»Auch als Frau kann man einfach Spaß am Sex haben«

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Sexualität taucht in deinen Arbeiten immer wieder auf. Für SPRING hast Du auch mal Swingerpaare porträtiert. Geht es Dir hier auch um eine Enttabuisierung des Sexuellen?

Es gehört zur Wirklichkeit dazu und es macht auch Spaß, das zu Zeichnen. Die Zeichnung eignet sich einfach wunderbar für erotische Darstellungen. Viele Künstler zeichnen gerne Sex oder nackte Menschen, das ist natürlich eine Tradition. Auch in der Neunten Kunst. Schon bevor ich Comics gezeichnet habe, habe ich in Wien in der Bibliothek erotische Comics entdeckt. Die fand ich toll und großartig.

In Deinem neuen Comic sagt Deine Mutter an einer Stelle, dass man von Kunst nicht leben kann. Ist es für Dich manchmal eine Art stiller Triumph, dass Du es doch kannst?

Das ist ein wahnsinniger, großer und lauter Triumph. Das ist fantastisch. Ich bin überglücklich, dass ich mit dem, was mir Spaß macht, auch noch Anerkennung ernte und davon leben kann. Ich empfinde das als wahnsinniges Privileg.

Dein Weg in die Kunst- und Comicwelt war beschwerlich. Kannst Du die beschwerlichen Anfänge bis zum Durchbruch noch einmal kurz beschreiben?

Schulabbruch, Reise, Zurückgekommen, Mappen gezeichnet… Dann habe ich sehr lange herumgesumpert. Ich habe mehrmals den Anlauf gestartet, an der Hochschule zu studieren. Aber die haben mich nicht aufgenommen. Als Künstler braucht man keine Matura, das wäre die einzige Möglichkeit für mich gewesen, zu studieren. Das hat in Österreich nicht geklappt, aber ich habe für meinen Sohn Kinderbücher gezeichnet. Es gab also schon diese Bücher, ich fing an, mich zu professionalisieren, war aber immer noch limitiert in meinen zeichnerischen Möglichkeiten. Einem der Verlage, in denen die Kinderbücher erschienen, unterlief ein Druckfehler im Programm. Da stand bei meiner Vita, ich hätte in Berlin studiert. Die falsche Angabe war mir unverhältnismäßig unangenehm, ich litt darunter, nicht studiert zu haben. Deshalb beschloss ich kurzerhand, nachträglich nach Berlin zu ziehen und es dort mit dem Kunststudium zu versuchen.

Leseprobe_heute_ist-3Wie war dieser Wechsel von Wien nach Berlin?

Es war eine Offenbarung. An der Universität der Künste (UDK) dachte man, ich studiere in Wien und wurde ganz zuvorkommend behandelt. Ich fand das Studium gut, weil ich zuvor jahrelang autodidaktisch gezeichnet habe. Das ist irrsinnig mühsam, weil man kein Feedback bekommt. Das einzige, was man bekommt, ist das »Oh ja, toll« der Freunde, die immer alles irgendwie toll finden, oder das ablehnende »Das reicht nicht« der Profis. In der Uni redet man aber plötzlich über die Arbeiten und alle interessieren sich nur für die Qualität des Werks, und nicht, ob es sich verkauft oder nicht. Ich bin ja quasi als Autodidakt direkt eingestiegen über die Kinderbuchillustration, das Studium habe ich aber dennoch gebraucht. Ich habe richtig viel gelernt. Ich habe vorher zum Beispiel keine Gesichter zeichnen können. Während des Studiums aber habe ich täglich in der U-Bahn Gesichter gezeichnet. Aus dieser Zeit kommt wohl auch mein Hang zur Alltagsbeobachtung. Damals hatte ich das erste Mal die Idee, Reportagen aus dem Alltag in Berlin zu zeichnen. Und mit der Zeit habe ich entdeckt, dass das mein Ding ist. Das hat viel auch mit Berlin zu tun.

Auch Dein Studium war kein Selbstläufer, Du warst zunächst gar nicht richtig immatrikuliert.

Ich war fast drei Jahre lang Gasthörer. Auch an der Kunsthochschule in Weißensee war ich ein Jahr lang Gasthörer, konnte dann aber im zweiten Studienjahr anfangen, nachdem mich auch die UdK abgelehnt hatte. Weißensee war großartig, gute Schule. Mawil hat mit mir studiert, wie waren in einer Klasse. Kai Pfeiffer hat im Jahr über mir studiert, und wir hatten die Gruppe Monogatari. Das war klasse, eine tolle Zeit.

Mit »Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens« hast Du einen Überraschungserfolg gelandet, an den scheinbar nicht einmal Dein Verleger so richtig geglaubt hat.

Tatsächlich hatte er im Herbst, als das Buch erscheinen sollte, kurz gesagt, dass er es vielleicht ins Frühjahr verschieben will. Aber da war der FAZ-Artikel schon raus. Das war schon irgendwie schräg, aber gut.

Warum bist Du mit Deinem zweiten Buch zum Suhrkamp-Verlag gewechselt?

Suhrkamp hatte mich gebeten, eine Adaption zu machen. Das hat mich gefreut, weil ich das schon lange wollte. Wir Comiczeichner fanden es großartig, dass ein Verlag wie Suhrkamp Comics macht, weil das das Medium in der öffentlichen Wahrnehmung noch einmal deutlich hebt. Zugleich haben wir es immer kritisiert, dass da nur Adaptionen erscheinen sollten, weil das nur eine halbgare Geschichte ist.

»Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein« ist auch bei Suhrkamp erschienen.

Ich fand es gut und wichtig, als mir Suhrkamp gesagt hat, dass sie auch ein Original wie meinen neuen Comic machen würden. Das Schöne bei Suhrkamp ist es, dass es sich wie in einem Indieverlag anfühlt – extrem offen und künstlerfreundlich. Und sie sind in den Buchhandlungen natürlich gut vertreten, in den Comicläden leider nicht so stark. Bei den Comicverlagen ist das anders: die sind in den Comicläden stark, aber im allgemeinen Buchhandel eher schlecht vertreten. Das nächste Buch werde ich nichts desto trotz aber hoffentlich wieder bei Hannes (Johann Ulrich, Verleger des avant-Verlags, A.d.A.) machen. Ich bin dort nicht einfach weggegangen. Es ist mir auch ein bisschen unangenehm, wenn dieser Eindruck entsteht.

Du hast hierzulande und in Frankreich wichtige Comicpreise gewonnen und bist in den USA sogar für die renommierten Eisner-Awards nominiert worden. Das ist vor Dir nur Reinhard Kleist gelungen. Da bist Du zwar leer ausgegangen, aber kurz danach hast Du den LA Times Book Award gewonnen? Und in Angoulême bist Du nun in der Kategorie Bester Comic des Jahres auf der Shortlist. Was bedeuten Dir diese Erfolge?

Wahnsinnig toll ist das. Der Witz ist, dass in unserem Bereich die Auflagen so niedrig sind, dass man einen Super-Mega-Erfolg haben muss, um überhaupt über die Runden zu kommen. Es gibt nur einen ganz schmalen Grat, auf dem man überlebensfähig ist. Wenn man nur einen Achtungserfolg hat, dann muss man viele Nebenjobs haben. Der Comic ist zudem noch ein neues und junges Medium, da muss man umso sichtbarer sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Im Literaturbereich wäre das nicht so bedeutsam.

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