Ein Kampf um den eigenen Sohn

© Federica Valabrega

Erst verliert er seine Mutter, dann muss der Sohn des jüdischen Verkäufers Menashe aus religiösen Gründen zu seinem Onkel ziehen. Joshua Z. Weinsteins Film »Menashe« erzählt von radikalen Regeln des ultraorthodoxen Judentums und dem Leben in einer Parallelgesellschaft.

Wenn man über religiöse Parallelgesellschaften in den USA nachdenkt, dann fallen einem sofort Bilder von Amish-People, der rechten Evangelikalen oder dem Ku-Klux-Klan ein. An orthodoxe Juden denkt man erst einmal nicht, die assoziiert man eher mit Jerusalem oder dem nordisraelischen Zfat. Wenn man Joshua Z. Weinsteins jiddischen Film Menashe gesehen hat, ändert sich das, denn er ist neben einem Porträt eines um seinen Sohn kämpfenden Vaters auch ein Abbild der jüdisch-orthodoxen Parallelgesellschaft mitten in Brooklyn.

Der füllige Menashe ist ein gehorsames Mitglied einer orthodoxen jüdischen Community. Seit dem Tod seiner Frau steht sein Leben auf dem Kopf. Er muss plötzlich für sich alleine sorgen. Dabei überfordern ihn vermeintlich schon die kleinsten Dinge. Die Fehler, die er in dem Supermarkt macht, in dem er jobbt, häufen sich. Am Gemeindeleben nimmt er nur noch leidlich teil und seine Wohnung droht im Chaos zu versinken.

Menashe ist zweifellos kein Charakter, der mit beiden Beinen jemals fest im Leben gestanden hat. Die Gründe für seine aktuellen Schwierigkeiten liegen aber nicht bei ihm, sondern in den Verhältnissen, in die er gezwungen wird. Seine Gemeinde hat ihm seinen Sohn entzogen und diesen zum autoritären ultraorthodoxen Bruder seiner verstorbenen Frau gegeben. Die Thora schreibe vor, »dass Kinder in Zweielternfamilien aufwachsen müssen«. Und da sich Menashe nach seiner ersten arrangierten Ehe schwer tut, kaum ein Jahr nach dem Tod seiner Frau eine weiteres Zweckbündnis zu schließen, darf sein zehnjähriger Sohn nicht bei ihm leben.

© Federica Valabrega

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Speisevorschriften, unablässige religiöse Studien und archaische Geschlechterrollen – all das ist vom ultraorthodoxen Judentum bekannt. Wie tief und unbarmherzig aber die Religion bis in die privatesten Bereiche der Gläubigen eindringt, das wird dem Laien erst in diesem Film in bedrückender Weise deutlich. Vor allem vermittelt der Film, wie die ultraorthodoxen Rabbies jeden reformerischen Gedanken im Keim ersticken, indem sie den Blick auf das Alte Testament lenken, so dass er gar nicht erst auf den Menschen und seine Bedürfnissen fallen könnte.

Es ist der gesellschaftliche Druck in dieser ideologisch geschlossenen und nach außen hin weitgehend abgeschotteten Gesellschaft, der das Leben von Vater und Sohn zu einer permanenten Zumutung macht. Weinstein zeigt das vertraute Beisammensein der beiden in den wenigen gemeinsamen Momenten, die sie sich schaffen. Diesen berührenden Szenen steht Menashes vergebliches Ringen um seinen Sohn, seine Einsamkeit, die immer wieder aufkeimende Wut sowie das kleinmütige Einknicken vor den religiösen Vorschriften geradezu konträr gegenüber.

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn dem amerikanischen Regisseur intensivere Szenen mit dem Jungen gelungen wären, die dessen Situation stärker in den Vordergrund stellen. Denn schließlich ist er es, der aus seinem Elternhaus gerissen wird und unter Umständen aufwachsen muss, die er sich nicht ausgesucht hat. Dem Heranwachsenden wird die Betreuung durch seine Eltern beziehungsweise seinen Vater, wie sie Artikel 7 der UN-Kinderrechtskonvention vorsieht, vorenthalten. Die psychologische Beeinträchtigung durch diese Umstände ist ihm bereits anzumerken.

Der Wille zur Aufklärung dieses Films ist unübersehbar. Er bleibt nah an seiner zentralen Figur, zeigt ihre Lebenswelt und die unzähligen Widersprüche zwischen moralischem Anspruch und dogmatischer Wirklichkeit. Die Kritik an dieser rigiden Auslegung des Judentums, die mit individuellem Glauben nichts mehr, dafür aber viel mit Unterwürfigkeit, ja sogar mit der Verachtung des Individuums zu tun hat, ist nicht laut, aber derart beständig, dass sie offensichtlich ist.

Mit Menashe erhalten wir einen Blick in eine Parallelwelt, von der die wenigsten etwas ahnen. Und die vielleicht genau deshalb so inhuman sein kann, wie sie hier gezeigt wird.