Preußischer Weltuntergangsblues

Junker Titel

Simon Spruyt vermittelt in seiner preußischen Fin-de-Siècle-Fantasie »Junker« in einer Art Ligne Claire Réduit treffend die Weltuntergangsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Hauptfigur in Spruyts Album ist Ludwig, der jüngere Spross des Freiherrn von Schlitt, einem ehemaligen Kavallerieoffizier, der für den preußischen König auf einer der unzähligen Schlachten, in die er für ihn gezogen ist, ein halbes Bein gelassen hat. Seine beiden Söhne – neben dem naiv-gehorsamen Ludwig der widerspenstige Oswald – genießen deshalb eine kostenfreie Ausbildung an der königlichen Militärakademie in Köslin, während ihre Mutter ihre Depression in Davos zu kurieren sucht. Während Oswalds militärische Karriere wie erwartet seinen Lauf nimmt und er als Kavallerist in die Fußstapfen seines Vaters tritt, überrascht vor allem der sensible Ludwig mit seinem sicheren Umgang mit so ziemlich jeder Schusswaffe. Diese Figur erinnert an den technikbegeisterten Napola-Schüler Werner in Anthony Doerrs Pulitzerpreis-Roman Alles Licht das wir nicht sehen.

Spruyt erzählt diese Geschichte zunächst als klassische Coming-of-Age-Story, in der es zunächst darum geht, sich vom Vater zu emanzipieren, den Verlust der Mutter zu verkraften und seinen Platz in dieser nebelverhangenen Welt zu finden. Im Laufe der Erzählung entwickelt sich Junker weiter weg, von der Familiengeschichte hin zu einer klug-ironischen Allegorie über die Folgen von Militarismus und Krieg. Der Mensch wird hier jeder Individualität beraubt, als Playmobil-Geisterfiguren – Menschen wie Playmobil-Figuren gezeichnet hatten schon Paul Jorion und Grégory Maklès in ihrem kapitalismuskritischen Comic Das Überleben der Spezies – laufen die Kadetten durch diese in den verkommenen Traditionen verhangene Welt, die mit dem Krieg untergehen wird.

Der in Leuven und Brüssel ausgebildete Zeichner hat für diese ergreifende Geschichte viele grafische Mittel gefunden, die die übergreifende Erzählung noch auf eine weitere Ebene heben. So wird die Autoritätsperson des Vaters immer wieder als gigantischer Kreuzritter in Szene gesetzt, während die intelligente Mutter als griechische Athene erscheint. So spiegelt Spruyt den gegensätzlichen Bildungshintergrund der Eltern, aber eben auch die Wirkung ihres Seins auf die Kinder. Eindrucksvoll auch die Einzelseite, auf der Spruyt den Kadettenalltag seines Erzählers in Kalenderblattmanier darstellt (siehe Galerie).

Zugleich verzichtet Spruyt auf überbordendes Dekor sowie auf unnötige Hintergründe, auch die Figuren hält er einfach, zeichnet die Mimik oft nur in ein leer gelassenes kreisrundes Feld. In der Kombination mit den klaren Konturen, mit denen er Abgrenzungen schafft, wo sie nötig sind, erscheint dieser Stil wie eine Art reduzierte Art der frankobelgischen Ligne Claire. Sowohl grafisch als auch in ihrer erzählerischen Bedeutung unübertroffen ist eine Doppelseite, auf der der junge Ludwig wie Nemo in Slumberland über die Bauzeichnungen einer Maschinenpistole klettert. Alles hat dort seinen Platz und dennoch stößt er auf eine Leere. Es ist der Moment, in dem er begreift, dass auch er nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe der Weltgeschichte ist. Knapp dreißig Seiten später kippt der Comic in die morbide Grabesstimmung, in die auch Jacques Tardis Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg getaucht sind.

Angesichts dieses Einfallsreichtums ist es beileibe kein Versehen, dass diese kluge Allegorie 2014 zum besten niederländischen Album gekürt wurde. Weitere Eindrücke aus dem Album findet man auf der Künstlerseite von Simon Spruyt.

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junkerSimon Spruyt: Junker

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Carlsen Verlag 2016

192 Seiten. 24,99 Euro

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