Tiefenschicht

Abandoned houses, Polk St, Gary, Indiana | Lotzman Katzman (CC BY 2.0)

Ganz im Gegenteil von J.D.s Mom, ein dramatisch-drastisches Beispiel für Vance Heimat. Mom ist eine überforderte Mutter, eine Anti- oder A-Mutter. Sie ist nicht in der Lage, eine mütterliche Rolle einzunehmen, weil sie mit ihrem eigenen Leben nicht zurechtkommt. In Phasen ist sie immer wieder abhängig von Drogen, bis vor kurzem von Heroin. Heroin ist, das sei kurz erwähnt, die Nummer-Eins-Todesursache in ihrer Heimat. In einer Szene beschreibt Vance, wie sie ihn eines Morgens nötigte, ihr seine Urinprobe zu geben, aus Angst, ihre Stelle als Krankenschwester zu verlieren. Für sie ist Gewalt gelebte Selbstverständlichkeit, einem guten Argument immer ebenbürtig. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren, weil sie in dramatischer, absurder Weise versucht, sich und ihrem Sohn das Leben zu nehmen. Um ihr die Haftstrafe zu ersparen, wird Vance vor Gericht lügen. Diese Szene ist auch deshalb so einprägend, weil Vance zum ersten Mal Menschen hört, die sprechen wie die Menschen im Fernsehen. Klar, deutlich und frei von Kraftausdrücken. Es war aber auch das Ereignis, in dem ihm klar wurde, auf welche Seite er gehörte. Zu denen, die wie im Fernsehen sprechen konnten, eben nicht.

Mom ist eine tragische Person. Eine Frau, die ihre Fähigkeiten nie in Konstruktives umsetzte. Die den zweitbesten Abschluss in ihrer Highschool-Klasse nach Hause brachte und dann, wie ihre eigene Mutter, früh Kinder bekam. Am Ende reichte es für sie, Krankenschwester zu werden. Ein ehrenhafter Beruf, aber weit unter ihren Möglichkeiten. Stattdessen war sie stets auf der Suche nach einem Mann. Ein erfolgloses Unterfangen, und so säumen etliche Vaterfiguren das Leben des Autors. »Von allen Dingen in meiner Kindheit, die ich hasste,« so Vance an einer Stelle, »war die Drehtür der Vaterfiguren bei weitem das Furchtbarste.«

Sein biologischer Vater taucht spät in dieser Autobiographie auf, weil dieser erst nach einer religiösen Erweckung die Rolle als Vater einnehmen kann. Er ist die einzige Person, die in diesem Buch kirchlich gebunden ist. Von seinem Adoptiv-Vater hat er den Namen übernommen.

Dann ist da noch Lindsay, seine Schwester, neben Papaw und Mamaw die zweite wichtige Konstante. Erst spät erkennt Vance, dass sie eigentlich nur seine Halbschwester ist, was aber nie mehr thematisiert werden darf. Die beiden prägt ein symbiotisches Verhältnis. Dass Lindsay das Muster ihrer Mutter und Großmutter durchbrochen hat und eine stabile und ernsthafte Ehe führt, macht Vance unglaublich stolz.

Schließlich Usha, die Frau des Autors. Sie haben sich während ihres Studiums in Yale kennengelernt. Usha stammt aus einer anderen, aus der privilegierten Welt. Sie ist die seine Garantin, in der anderen Welt dauerhaft zu bleiben. Sie durchbricht seine Reflexe, die Muster der alten Welt. Sie ist nicht nur seine Ehefrau, sondern auch Lehrerin und Erzieherin.

Hillbilly-Elegie ist ein Buch von gesellschaftlichen Mustern, Mustern, die den Menschen im Rustbelt es verunmöglichen, ihr Leben in den Griff zu bekommen und aus eigenem Antrieb die ökonomische Misere zu überwinden. Vance hat einen kritischen Blick auf das Milieu, aus dem er stammt. Dessen Menschen dauernd davon reden, wie hart sie arbeiten. Allerdings arbeiten dreißig Prozent der jungen Männer weniger als zwanzig Stunden in der Woche. Ein kritischer Blick auf die selbstverschuldete Unmündigkeit, im Elend zu verharren und dieses Verharren anderen in die Schuhe zu schieben. »Wir reden ständig über den Wert harter Arbeit, und machen uns weis, dass wir nur deshalb nicht arbeiten, weil wir unfair behandelt werden: weil Obama die Kohlebergwerke geschlossen hat, oder weil alle Stellen nach China abgewandert sind. Das sind die Lügen, die wir uns selbst erzählen, um unsere kognitive Dissonanz aufzulösen – die Abkoppelung zwischen der Welt, die wir vor Augen haben, und den Werten, die wir predigen.« Die Anschlussfähigkeit an Trumps Wahlversprechen und Regierungspolitik sind offensichtlich: Renaissance der Kohle und Wirtschaftskrieg gegen China.

Superior Beverage Co at 21st Ave Gary, Indiana | Lotzman Katzman (CC BY 2.0)

Superior Beverage Co at 21st Ave Gary, Indiana | Lotzman Katzman (CC BY 2.0)

Vance’ Weltbestseller ist famoses Buch, auch wenn vieles in ihm fehlt oder andere Dinge zu stark sind. Es ist ein Buch voller anschaulicher Anekdoten, es ist zugleich oder deswegen wenig analytisch. »Unsere Elegie ist eine soziologische, aber sie handelt auch von Psychologie und Gemeinschaft und Kultur und Glauben.« Vance zieht keine Synthese aus seinen Erfahrungen. Es ist nicht klar, warum er sich einer Analyse verwehrt, warum er keine Ableitung aus seinen Erfahrungen zieht. Während Didier Eribon in seiner Lebensgeschichte Rückkehr nach Reims eine politische Erklärung erarbeitet, warum die französische Arbeiterklasse, die früher sozialistisch oder kommunistisch gewählt hat, nun ihre Stimme bei Marine Le Pen und dem Front National macht, deutet Vance lediglich an, dass die Generation seines Großvaters früher immer die Demokraten gewählt hat, nun aber für die Republikaner stimmt. Vielleicht, weil er der Politik zwar zutraut, das Milieu, aus dem er stammt, zu unterstützten, er aber sicher ist, dass »keine Regierung der Welt die Probleme für uns lösen kann«.

An eine Stelle beklagt er sich darüber, dass nichts die amerikanische Gesellschaft im Kern zusammenhalte. Dass die USA in zwei Kriege verstrickt sei, die sie nicht gewinnen könne. Und dass diese Kriege überproportional von Soldaten bestritten wurde, die seine Nachbarn oder Freunde hätten sein können. Schließlich, dass die Wirtschaft das elementarste Versprechen des amerikanischen Traums nicht mehr erfülle: einen festen Lohn. Dies mit fatalen Folgen: »Wenn man glaubt, dass harte Arbeit sich auszahlt, dann arbeitet man auch hart. Wenn man dagegen glaubt, dass jeder Versuch voranzukommen von vornherein zum Scheitern verurteilt ist – warum wollte man es dann überhaupt versuchen?«

Teil dieser Abwärtsspirale sind ausgerechnet die Konservativen. Statt den Abgehängten, Prekären, Unsicheren Mut zu machen, schürten Konservative eine Art von Unmündigkeit, die den Ehrgeiz vieler untergrabe. Sie täten damit genau das Gegenteil dessen, für was die Tradition dieser Partei seht, nämlich Menschen zu ermutigen, eigenständig aus einer auch selbst verschuldeten Unmündigkeit zu gelangen. Die Konservativen schüren, so Vance, den Pessimismus in den USA, der nirgendwo so ausgeprägt ist wie bei weißen Arbeitern. Die Erwartung der weißen Arbeiterschicht in Amerika ist damit tief gesunken. Und für Vance ist es daher kaum überraschend, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich für ein besseres Leben anzustrengen. Der Pessimismus als self-fulfilling prophecy.

Ob Vance sich einer Interpretation verweigert, weil er dafür zu jung ist, um eine Synthese zu generieren, oder ob er seine spezifischen Erfahrungen nicht politisch instrumentalisieren lassen möchte, sei dahingestellt. Die Uneindeutigkeit seiner Haltung mag einer der Gründe für den Erfolg seines Buches zu sein. Wo keine Interpretation offensichtlich ist, kann jeder seine eigene Interpretation liefern. Aus dem Steinbruch der Anekdoten ist immer eine zu finden, die die eigene Interpretation stützt. Dieser Steinbruch von Erfahrungen aus einem Milieu, das uns sehr fremd ist, zwingt die Etablierten aber dazu, eigene Analysen zu erstellen. Dabei sollten wir das Ethos von J. D. Vance verinnerlichen: wir sollten es uns nicht zu einfach machen und uns in unseren seit langem geteilten Annahmen bestätigen lassen. Den schnellen, den vermeintlich offensichtlichen Interpretationen hat sich Vance verweigert, wir sollten das auch tun. »Die genaue Lösung kenne ich auch nicht, aber ich weiß, dass sie dort ansetzt, wo wir aufhören, Obama oder Bush oder irgendwelche gesichtslosen Konzerne verantwortlich zu machen und uns fragen, was wir selbst tun können, um die Lage zu verbessern.« Wenn Hillbilly-Elegie diese Haltung in uns auslöst, ist es in der Tat eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Dekade.

9783550050084_coverJ. D. Vance: Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise

Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

Ullstein Verlage 2017

304 Seiten. 22,- Euro

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