einer sozialen Kontrolle sondergleichen aussetzen?

Facebook ist ein Kriegsgebiet, mit jedem Beitrag geht die Gefahr einher, vernichtet zu werden. Im Grunde funktioniert Kritik heutzutage genauso wie Facebook. Es geht um Vernichtung. Die kleinsten Dinge verleiten wildfremde Leute, sich auf dich zu stürzen. Wenn Du ein Foto postest, wie Du deinen Hund umarmst, dann bist Du in Windeseile ein Hundeschänder. Das ist doch Wahnsinn. Aber klar, mein Comic greift genau das auf und weitet es aus. Ich verstehe »White Cube« als meine persönliche Antwort auf die Grausamkeit der Menschen.

Ist Facebook eine Antwort oder ein Ergebnis dieser Grausamkeit?

Menschen sind einfach nur grausam, das ist ihre Strategie, um zu überleben.

Aber dann sind Deine Protagonisten sehr realistische Figuren, denn sie sind grausam.

Ja, na klar, in gewissem Sinne sind sie echt. Aber nur als Übertreibung, um etwas zu verdeutlichen. Ich möchte mit meiner Arbeit über die Welt sprechen, in der wir leben. Es geht immer um die Gegenwart und darum, wie sie sich an der Vergangenheit reibt.

Geht es Dir bei Deinen Comics auch darum, unseren Blick auf die Welt zu verändern? Ich frage das, weil Deine Charaktere schon einen recht queeren Blick auf die Dinge haben.

Ich zeichne so, wie ich die Welt sehe. Es kostet mich viel Energie, meinen Blick in etwas zu übersetzen, das andere verstehen, aber ich denke, das ist das, was ich beitragen kann zu unserer Zeit. Ich würde das zum großen Teil als Satire beschreiben, es geht mir weniger um das Ändern in der Zukunft, als vielmehr zunächst um das Wahrnehmen der Gegenwart. Jeden Tag wache ich auf und denke mir, ich weiß doch eigentlich nichts. Also versuche ich herauszufinden, was das ist, was mich umgibt. Im Grunde versetze ich mich in die Kindheit zurück und schaue auf die Welt. Was bleibt, sind eine Menge Fragen. Die versuche ich zu beantworten und dabei Perspektiven zu schaffen, die irgendwie komisch sind.

Brecht-Vandenbroucke_wc_LegerFühlst Du Dich aktuell unbeschwert und frei genug, um Satire ohne Schere im Kopf zu machen?

Es wird immer schwieriger. Es ist wirklich anders als vor fünf Jahren, ein Ergebnis der politischen Situation. Ich habe damals auch viele politische Sachen gemacht, aber ich bin immer weniger daran interessiert.

Weil die politische Situation anders ist oder weil Du Angst hast, bedroht zu werden?

Nein, es geht nicht um Bedrohung. Es langweilt mich einfach, dass wir immer wieder die gleichen Debatten mit denselben Argumenten führen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich älter und nicht mehr so wütend auf die Welt bin. Ich weiß es nicht genau. Politik ist heute auch so eng an die Identität geknüpft. Alles, was man trägt, denkt oder sagt ist sofort politisch. Das bringt uns nicht zusammen, sondern trennt uns nur mehr.

Also weniger Politisches von Dir künftig. Woran arbeitest Du aktuell?

Ich arbeite an einem neuen Buch, diesmal mit Dialogen. Es geht ein wenig auch um Religion, was aktuell vielleicht etwas dumm ist (lacht). Wahrscheinlich ist es damit doch schon wieder politisch. Aber gut, das ist es, was ich machen will.

Brecht, viel Erfolg mit Deinem neuen Buch und vielen Dank für das Gespräch.

Aktuelle Zeichnungen von Brecht Vandenbroucke findet man auf seinem Blog oder auf seinem Instagram-Kanal

White_Cube_Cover_web11Brecht Vandenbroucke: White Cube

avant-verlag 2015

64 Seiten. 29,95 Euro

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2 Gedanken zu “„Es gibt so viel schlechte Kunst“

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