Die ReBELLion von Trash-Island

Isle of Dogs | Isle of Dogs – Ataris Reise © 2017 Twentieth Century Fox

Wes Andersons Animationsfilm »Isle of Dogs« eröffnet die Berlinale. Nach »Der Fantastische Mr. Fox« ist dies bereits der zweite Stop-Motion-Film des amerikanischen Ausnahmeregisseurs, in dem er einmal mehr mit viel Liebe zum Detail ein faszinierendes Universum vor den Augen der Zuschauer entstehen lässt.

Isle of Dogs erzählt die Geschichte des Zwölfjährigen Atari Kobayashi, der von seinem Onkel – dem korrupten Bürgermeister der japanischen Metropole Megasaki City – nach dem Tod seiner Eltern adoptiert wurde. Die Familie Kobayashi steht seit Jahrhunderten in einer traditionellen Verbindung mit den Katzen, weshalb die Regierung unter Ataris Onkel die Hunde der Stadt mit verschiedenen Krankheiten infiziert. Es wird entschieden, alle Hunde der Stadt auf die einige Kilometer vom Festland entfernte Müllinsel zu verbannen und sie dort ihrem Schicksal zu überlassen.

Die Insel ist ein Abbild der organisierten Müllverwaltung. Zu Würfeln gestapelt bildet der Abfall Megasakis ein Dystopia, in dem sich die erkrankten Hunde der Stadt wiederfinden. Die uralten Fabriken tun schon lange nicht mehr ihren Dienst, Müll wird hier nicht recycelt, sondern einfach nur gelagert – aus den Augen, aus dem Sinn. Die Vierbeiner wären hier komplett sich selbst überlassen, wäre nicht auch Ataris Wachhund Spots auf die Insel verschickt worden. Mit einer kaum flugtüchtigen Maschine wagt sich der zwölfjährige Atari auf die Insel und sucht – unterstützt von einer Meute selbstbewusster Köter namens Rex, King, Duke, Boss und Chief – nach seinem Hund. Der Regierung gefällt das gar nicht, sie versucht ihn zurückzuholen, doch der Junge ist entschlossener als sie vermutet. Mit einer Handvoll beißwütiger Vierbeiner führt er die ReBELLion von der Insel zurück aufs Festland.

Wes Anderson inszeniert hier im Stop-Motion-Verfahren die klassische Geschichte von Gut gegen Böse. Das Verfahren erlebte in der jüngeren Vergangenheit ein Revival, Claude Barras 2016 in Cannes gefeierter Animationsfilm Mein Leben als Zucchini sowie Travis Knights bewegende Origami-Saga Kubo. Der tapfere Samurai bedienen sich der gleichen Technik. Andersons Geschichte zieht den Zuschauer natürlich direkt auf die Seite der verbannten Hunde, nicht zuletzt auch aufgrund der liebevollen Gestaltung der Puppen. Die können in den berührenden Momenten nicht nur den typischen Hundeblick aufsetzen, sondern ihnen steigen auch schon mal Tränen in die tieftraurigen Augen.

Berlinale 2018: Die sehenswertesten Filme des Festivals

Kim Ki-duk: Inkan, gongkan, sikan grigo inkan – PANORAMA

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Es ist eine illustre Gesellschaft, die auf einem alten Militärschiff in See sticht und sich plötzlich in einem Luftschiff wiederfindet. Die Schicksalsgemeinschaft sieht sich eine Schlägerbande gegenüber, die kein Erbarmen kennt. Kim Ki-duk, der mit »Pieta« in Venedig gewann, zeigt seine Version des Leviathan auf der Berlinale. Denn der Mensch ist des Menschen Wolf. | © Kim Ki-duk Film

Anderson, der mit Grand Budapest Hotel 2014 das Festival eröffnete und den Großen Preis der Jury gewann, wäre aber nicht der Anderson, wenn er sich mit einer berührenden Geschichte zufriedengäbe. Isle of Dogs überzeugt in seiner Liebe fürs Detail. Der Film ist eine Hommage an die japanische Kultur, indem er die Geschichte in das Szenario einer Puppentheateraufführung einbettet und der er mit japanischen Taiko-Trommeln den Rhythmus vorgibt. Dass er zudem noch für Hokusais große Welle einen adäquaten Platz findet, zeigt, mit wieviel Herzblut der Macher von The Royal Tenenbaums, Darjeeling Limited und Moonrise Kingdom an die Sache herangegangen ist.

Und da ein Genie meist andere Genies anzieht, konnte Anderson Stars wie Scarlett Johansson, Bill Murray, Tilda Swinton, Edward Norton, Yoko Ono, Bryan Cranston, Greta Gerwig, Frances McDormand und Harvey Keitel für die Sprecherrollen der Puppen gewinnen. Im Mai kommt Isle of Dogs in die deutschen Kinos. Mit der Behauptung, dann einen der besten Animationsfilme des Jahres sehen zu können, lehnt man sich nicht zu weit aus dem Fenster.