Von Science Fiction bis zum Literaturklassiker

Berlinale-Literatur_1

Max Frisch, Eugen Ruge, Michel Bergmann, Irvine Welsh, E. M. Forster, Stephen King, Stanisław Lem oder Philip K. Dick – nur einige Literaten, deren Werke es auf die Leinwand und ins Programm der Berliner Filmfestspiele geschafft haben. Eine Übersicht der Literaturverfilmungen auf der 67. Berlinale.

T2 Trainspotting (nach den Romanen »Porno« und »Trainspotting« von Irvine Welsh)

© Sony Pictures Releasing GmbH

© Sony Pictures Releasing GmbH

Hat Renton wirklich eine Familie gegründet, ein Auto und eine Waschmaschine gekauft, wie er es am Ende von Danny Boyles erfolgreichem Kultfilm angekündigt hatte? Oder hat er die 16.000 britischen Pfund aus dem Heroin-Deal, um die er seine Freunde betrogen hat, ganz anders durchgebracht? Fragen, die sich auch 20 Jahre später noch stellen, für deren Beantwortung aber kaum Zeit ist: Renton kehrt an den Ort zurück, der einmal sein Zuhause war, und schon überschlagen sich die Ereignisse. Auf den ersten Blick mag sich vieles in Edinburgh verändert haben, doch für die Freunde von einst blieb auch einiges beim Alten. Jedenfalls scheinen sie nur auf Renton gewartet zu haben. So empfängt der Zyniker Sick Boy ihn mit einem Schlag ins Gesicht, der gerade aus dem Gefängnis entlassene und immer noch agile Begbie läuft beim Wiedersehen Amok, und den ewigen Träumer Spud muss Renton einmal mehr vor dem endgültigen Absturz retten. In derselben Besetzung – auch der Soundtrack spielt eine tragende Rolle – und mit ungebrochenem Tempo stürzt sich die Truppe in die Abgründe des Zuhälter- und Prostituiertenmilieus. Mitten im Chaos sucht Renton weiterhin nach dem Sinn des Lebens.

Regie: Danny Boyle | Mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle

In Zeiten des abnehmenden Lichts (nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Ruge)

© Hannes Hubach

© Hannes Hubach

Ost-Berlin im Frühherbst 1989: Wilhelm Powileit wird 90 und lässt diesen Geburtstag mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Was hat der alte Mann nicht alles erlebt? Seit 75 Jahren überzeugter Kommunist, ist er einst aus Nazi-Deutschland geflohen und war im Exil in Mexiko. Währenddessen wurde sein Stiefsohn Kurt als angeblicher Konterrevolutionär in Moskau verhaftet. Nach seiner Rückkehr in die DDR stand Wilhelm als ehemaligem »West-Emigranten« nur eine eher bescheidene SED-Parteikarriere offen. Heute aber bringen ihm Junge Pioniere ein Ständchen, und er wird mit Orden behängt. Während Wilhelm hartnäckig verleugnet, dass sein Ideal einer besseren Welt nur eine Chimäre war und die großen Hoffnungen von einst in Bürokratie und Angst erstickt sind, verlässt die junge Generation das Land. Auch in seinem privaten Umfeld gibt es Risse, die nicht mehr zu kitten sind … 
Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, zuletzt im Berlinale Wettbewerb mit Als wir träumten, verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einer Studie der verlorenen Utopien. Ein filmisches Gesellschaftsbild, in dem Wege und Irrwege des 20. Jahrhunderts am Beispiel einer auseinanderbrechenden Großfamilie aufgezeigt werden.

Regie: Matti Geschonneck | Mit Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard Schmahl, Evgenia Dodina

Maurice (nach dem Roman von »Maurice« (1971) von E. M. Forster)

Quelle: Cohen Media Group, LLC

Quelle: Cohen Media Group, LLC

Cambridge, King’s College, 1909. Die Kommilitonen Maurice Hall und Clive Durham empfinden füreinander mehr als nur Sympathie. Doch sexuelle Kontakte und gar die »unaussprechliche Sünde der Griechen«, von der sie im Platon-Seminar erfahren, bleiben ein Tabu. Aus Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung, wie sie einem Studienkollegen widerfährt, halten sie ihre Liebe geheim. Später, nachdem Clive standesgemäß geheiratet hat, verbindet sie eine rein platonische Freundschaft. Als Maurice ein Verhältnis mit dem Wildhüter der Durhams beginnt, scheint er sein Lebensglück zu finden … Nach ihrem Oscar-gekrönten A Room with a View (1985) verfilmten James Ivory und sein Partner Ismail Merchant ein weiteres Werk von E. M. Forster, das – 1913/14 geschrieben – erst nach dessen Tod 1970 erscheinen konnte. Sensibel und in melancholischen Tönen erzählt der Film von der Trauer um eine unmögliche Liebe. In der detailgenauen Ausstattung den Edwardianischen Zeitgeist präzise erfassend, offenbaren die erlesenen Bildkompositionen zugleich die geistige Enge einer Gesellschaft, in der Prüderie und Heuchelei regieren. – Welterstaufführung der digital restaurierten Fassung im Vorführformat 4K DCP.

Regie: James Ivory | Mit James Wilby, Hugh Grant, Rupert Graves, Ben Kingsley

Call Me by Your Name (nach dem gleichnamigen Roman von André Aciman)

© Sony Pictures Classics 

© Sony Pictures Classics

Ein heißer, sonnendurchtränkter Sommer auf dem norditalienischen Landsitz von Elios Eltern im Jahr 1983. Der 17-Jährige hört Musik und liest Bücher, geht schwimmen und langweilt sich, bis eines Tages der neue Assistent seines Vaters aus Amerika in der großzügigen Villa ankommt. Der charmante Oliver, der wie Elio jüdische Wurzeln hat, ist jung, selbstbewusst und gutaussehend. Anfangs reagiert Elio eher kühl und abwehrend auf ihn, doch schon bald unternehmen die beiden öfter Ausflüge miteinander, und Elio beginnt zögerliche Annäherungsversuche, die zunehmend intimer werden – auch wenn man, wie Oliver sagt, »über solche Dinge nicht sprechen kann«. Die Anziehung zwischen den beiden wird im Laufe des kurzen Sommers immer intensiver.

Regisseur Luca Guadagnino schrieb das Drehbuch zum gleichnamigen Roman des Autors André Aciman zusammen mit dem US-amerikanischen Regisseur James Ivory und Walter Fasano. Die Erinnerungen des Ich-Erzählers Elio übersetzt er in ruhige, stimmungsvolle Bilder. Hauptdarsteller des Dramas über ein unerwartetes Coming-out ist neben den Schauspielern Timothée Chalamet und Armie Hammer die verführerische Landschaft.

Regie: Luca Guadagnino | Mit Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Esther Garrel

Return to Montauk (angelehnt an das Leben von Max Frisch und dessen Roman »Montauk«)

© Wild Bunch Germany 2017 / Ann Ray

© Wild Bunch Germany 2017 / Ann Ray

Der Schriftsteller Max Zorn, Anfang 60, reist zu seiner Buchpremiere nach New York. Dort erwartet ihn seine Frau Clara, die für den amerikanischen Verlag an der Veröffentlichung mitgearbeitet hat. Sein sehr persönlicher Roman handelt vom Scheitern einer großen Liebe. Schon bald trifft Max die Frau von damals wieder: Rebecca, in Deutschland geboren, lebt als erfolgreiche Anwältin in New York. Gemeinsam kehren sie für ein Winterwochenende nach Montauk zurück, das Küstenstädtchen am Ende von Long Island, wo sie einst glücklich waren. Rebecca ist distanziert, verletzt, Max möchte sich ihr wieder annähern. Man spricht über die Jahre, die man nicht miteinander verbracht hat, Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit werden lebendig. Doch haben die Gefühle von damals noch eine Gegenwart oder eine Zukunft? Volker Schlöndorff widmet sich nach »Homo Faber« noch einmal dem Universum seines Freundes Max Frisch. Vorgegebene Motive wie das Glück und der Schmerz von Erinnerungen werden variiert und in eine neue filmische Erzählung überführt.

Regie: Volker Schlöndorff | Mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff

Pokot (nach dem Roman »Der Gesang der Fledermäuse« von Olga Tokarczuk)

© Robert Paêka

© Robert Paêka

Duszejko, eine pensionierte Brückenbauingenieurin, lebt zurückgezogen in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Sie ist charismatisch, exzentrisch, eine leidenschaftliche Astrologin und strikte Vegetarierin. Eines Tages sind ihre geliebten Hunde verschwunden. Wenig später entdeckt sie in einer verschneiten Winternacht ihren toten Nachbarn und bei dessen Leiche eine Hirschfährte. Weitere Männer sterben auf mysteriöse Weise. Alle hatten ihren festen Platz in der dörflichen Gemeinschaft, alle waren passionierte Jäger. Haben wilde Tiere die Männer auf dem Gewissen? Oder lässt sich ein Mensch zu einem blutigen Rachefeldzug hinreißen? Irgendwann fällt der Verdacht auf Duszejko …

Nach ihrem Ausflug in die Welt der Serien meldet sich Agnieszka Holland mit einem subversiven Krimi auf der großen Leinwand zurück. Pokot spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Schönheit jedoch nicht über Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner hinwegtäuscht. Fest verwurzelt in der Realität der polnischen Provinz, ist der Film so anarchistisch wie seine Heldin – ein waghalsiger Genremix aus komischer Detektivstory, spannendem Ökothriller und feministischem Märchen.

Regie: Agnieszka Holland | Mit Agnieszka Mandat, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot, Jakub Gierszał, Patricia Volny, Borys Szyc

Es war einmal in Deutschland … (nach dem Roman »Die Teilfacher« von Michel Bergmann)

© 2017 - IGC Films -Virginie Saint-Martin

© 2017 – IGC Films -Virginie Saint-Martin

Frankfurt 1946: Der jüdische Kaufmann David will mit Freunden, die wie er knapp dem Tod entkommen sind, ein Geschäft aufziehen. Dabei knüpft er an die Tradition seiner im Holocaust ermordeten Familie an, die einen Weißwäsche-Handel betrieben hat. Von Haustür zu Haustür ziehen die selbst ernannten Handelsvertreter und verschaffen sich mit aberwitzigen Tricks Einlass, um deutschen Hausfrauen feinste Bettwäsche anzubieten. Ihre Erlebnisse setzen sich zu einem Bild der frühen Nachkriegszeit aus jüdischer Perspektive zusammen.

Sam Garbarski übernimmt den mal lakonischen, mal komischen, Tonfall der literarischen Vorlage, Michel Bergmanns Teilacher-Trilogie. Scheinbar beiläufig werden große Fragen behandelt: Bleibt man im Land der Verfolger, das einst die Heimat war? Oder versucht man mit dem frisch verdienten Geld so schnell wie möglich auszureisen? Mit Fragen ganz anderer Art wird David konfrontiert, der den Holocaust aufgrund seines komischen Talents mit Nummernrevues für die Nazis überlebt hat. Special Agent Sara Simon erforscht seine Vergangenheit. Sie will in Erfahrung bringen, weshalb er zwei Pässe hatte und warum er Adolf Hitler auf dem Obersalzberg besuchen sollte.

Regie: Sam Garbarski | Mit Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Mark Ivanir, Hans Löw

The Lost City of Z (nach dem gleichnamigen Buch von David Grann)

© 2016 LCOZ HOLDINGS, LLC / Aidan Monaghan

© 2016 LCOZ HOLDINGS, LLC / Aidan Monaghan

Aufgrund seiner einfachen Herkunft hat Percy Fawcett als Soldat im England der 1920er-Jahre wenig Aufstiegschancen. Von der Royal Society auf eine Expedition zur Landvermessung in Bolivien entsandt, ist er trotz der Strapazen vom Dschungel fasziniert. Er lässt sich auf eine weitere Expedition ein und nimmt dabei in Kauf, dass die jahrelange Abwesenheit ihn von seiner Frau entfremdet, die eigenen Kinder ihn kaum kennen. Im Regenwald des Amazonas findet er Spuren vergangener Zivilisationen. Er ist überzeugt von der Existenz einer versunkenen Metropole, der mysteriösen Stadt Z. Doch etablierte Wissenschaftler lachen ihn aus. Getrieben von dem Wunsch, seine Theorie zu beweisen, begibt sich Fawcett zusammen mit seinem mittlerweile erwachsenen Sohn auf eine verhängnisvolle letzte Reise. Die dramatischen Geschehnisse im brasilianischen Urwald geben bis heute Anlass zu zahlreichen Spekulationen. Nach dem Sachbuch von David Grann erzählt James Gray eine dramatische Abenteuergeschichte und porträtiert gekonnt die gesellschaftlichen Konventionen in einer Zeit großer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche.

Regie: James Gray | Mit Charlie Hunnam, Robert Pattinson, Sienna Miller, Tom Holland, Edward Ashley, Angus Macfadyen

SS-GB (nach dem gleichnamigen Roman von Len Deighton)

© Sid Gentle Films Ltd

© Sid Gentle Films Ltd

Verstörende Dystopie: In einem von den Nazis besiegten und besetzten Großbritannien führt eine Mordermittlung Detektiv Douglas Archer ins Schwarzmarktmilieu. Er gerät zwischen die Fronten von SS, Scotland Yard und der britischen Widerstandsbewegung.

Regie: Philipp Kadelbach | Sam Riley, Kate Bosworth, Lars Eidinger, James Cosmo