„Das sind schon sehr wilde Verhältnisse“

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Ein Gespräch mit Kathrin Röggla über das gesellschaftliche Miteinander im Zeitalter des Postfaktischen, die Mittel der Kunst, dem etwas entgegenzusetzen, sowie darüber, wie das Unheimliche aus der Gesellschaft in ihren Erzählungsband »Nachtsendung« gekommen ist.

Frau Röggla, Donald Trump regiert demnächst in den USA, Angela Merkel strebt in Deutschland eine vierte Amtszeit an und hier in Berlin übernimmt in wenigen Wochen die erste rot-rot-grüne Koalition die Regierungsgeschäfte. Was geht in einer politischen Autorin wie Ihnen in diesen Zeiten vor?

Trump war ein Realitätsschock. Seine Wahl war nach den Präsidentschaftswahlen in Österreich und dem Brexit in Großbritannien der dritte Fall, bei dem sich in diesem Jahr die Demoskopen geirrt haben. Jetzt überschlagen sich die Medien mit Erklärungs- und Einordnungsversuchen. Dennoch ist erstaunlich, wie dreimal bestimmte Meinungsforschungsinstrumente nicht mehr funktionieren konnten und die Volatilität der Wähler unterschätzt wurde. Ich könnte nun sagen, dass das Protestwähler sind, ebenso gut aber die Ansicht vertreten, dass diese Menschen den Faschismus wollen. In dieser Fragestellung befinde ich mich aktuell. Zugegeben, all das verdeckt die rot-rot-grüne Koalitionsbildung hier in Berlin, die durchaus Anlass zur Hoffnung gibt.

Für uns Künstler stellt sich die Frage, ob wir in einem post-aufklärerischen Zeitalter angekommen sind? Und wenn ja, was heißt das und dürfen wir das akzeptieren? Ich sage natürlich ganz klar, nein, das dürfen wir nicht! In der SZ am Wochenende war ein schönes Bild, das die Erde als eine Scheibe zeigt. Sehr passend, denn wenn man im Mittleren Westen der USA unterwegs ist, dann hat man die Kreationisten und einige andere wunderliche Dinge gleich am Hals. In Österreich ist es eine andere Ausrichtung. Norbert Hofer (der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ) poltert nicht so wie Trump, speist seine Politik aber auch aus einem dezidiert rechtsextremen Umfeld. Seine Vorstellungen sind nicht nur rechtspopulistisch, sondern gehen ganz klar darüber hinaus.

Was hat die Kunst dem denn entgegenzusetzen?

Es entsteht hier eine Geisteshaltung, mit der wir einen anderen Umgang finden müssen. Wir müssen das ernster nehmen, als wir es bisher getan haben, zumindest gilt das für mich. Ich merke, dass ich von Parametern ausgegangen bin, die gar nicht mehr existieren. Ich muss mich viel stärker mit der affektive Kultur und den negativen Reaktionsmustern der Menschen auseinandersetzen. Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy, mit der ich seit einiger Zeit einen Briefwechsel führe, empfiehlt beispielsweise, die gesellschaftliche Empathie zu stärken. Das macht mich nachdenklich, denn ich bin mit Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard groß geworden. Deren kritischer Impetus der Kunst muss auch weiter existieren, denn ein stur humanistisches Konzept hat immer zwei Seiten, es kann auch nach hinten losgehen. Dennoch bin ich sehr nachdenklich geworden über das, was mir A. L. Kennedy geschrieben hat. Zugleich ist mir etwas eingefallen, was auch helfen könnte: Komik und Witz, das hat erstaunliches Potential. Es ist ganz wichtig, auch in diese Richtung zu gehen.

JGSDF Gas mask | Taken by Los688 in Camp Omiya, Japan | Wikimedia Commons

»Immer mehr Menschen werden zu Preppern und pflegen ihre persönliche Untergangsvision.« | Los688 via Wikimedia Commons

Nicht wenige Ihrer Protagonisten in »Nachtsendung« reflektieren und durchlaufen verschiedene Katastrophenszenarien, zahlreiche Erzählungen haben eine Tendenz zum Abgründigen. Wenn die »unheimlichen Geschichten« der Schriftstellerin Kathrin Röggla so nah an der Apokalypse entlangschrammen, wie tief in der Krise ist dann die Gesellschaft, in der diese Schriftstellerin lebt?

Mein Erzählungsband zeigt einen allgemeinen Orientierungsverlust an, der typisch für das Unheimliche ist. Er zeigt aber natürlich auch, dass viele Modelle in die Krise geraten sind. Immer mehr Menschen werden zu Preppern und pflegen ihre persönliche Untergangsvision. Mich hat daran interessiert, Momente einzufangen, in denen sich Zeiten überlappen, Orte verschwinden und man sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher sein kann. In den Erzählungen von »Nachtsendung« ging es mir um klassische Motive des Unheimlichen wie das Doppelgängermotiv, das etwa bei Mittelalterspielen auch heute zu finden ist und für den Orientierungsverlust steht. Beim Schreiben hat mich erstaunt, wie lange es diese Motive schon gibt und wie stark sie mit der Ausbildung des Bürgertums verbunden sind. Es ist nicht zufällig, dass es im Buch zentral um den heute etwas vage definierten Mittelstand geht. Er ist stark unter Druck geraten. Das Bürgertum hat eine lange Geschichte und ist nun, so scheint es, an einem Endpunkt angelangt.

Eigenschaften und Atmosphären beschreiben Sie immer wieder mit dem Zusatz der -haftigkeit. Da ist von »Marriott-Hotel-Haftigkeit« die Rede, von »Seminarraumhaftigkeit« und so weiter. Wie würden Sie denn die aktuelle Deutschland-Haftigkeit umreißen?

Ich würde den Begriff ja eher umgehen, weil er mir politisch konstruiert scheint, geprägt von Merkels Raute und ihrem »Wir schaffen das!«, aber auch von Schröders Deutschland-AG. Dazu kommt auch die Geschichte in all ihren Höhepunkten und Abgründen. In der Summe macht mir das eine Deutschland-Haftigkeit unbehaglich. Die wenn man so will treffendste Beschreibung der aktuellen Deutschland-Haftigkeit habe ich von Flüchtlingen aus Nordafrika gehört, die Deutschland als Sieger der Finanzkrise beschrieben haben. Das kann ich nachvollziehen, schließlich ist Deutschland das einzige Land in Europa, wo es den Menschen im weitesten Sinne noch gut geht, wenngleich die Schere zwischen Arm und Reich auch hierzulande auseinander geht.

Sie schreiben für das Theater und Prosa, sind Mitglied in der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache, nehmen universitäre Berufungen wahr, machen sich für den Nachwuchs stark und sind, ganz nebenbei, noch Vize-Präsidentin der Akademie der Künste. Wie bekommen Sie das alles nebst Familienleben unter einen Hut?

Es entspricht meiner Art zu arbeiten. Ich bin keine Schriftstellerin, die vorrangig im stillen Kämmerlein über ihren Texten brütet. Das muss ich mitunter auch machen, aber ich brauche vor allem die Auseinandersetzung, den Dialog. Ich schreibe meist auf der Basis von Interviews und Gesprächen und profitiere daher viel von der Arbeit an der Akademie der Künste. Ich bekomme durch die Begegnungen dort einfach viel mit. Das Interdisziplinäre an der Akademie entspricht mir extrem. Ich glaube auch, dass ich daraus etwas gewinnen kann, in andere Medien hineingehen, sehen, wie es da läuft. Das ist einfach meine Arbeitsform. Aber ich mache eben auch nichts perfekt, sondern praktiziere den Mut zur Lücke.