„Das sind schon sehr wilde Verhältnisse“

Kathrin-Röggla-Web

Wie begegnen Sie persönlich der zunehmenden Aggressivität im gesellschaftlichen Miteinander, den Angriffen und Attacken im Internet und den sozialen Netzwerken?

Ich bin vor allem mit dem verhaltenen Ton von Journalisten konfrontiert. Wenn ich zum Rechtspopulismus der AfD oder der FPÖ gefragt werde, bin ich immer verwundert, wie verhalten da die Fragen ausfallen. Ich denke mir dann immer, das sind Rassisten, was soll man denn da herumdiskutieren. Mich beschleicht zunehmend das Gefühl, dass wir erst einmal wieder die Grundlagen erklären und etablieren müssen. Das liegt mir nicht, ich finde das mühsam und unheimlich. Wenn sich mein Gegenüber nicht zu sagen traut, dass Menschen, die gegen Ausländer Stimmung machen, Rassisten sind, dann ist das unheimlich. Ich hatte gestern ein Gespräch mit dem ORF und ich musste vorher recherchieren, ob ich Norbert Hofer einen Nazi nennen darf oder nicht. Ein SPÖ’ler hatte das getan und bekam in erster Instanz Recht zugesprochen, in zweiter aber nicht. Das ist sehr eigenartig, denn Hofer trägt schließlich die Kornblume, das Symbol der Illegalen Nazis. Er ist Mitglied dieser einschlägigen Burschenschaft Marko-Germania. Er hat Sachen geschrieben, die rechtsradikales Gedankengut vertreten, aber ich darf ihn nicht so nennen, weil es justiziabel wäre. In Österreich hat sich mittlerweile allerdings eine derart gereizte Kommunikationsstimmung etabliert, dass es tatsächlich nichts mehr taugen würde, das zu tun. Es führt nur zur Abwehr.

Führt das zu einer falschen Political Correctness?

Political Correctness ist ein sehr interessanter Punkt, weil der Begriff gerade in Österreich stark von rechts usurpiert wurde. Die Bewegung der Identitären hat ihn für sich reklamiert und propagiert, dass die Täter von damals die Verletzten von heute sind. Das finde ich absolut widerlich. Literarisch kann ich da aber gut agieren, denn diese grauslichen Verdrehungen sind genau mein Feld.

Wird es darum auch in Ihrem neuen Roman gehen?

Ja, irgendwie schon. Ich beginne mit der Frage der Konsequenzlosigkeit. Wie kann man übersehen, jemanden umgebracht zu haben, und wie kann die Gesellschaft das übersehen? Das ist eine ganz zentrale Frage, die mich stark umtreibt. Ich werde sehen, wo das hinführt. Die Tatsache aber, dass das Maß verloren geht, greift wieder stark um sich. Es wird immer öfter mit zweierlei Maß gemessen.

In einer Geschichte werden Vorräte für den Plan B angelegt.

Pure Autobiografie (lacht).

Haben Sie denn einen Plan B, was die Gegenwart betrifft?

Eigentlich nicht. Noch glaube ich, dass man auch sehr viel in unserer bestehenden Gesellschaft ändern kann. Vor einem Plan B muss erst einmal ein Plan A her.

»Ökonomie hat auch etwas mit privaten Gefühlen zu tun, das sollten wir nicht vergessen.«

»Ökonomie hat auch etwas mit privaten Gefühlen zu tun, das sollten wir nicht vergessen.«

Als Kunst- und Kulturschaffende denken Sie in Ihren Texten immer wieder über die gesellschaftlichen Dimensionen Wirtschaft und Politik nach? »The world is flat« ist nicht nur Thomas L. Friedmans Globalisierungsbibel, sondern auch der Titel einer ihrer Geschichten. Warum ist das Nachdenken über diese Größen eine zentrale Aufgabe von Künstlern?

Wir sind doch alle total davon erfasst. Ich selbst organisiere mich darin und entfliehe den wirtschaftlichen Zwängen nur ab und an beim Schreiben. Ich führe immer wieder den Tanz des Neoliberalismus auf, mit der Selbstvermarktung, mit dem unternehmerischen Selbst, mit dem Alleinstellungsmerkmal des Künstlers. Ich bin immer überrascht, wenn ich gefragt werde, warum ich über so »abseitige Themen« wie Arbeit oder politische Ökonomie schreibe. Dabei definieren sich doch alle über ihre Arbeit. Mir kann keiner sagen, dass das abseitig ist.

Aber es scheint schon so, dass die Literatur mit ihrem Hang ins Explorative die Idee des Rückzugs ins Private sehr stark repräsentiert. Der Gedanke, die Literatur sei der Ort des Verhandelns von privaten Gefühlen, ist einfach zu stark verinnerlicht. Aber Ökonomie hat auch etwas mit privaten Gefühlen zu tun, das sollten wir nicht vergessen.

Sie führen gemeinsam mit Jeanine Meerapfel die Akademie der Künste? Wie arbeiten Sie miteinander?

Mit dem, wie wir arbeiten und was wir machen, bringen wir sehr unterschiedliche Perspektiven zusammen. Wir verstehen uns sehr gut und können gut miteinander sprechen. Wir führen die AdK aber nicht allein. Wichtig ist auch Johannes Odenthal als Programmbeauftragter und Werner Heegewaldt vom Archiv, die zum Wirken der Akademie beitragen. Das Verhältnis zwischen Jeanine Meerapfel und mir ist sehr freundschaftlich, ich kann sehr viel von ihr lernen. Wie sie das macht und mit welcher Ruhe und Klarheit sie das Amt ausfüllt, ist beeindruckend.

Stärkt es ihr gutes Verhältnis, dass Sie beide Frauen sind?

Mit Sicherheit, denn wir kennen beide viele Probleme, die Frauen in der Öffentlichkeit haben und mit denen sie umzugehen versuchen. Frauen werden immer noch oft übersehen. Jeanine Meerapfel würde als klassische Linke wohl sagen, dass es um gleichen Lohn für gleiche Arbeit geht, während ich mich stärker für die ganzen Genderfragen einsetze, wenngleich ich mich auch links einordne.

„Es wird ein heller Tag“ lautet einer der letzten Sätze in Ihrem Buch. Was gibt Ihnen gegenwärtig Hoffnung?

Im letzten Jahr war für mich noch einmal wichtig, mich mit alternativen Lösungsmodellen auseinanderzusetzen. Wir hatten auch eine Konferenz zu »Gedächtnis und Gerechtigkeit« mit Wolfgang Kaleck, bei der ich ihn gefragt habe, was ihn bei seiner Arbeit antreibt. Er sagte mir, dass er oft sehr inspirierende Menschen trifft, die ihn immer wieder neu motivieren. Solche Erzählungen geben mir Mut, daran versuche ich mich zu orientieren. Menschen, die bereit sind, sich politisch zu organisieren für eine offene Gesellschaft, die darüber nachdenken, wie man miteinander umgeht und Dinge ändert, auch wenn es nur Kleinigkeiten und Gesten sind, geben mir Anlass zur Hoffnung.

Frau Röggla, vielen Dank für das Gespräch.

Eine Kurzfassung des Interviews erschien im tip Berlin 25/2016

u1_978-3-10-002487-9Kathrin Röggla: Nachtsendung. Unheimliche Geschichten

S. Fischer Verlag 2016

288 Seiten. 22,00 Euro

Hier bestellen