Der Porträtist des »Homo Hierarchicus«

Porträt-Aravind-Adiga

Und je mehr es versuchen, umso schmaler wird der Grad zwischen Erfolg und Scheitern.

Es ist bestürzend, wie viele es versuchen und wie wenige es schaffen. Das ist vielleicht der Unterschied zur Situation in Deutschland. Wer hier kein Fußballprofi wird, dem bieten sich noch andere Chancen. In Indien ist das meist nicht der Fall. Es ist so, wie Sie es beschreiben, Erfolg und Niederlage liegen verrückt nah beieinander. Es geht am Ende darum, ob man am entscheidenden Tag in Topform ist und um 0,01 Prozent besser drauf ist als die gleichaltrigen Konkurrenten. Wem das nicht gelingt, der scheitert so derart fatal, das kann man kaum begreifen. Mich hat interessiert, was mit all jenen passiert, die scheitern, denn nur eine verschwindend geringe Anzahl der Jungs erreicht ihr Ziel.

Was heißt das für die Kinder?

Auf ihnen lastet ein riesiger Druck. Meist wird ihnen schon im Kleinkindalter eingebläut, dass sie erfolgreich sein müssen. Viele werden mit zwölf aus der Schule genommen, um täglich unter der Aufsicht ihrer Väter für die Sichtungstermine zu trainieren. Das heißt, ihnen wird hier schon die Grundlage eines alternativen Weges genommen. Was ich in meinem Roman beschreibe, steht für das Schicksal einer ganzen Generation.

Im vergangenen Jahr drang eine Cricket-Meldung sogar bis nach Deutschland. Der 15-jährige Pranav Dhanawade hatte bei einem Schulturnier mit mehr als 1.000 Punkten in einem Durchgang einen Jahrhundertrekord gebrochen.

Das Schlimme ist, dass er schon wieder vergessen ist. Seither gab es drei, vier andere Nachwuchstalente, die irgendwelche anderen Rekorde gebrochen haben. Das passiert ständig, alle sechs Monate taucht ein neuer Name am Firmament auf, der kurz darauf wieder in der Versenkung der allgemeinen Aufregung verschwunden ist. Diese Jungs sind doch viel zu jung, um all die Erwartungen zu erfüllen, die man in sie steckt. Für ein paar Wochen werden sie zu Sternen am Cricket-Himmel gemacht, treffen etablierte Spieler und tauchen in den Nachrichten auf, doch dann werden sie wieder vergessen. Sie denken dann, dass sie selbst daran Schuld sind, werden aggressiv oder greifen zum Alkohol. Um die indische Mittelklasse zu unterhalten, opfern wir die Existenzen dieser Jungs, die übrigens meist aus armen Verhältnissen stammen. Das ist doch eine Katastrophe. Statt sie zu Nachrichten zu machen, sollten wir sie lieber zur Schule schicken, damit ist ihnen mehr geholfen. Cricket ist zu einer Groteske verkommen, zu einem Monster, das all diese Jungs verschlingt.

Tatsächlich war das mein Gedanke beim Lesen des Romans. Hier opfert eine Generation die Leben ihrer Nachkommen, um ihrer verzweifelten Hoffnung auf Aufstieg und Reichtum Nahrung zu geben.

Ja, genau das passiert. Ich habe vor einigen Jahren erstmals Luchino Viscontis Film »Rocco und seine Brüder« gesehen. Darin wird die Geschichte der Parondi-Brüder erzählt, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Mailand gehen und sich mit Boxen ihr Leben verdienen. Nur einer der Brüder schafft es, sich einen Namen zu machen. Die Ironie dahinter ist, dass es der ist, der den Sport am meisten hasst. Genau das habe ich auch in Indien beobachtet. Die Kinder, auf denen die Hoffnung ihrer Familien lastet, hassen den Sport, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Für sie muss sich ihr Leben wie ein Fehler anfühlen, das hat mich sehr getroffen.

In Ihrem Roman repräsentiert Manju diese Kinder, denn auch er setzt sich durch, hasst den Sport aber aus verschiedenen Gründen abgrundtief.

Manju scheitert – wie übrigens auch alle anderen Charaktere –, und zwar gleich im doppelten Sinn. All das, was Cricket ihm einmal bedeutet hat, geht im Laufe der Zeit verloren. Er opfert seine menschliche Entwicklung dem vermeintlichen Erfolg, ganz oben wird er dennoch nie ankommen. Mir ging es vor allem darum, seinen inneren Prozess zu veranschaulichen, dieses Ringen mit sich selbst zwischen dem Pflichtgefühl gegenüber dem Vater und dem Wunsch, glücklich zu sein.

Aravind-Adiga-Bücher

Sie thematisieren in diesem Kontext Homosexualität im Sport, was auch hierzulande ein gesellschaftliches Tabu darstellt. Wie ist das in Indien?

Homosexualität ist in Indien technisch illegal, wenngleich das von den Briten im 19. Jahrhundert eingeführte Gesetz faktisch nicht ausgeübt wird. Niemand kommt ins Gefängnis, weil er homosexuell ist. In den Dörfern aber ist eine offen gelebte Homosexualität weiterhin undenkbar. In den Metropolen ist das anders, dort wird sie mehr oder weniger offen gelebt. Der Gedanke aber, dass ein Cricket-Star schwul ist, würde das Land in eine Schockstarre versetzen. Dabei kann man die subtile Homoerotik kaum übersehen, wenn man den Jungen aber beim Training zusieht. Das Verhältnis zwischen der indischen Gesellschaft und Homosexualität ist ein sehr ambivalentes.

Ambivalent ist auch die Figur Javed Ansari. Der Sohn eines reichen muslimischen Geschäftsmannes ist nicht nur Radha Kumars erbittertster Konkurrent um den Platz in der Cricket-Auswahl, sondern auch ein überaus sensibler Charakter, der Georges Orwell liest, Gedichte schreibt und über den Zusammenhalt der indischen Gesellschaft nachdenkt. Er entspricht nicht den skrupellosen Vertretern aus der indischen Upper Class ihrer vorangegangen Romane.

Mich hat interessiert, wie sich ein junger schwuler Muslim in Indien fühlt. Das hat mich in dieser Konstellation interessiert, weil es im Hinduismus keine religiösen Vorgaben zu Homosexualität gibt. So erklärt sich möglicherweise die generelle Indifferenz, die in Indien zu Homosexualität vorherrscht. Ich wollte deshalb wissen, welchen Umgang Muslime und Christen in Indien damit finden würden, weil diese Religionen schriftliche Vorschriften haben. Bei meinen Recherchen stieß ich dann auf einen jungen Spieler, der aus einem wohlhabenden muslimischen Elternhaus kam und offen schwul war. Er findet sich in der Figur von Javed Ansari im Roman wieder. Aber auch er ist gefangen und scheitert. Sympathisch ist er deshalb, weil mein Verständnis der Wirklichkeit ein anderes ist. Ich brauche heute keine Klischees mehr. Deshalb entsprechen die muslimischen Charaktere in diesem Roman nicht den vorgefassten Bildern, die wir alle im Kopf haben. Muslime sind in der Literatur meist entweder Täter oder Opfer, ich wollte aber keines von beiden. Ich wollte, dass das Menschen sind, denen man in Mumbai wirklich begegnen kann. In Indien hat das aber kaum jemand registriert, dort haben sich alle sofort auf die Vater-Sohn-Beziehung gestürzt, weil sie so typisch ist für das Indien dieser Tage.

Ist es nicht ein ziemlich waghalsiges Unterfangen, ausgerechnet einen Muslim in die Rolle des gesellschaftlichen agent provocateur zu stecken.

Ich weiß nicht, die Frage habe ich mir nicht gestellt. Manju ist ein Charakter, der sich stets zu Menschen hingezogen fühlt, die in irgendeiner Form anders sind. Seine Beziehung zu Javed ist daher kein Zufall. Ein schwuler Muslim mag mancher als Provokation lesen, mir ging es aber darum, dass Javed in der Beziehung mit Manju zum Opfer und Manju zu einem sehr ambivalenten Charakter wird.

Mit der Begegnung von Manju und Javed bekommt der Roman einen neuen Ton, weg vom Wettkampf hin zur Liebe. Wie nah sind Wettkampf und Liebe in der indischen Gesellschaft beieinander?

In diesem Fall wollte ich zeigen, dass Manju in einer brutalen Männerwelt aufwächst. Das ist auch das, was mir in den vielen Interviews begegnet ist, die ich für den Roman geführt habe. Die Väter sind in diesen Familien oft so dominant, dass die Frauen wenn nicht abwesend so doch zumindest wenig präsent sind. Das empfand ich als sehr symbolisch für die indische Realität. Eine unerwartete Liebe ist in dieser Gesellschaft das einzige, das einen Weg aus diesem Wettbewerb heraus eröffnet. Wettstreit und Liebe gehen in Indien oft Hand in Hand, hier wollte ich aber, dass sie wie Alternativen erscheinen.